Germanwings 4U9525 : „Mayday“ im Cockpit: Die Angst fliegt mit

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Beim Germanwings-Absturz steuerte der Copilot allein 150 Menschen in den Tod Flugkapitän hämmerte gegen die Cockpit-Tür / Wie konnte das passieren?

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26. März 2015, 21:33 Uhr

„Ich weiß doch nicht, was im Kopf dieses Copiloten vorgegangen ist.“ Das sagt Staatsanwalt Brice Robin gestern in Marseille. Die Angehörigen der Opfer werden sich diese Frage vielleicht bis ans Ende ihres Lebens stellen: Was ging in den letzten acht Minuten des Germanwings-Fluges 4U9525 im Kopf des Copiloten Andreas L. (27) vor? Was ging in ihm vor, als der Flugkapitän wie verrückt gegen die Tür des Cockpits hämmerte und „Lass mich rein!“ rief? Was ging in ihm vor, als der Tower immer wieder versuchte, Kontakt aufzunehmen, ihn aufforderte, den Notruf auszulösen? Und was ging in ihm vor, als im allerletzten Moment, kurz vor dem Aufprall, die Schreie der Passagiere ertönten? Man weiß es nicht, denn in der ganzen Zeit sprach der junge Mann kein einziges Wort.

„Ich habe Probleme mit dem Begriff Selbstmord“, sagt der Staatsanwalt bei seiner Pressekonferenz. „Wenn man 150 Personen mit in den Tod reißt, ist das für mich eigentlich kein Selbstmord.“ Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagt wenig später: „In unseren schlimmsten Alpträumen hätten wir uns nicht vorstellen können, dass sich eine solche Tragödie hier in unserem Konzern ereignen kann.“

Was kann einen Menschen dazu treiben, so etwas zu tun? Ein Motiv, das sich aufdrängt, wäre ideologische, religiöse Verblendung. Aber darauf gibt es offenbar keine Hinweise. War es das Gefühl der Macht? Das Leben der Passagiere und der Besatzung liegt immer in den Händen der beiden Menschen im Cockpit. Wenn man in ein Auto steigt, ist das Unfallrisiko statistisch viel höher als bei einem Flug, aber am Steuer eines Wagens hat man das Gefühl, die Dinge selbst in der Hand zu haben. Im Flugzeug liefert man sich vollständig aus. Dieser Kontrollverlust ist die wichtigste Ursache für Flugangst. Wer darunter leidet, wird jetzt ein noch mulmigeres Gefühl haben. Aber auch wer damit keine Probleme hat, wird sich in nächster Zeit wohl kaum mehr so entspannt wie bisher zurücklehnen können, wenn die sonore Stimme aus dem Cockpit sagt: „Guten Morgen, hier spricht Ihr Flugkapitän!“


Man kann nicht in einen anderen Kopf schauen


Es gibt noch viele andere offene Fragen. Fasste der Copilot seine Entscheidung spontan? Er konnte vorher nicht mit Sicherheit wissen, dass der Flugkapitän das Cockpit verlassen würde, um zur Toilette zu gehen. Die Auswertung des Stimmenrekorders hat ergeben, dass Andreas L. in der ersten Phase des Fluges noch ganz normal mit seinem Kollegen geplaudert und sogar Witze gemacht hat. Wie hat es der Staatsanwalt noch gesagt: Man kann eben nicht in einen anderen Kopf hineinschauen.

Ermittler Brice Robin vermied zwar weitesgehend das Tabu-Thema „Piloten-Suizid“. Doch er ließ keinen Zweifel dran: Der junge Co-Pilot hat bewusst den verhängnisvollen Sinkflug eingeleitet, nachdem er zuvor den Flugkapitän ausgesperrt hatte.

Es ist die Horrorvision der Luftfahrt, die Piloten und Passagiere in ihrem Entsetzen eint. Denn wenn der Feind von innen kommt, helfen auch die ausgefeiltesten Sicherheitssysteme nicht. „Es sind ganz besondere Situationen, die man nicht verhindern kann“, sagte der Chefredakteur des Fachmagazins Aero International, Dietmar Plath.

An Bord des Unglücksflugs 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben - vergleichbar mit denen, die sich einige Zeit zuvor an Afrikas Himmel ereignet haben. Dort hatte am 29. November 2013 ein Pilot auf dem Flug Maputo-Luanda über dem namibisch-angolanischen Grenzgebiet eine relativ neue Embraer 190 auf ähnliche Weise bewusst in den Boden gesteuert – 34 Menschen starben. Es sind Vorfälle, die extrem selten sind – aber allein der Gedanke lässt erschaudern. Viele Profis hielten sich gestern bewusst mit Äußerungen zurück – gerade bei den Piloten saß der Schock zu tief.

Wie kann es gerade bei einer als solide geltenden Fluggesellschaft wie der Lufthansa-Tochter Germanwings zu einer solchen Tat kommen? Gerade zur Urlaubszeit dürfte nun bei zahlreichen Passagieren das Unwohlsein zunehmen. Denn auch wenn 2014 weltweit 3,3 Milliarden Menschen ein Flugzeug nutzten: den Nimbus des Undurchschaubaren hat die Fliegerei bis heute nicht verloren.

Aber die Katastrophe des Fluges 4U9525 eröffnet nicht nur eine neue Dimension des Grauens. Sie zeigt auch, dass die Gesellschaft in einer Krisensituation „Reserven an Mitmenschlichkeit und Trost“ zu mobilisieren vermag, wie es der Historiker und Publizist Michael Stürmer ausdrückt. Die Notfallseelsorger, die Helfer in den Alpen, die Bewohner der Absturzregion, die Hinterbliebene aufnehmen - sie alle sind weiterhin für andere da. Auch an diesem schwarzen Tag.

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