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Insekten-Apokalypse : Merkwürdig still geworden – oder?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Deutschland steht kurz vor der Insekten-Apokalypse. Laut Bundesregierung ist der Bestand um 80 Prozent zurückgegangen – mit verheerenden Folgen für unser Ökosystem. Genaue Untersuchungen jedoch fehlen. Was hat es damit auf sich?

svz.de von
erstellt am 06.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Die Schnecken fressen den Salat weg, Zecken übertragen fiese Krankheiten, Spinnen sind sowieso eklig und von Mücken wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Insekten haben nicht das beste Image. Und wenn wir Notiz von ihnen nehmen, dann meistens nur, wenn sie als Plage auftauchen oder Schaden anrichten. Wenn sie allerdings schleichend verschwinden, scheint das kaum jemand zu bemerken. Dafür müssen erst dramatische Zahlen her: 80 Prozent der Fluginsekten sind in den letzten drei Jahrzehnten verschwunden – so ließ sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vielfach zitieren, nachdem die Grünen eine Kleine Anfrage zu dem Thema gestellt hatten.

Und plötzlich scheint die halbe Republik in sich zu gehen und zu bemerken: Stimmt, dort, wo es im Sommer eigentlich summen und brummen sollte, ist es allzu häufig still. Aber ist das mehr als ein subjektiver Eindruck? Ist Hendricks Verweis auf die Windschutzscheibe, die früher im Sommer doch immer von allerlei Flügelgetier verklebt war, wirklich tragfähig?

Dünne Datenlage

Tatsächlich sind die wissenschaftlichen Zahlen, die das Verschwinden der Insekten dokumentieren könnten, erschreckend dünn. Auch wenn in Artikeln oft verschiedene Quellen für den Rückgang genannt werden, so geht die eigentliche Aussage doch letztlich immer wieder auf eine Quelle zurück – und sie sagt viel darüber aus, was diese Wissensgesellschaft über Insekten tatsächlich weiß beziehungsweise nicht weiß: Es sind die ehrenamtlichen Mitglieder des mittlerweile fast berühmten Entomologischen Vereins Krefeld, die seit Jahrzehnten an verschiedenen Orten Insektenfallen aufstellen und sie das Frühjahr und den Sommer über alle ein bis zwei Wochen leeren.

Im Wahnbachtal südöstlich von Köln etwa zählten sie 1989 über die Saison genau 17291 Schwebfliegen in sechs aufgestellten Fallen. Im Jahr 2014 kamen sie dagegen an den gleichen Stellen lediglich auf 2732 Tiere – und dokumentierten damit einen Rückgang um 84 Prozent. An insgesamt über 200 Standorten seien Insekten über lange Zeiträume und über die gesamte Vegetationsphase gesammelt worden, berichtet der Verein. Vielerorts ließ sich ein weniger dramatischer, aber dennoch starker und Besorgnis erregender Rückgang verzeichnen. Allerdings beziehen sich fast alle diese Daten auf das Rheinland.

Wer darüber hinaus Daten zu den Beständen von Insekten sucht, dem offenbart sich das ganze Ausmaß einer von Exzellenzwahn und Publikationsdruck getriebenen Wissenschaft: Hier ein paar Veröffentlichungen von Schmetterlingsforschern, dort ein paar Daten zu einzelnen Käferarten, und Bienen werden auch hin und wieder gezählt. Umfassende Daten aber, wie sie der Krefelder Verein erfasst, sucht man an deutschen Forschungsinstituten vergebens.

Das berichtet auch Wolfgang Wägele vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. „Ein 30 Jahre währendes Projekt – das kann sich einfach keine Universität finanziell erlauben“, fasst er die Situation gegenüber n-tv zusammen. Und welcher Wissenschaftler wird es schaffen, seine Forschung zu rechtfertigen und zu finanzieren, wenn ein Ergebnis erst Jahrzehnte später zu erwarten ist?

Langsames Sterben

Auch wenn die Krefelder Daten in ihrer Gründlichkeit einmalig sind, so sprechen doch auch viele kleinere Erhebungen dafür, dass es den Insekten in unserem Land nicht gut geht. Dieses Fazit zieht auch das Bundesumweltministerium in seiner Antwort auf die Kleine Anfrage. Die Gründe dafür sind schnell benannt: zu viele Monokulturen, starker Flächenverbrauch und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft. Welcher Faktor welches Insekt wie stark beeinflusst, ist allerdings ebenfalls oft Spekulation. Den Krefelder Daten zufolge sind offene Landschaften – auch Schutzgebiete – stärker betroffen als Wälder oder Berggebiete.

Viele Forscher vermuten, dass das am Einfluss benachbarter landwirtschaftlicher Felder liege. Dass die dort häufig gegen Schädlinge eingesetzten Neonicotinoide ihren Weg in die Umwelt finden, ist oft belegt worden. In den vorgefundenen Dosen gelten sie nach Aussage von Prüfungsbehörden zwar als unbedenklich. Doch tatsächlich konnte zum Beispiel eine Studie der FU Berlin zeigen, dass Bienen zwar nicht sofort an den Neonicotinoiden sterben, dass sie durch das Nervengift aber ihren Orientierungssinn verlieren und dann langsam zugrunde gehen.

Es ist eine Erkenntnis, die sich eher schleichend durchsetzt: Wer „Schädlinge“ mit allen Mitteln bekämpft, richtet womöglich andernorts noch viel größeren Schaden an. Unzählige Nahrungspflanzen sind darauf angewiesen, dass ein Tier sie bestäubt. Wer zynisch sein möchte, könnte also behaupten: Mission erfolgreich, wo keine Blüten mehr bestäubt werden, kann auch kein Schädling mehr an den Früchten nagen.

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