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Hohe Dunkelziffer : Missbrauch per Webcam

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Neue Form des Sextourismus in Deutschland

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Der Mann soll den Kindesmissbrauch live per Webcam verfolgt haben. Gegen Geld soll er Täter und Opfer Handlungsanweisungen gegeben haben. Anfang des Monats wanderte der 48-Jährige aus dem oberbayerischen Landkreis Altötting in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Traunstein und das Bundeskriminalamt (BKA) schreiben vom „noch neuen Modus Operandi des ,Webcam Child Sex Tourism’“ (WCST).

Das Phänomen Webcam-Kindersextourismus gibt es seit wenigen Jahren. Genaue Zahlen nennt das BKA nicht. Wie in dem gesamten Bereich gebe es aber eine hohe Dunkelziffer, sagt Matthias Wenz vom Referat zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen.  Ganz selten stießen die Ermittler auf einen größeren Personenkreis, der sich darüber austausche und auch persönlich kenne.

WCST könne eine Alternative für den tatsächlichen Sextourismus sein, bei dem Täter ins Ausland fahren, um sich an Kindern zu vergehen. „Wir vermuten, dass der eine oder andere mit Webcam-Sex die Zeit bis zur nächsten Reise überbrücken will“, sagt Wenz.

Das Kinderhilfswerk terre des hommes betont: „WCST ermöglicht Missbrauchern den direkten Zugang zu ungeschützten Kindern gegen ein geringes Entgelt, was bedeutet, dass sie Opfer in anderen Ländern leichter und häufiger missbrauchen können als je zuvor.“ 10 bis 100 US-Dollar zahle ein Kunde im Schnitt pro „Show“.

Generell ließen sich die Täter schwer einordnen, sagt Wenz. „Sexueller Missbrauch zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten, unabhängig von Job oder Vermögen.“ Auch Frauen seien unter den Tätern, so terre des hommes. Die Kunden seien meist in reichen Ländern zu Hause, die Opfer in ärmeren.

Für die Ermittler ist WCST eine komplizierte Materie: „Wir bekommen nur sehr selten mit, wenn es solche Taten gibt“, sagt Wenz. 40000 öffentliche Chatrooms gebe es, in denen Kindesmissbraucher aktiv seien, berichtet terre des hommes unter Berufung auf das FBI. Tipps kommen auch von Kinderschutzorganisationen. Oder Fahnder stoßen auf entsprechende Hinweise bei sichergestelltem Kinderpornomaterial.

Dann können sie versuchen, Verdächtige zu überwachen. „Tor-Netzwerke oder andere Kryptierungen erschweren es uns, in die Datenübertragung zu gelangen“, sagt Wenz. Manchmal gebe es Lücken im System. Das genaue Vorgehen jedoch bleibt geheim. Der Traunsteiner Staatsanwalt Björn Pfeifer erklärt, das BKA habe die Ermittlungen im Fall des 48-Jährigen wegen der internationalen Kontakte des Amts geführt.

Experten von terre des hommes haben eine  erschreckende Entwicklungen festgestellt: Das Phänomen breite sich auf ländliche Gebiete aus, berichtet Hans Guyt. Die Opfer würden immer jünger – selbst Babys würden inzwischen angepriesen. Und die Gewalt werde extremer: „Vergewaltigungen, Gangbang, Folter sind nicht mehr außergewöhnlich.“

Wird ein WCST-Kunde in Deutschland gefasst, macht er sich wegen der Einflussmöglichkeiten auf Missbraucher, Opfer und das Geschehen in gleichem Maße strafbar wie der Missbraucher. 2 bis 15 Jahre Freiheitsstrafe drohen dem Mann aus Oberbayern laut Staatsanwalt Pfeifer unter anderem wegen Anstiftung zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern.

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