200. Geburstag Karl Marx : „Marx könnte viel zur heutigen Situation sagen“

70-Cent-Sonderbriefmarken mit dem Konterfei des Kapitalismus-Kritikers Karl Marx liegen auf einem Tisch. Anlässlich des 200. Geburtstags wird die Briefmarke aufgelegt.
70-Cent-Sonderbriefmarken mit dem Konterfei des Kapitalismus-Kritikers Karl Marx liegen auf einem Tisch. Anlässlich des 200. Geburtstags wird die Briefmarke aufgelegt.

Hitzige Debatte: Ist Karl Marx wirklich noch aktuell, oder wird er maßlos überschätzt?

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05. Mai 2018, 12:00 Uhr

Osnabrück | Warum soll man heute noch dicke Wälzer von Karl Marx lesen, die vor mehr als 150 Jahren zum ersten Mal erschienen sind? Weil Wirtschaftskrisen und wachsende soziale Ungleichheit zeigen, dass Marx“ Krisentheorie des Kapitalismus alles andere als überholt ist. So argumentierten Experten bei einer Podiumsdisskusion in Osnabrück zum Thema „200 Jahre Marx – noch immer aktuell?“ am Donnerstag. Auch wenn die Marx-Fans das Publikum auf ihrer Seite hatten, gab es doch Widerspruch auf dem Podium.

„Marx könnte zur heutigen Situation in Deutschland viel sagen“, meinte der Berliner Politikwissenschaftler Michael Heinrich, der als einer der besten Marx-Kenner weltweit gilt. Seine Argumente: die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, steigende Mieten und prekäre Arbeitsverträge. „Das alles würde Marx überhaupt nicht überraschen“, sagte der Politologe. „Denn das sieht er in der Logik des Kapitalismus.“ Und der beruhe auf Ausbeutung und Klassenherrschaft. Themen, die heute wie im 19. Jahrhundert die Menschen bewegten und dem Werk des vor 200 Jahren geborenen Philosophen und Revolutionärs Aktualität verliehen.

Unterstützung bekam Heinrich von Dietmar Bartsch, dem Vorsitzenden der Linken-Fraktion im Bundestag. Er verwies darauf, dass 43 Familien in Deutschland so viel besitzen wie die Hälfte der Bevölkerung, und war sich sicher: „Da würde Marx einen Ausgleich fordern.“

In der teilweise hitzigen Debatte kam von dem Bielefelder Historiker und Ökonomen Prof. Werner Abelshauser aber heftiger Widerspruch. Abelshauser gilt als einer der besten Kenner der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Er sagte: „Ich bin nicht sehr hoffnungsvoll, was eine Renaissance der Marx'schen Positionen angeht.“ Das Werk von Marx sei bereits zum Zeitpunkt seines Erscheinens überholt gewesen. Denn schon da sei der Arbeitnehmer kein Anhängsel von Maschinen mehr gewesen, sondern es habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, „dass man Arbeiter als menschliches Vermögen hegen und pflegen muss“.

Nach der Wende habe Marx in Ostdeutschland eine gewisse Renaissance erlebt, berichtete Michael Seidel, der Chefredakteur der „Schweriner Volkszeitung“. „Viele Ostdeutsche haben eine Art des Manchester-Kapitalismus erleben müssen“, sagte Seidel, der Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig studierte. Er hätte einen Wunsch an Marx, wenn der heute leben würde: „Dass er den politischen Diskurs mit aller Verve aufmischt, um endlich wieder Politik-Debatten zu schaffen.“

Marion Trimborn

Kommentar von Burkhard Ewert: Marx muss Mahnung bleiben

Allzu häufig wird Marx reduziert auf seine Kritik des Kapitalismus, die spätere Akteure zu einer radikalen Ideologie formten. Aber Marx forderte auch Selbstbestimmung, also das reine Gegenteil von Kommunismus. Er war auch nicht im heutigen Sinne sozial. In Armen und Ungebildeten sah Marx einen leistungsunwilligen „Abfall“. Auch ging es ihm nicht primär um materielles Wohl. Wichtiger war ihm das Ziel der persönlichen, letztlich bürgerlichen Freiheit – auch die von den Fesseln einer knechtenden Religion.

Tatsächlich also war Marx ein furioser, oft fehlinterpretierter Denker. Es lohnt sich, ihn heute mit anderen Augen zu lesen. Die Frage nach seiner Verantwortung bleibt aber bestehen. Auch aus dem Streben nach Gerechtigkeit und womöglich gerade aus dem Eifer heraus, etwas besonders Gutes zu tun, kann totalitäres Denken erwachsen. Bei aller neuen Wertschätzung muss die Geschichte hier Mahnung sein.

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