Fernsehen : Magerwahn im Kinderzimmer

Pumuckl, Biene Maja und Heidi früher...
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Pumuckl, Biene Maja und Heidi früher...

So rundlich, wie man sich gerne an sie erinnert, sehen Pumuckl, Maja und Heidi längst nicht mehr aus. Warum die Helden unserer Kindheit immer mehr abspecken müssen

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19. August 2015, 21:00 Uhr

Freche Kobolde mit Plauze und dreckigen Händen wie Pumuckl sind inzwischen genauso out bei Kindern, wie die sommersprossige Pippi Langstrumpf mit ihren roten Zöpfen und den großen Zähnen. Der Grund: Sie sind einfach nicht hübsch genug.

Stattdessen regiert im Kinderzimmer Size Zero der extremsten Sorte. Mit Wespentaillen so schmal, dass man denken könnte, die Figuren würden zerbrechen und Beinen so lang wie Giraffenhälse. Auch aufgepumpte Anabolika-Superhelden mit mehr Muskeln als Verstand liegen voll im Trend. Unsere früheren Kindheitsidole scheinen sich diesen Vorbildern anpassen zu müssen, um interessant zu bleiben.

So hat die allseits beliebte, „kleine freche und schlaue“ Biene Maja seit ihrem Comeback im TV 2013 und dem folgenden Kinodebüt 2014 so einige Pfunde verloren. Schlank und rank kommt der einstige Brummer mit den goldenen Locken nun daher und hat mit ihrer früher so drallen Form nur noch wenig gemein. Dabei ist sie ist nicht die Einzige.

Mit der Zeit werden unsere Helden immer schlanker, „dynamischer“ und langbeiniger. Seien es Spielfiguren wie Super Mario und Sonic oder Zeichentrickfiguren wie Heidi oder eben Biene Maja. Sogar der kleine Pumuckl, einst mit kugelrundem Bauch und oft rußverschmiert, musste für die neue Buchauflage kräftig abspecken. „Ich sollte ihn dynamischer zeichnen und habe mich an meinen sportlichen Söhnen orientiert“, erklärte der Illustrator Jan Sasse.

„Sportlich und dynamisch?“ So kommen auch die diversen Actionfiguren in Jungs-Zimmern daher. Oder eher als Pumper voll mit Testosteron. Und mit so vielen Muskeln im Nacken, dass sie diesen kaum noch bewegen können, um den vielen Damen hinterher zu schauen, die sie begehren.

Wohin junge Menschen auch sehen – im TV, auf der Straße oder eben im Kinderzimmer – überall begegnen ihnen ungesunde Ideale.

Eine weltweit durchgeführte Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) belegte, dass zwei von drei weiblichen Figuren in Kindersendungen unnatürlich lange Beine und extrem dünne Taillen haben. Extremer noch, als die bereits oft kritisierte Barbie-Puppe. Gemessen wurde bei angesagten Serien wie „Winx Club“, „Bratz“ oder „Totally Spies“.

Kim Possible, eine der wohl beliebtesten Zeichentrickfiguren junger Mädchen, ist eine der traurigen Spitzenreiterinnen. Die junge rothaarige Geheimagentin hat eine so schmale Taille, dass unter realen Bedingungen nicht einmal ein Rückgrat in sie hinein passen würde. Ein Ideal, das wirklich niemand erreichen kann. Aber alles nur Fiktion oder? Nein: Figuren wie sie prägen das Weltbild junger Menschen mit. Denn ob gewollt oder nicht, Kinder wie Jugendliche orientieren sich stark an ihren Vorbildern. Und das müssen nicht immer Menschen sein.

Kein Wunder, dass 20 bis 35 Prozent der 11 bis 17-jährigen Mädchen unter Essstörungen leiden. Der Magerwahn beginnt bereits im Kinderzimmer. Auch 12 bis 19 Prozent der Jungen leiden an solchen Störungen, die vielleicht auch durch moderne Heldenfiguren verursacht werden. Psychologin Anna-Katharina Wietasch bestätigt: „Wenn das Selbstwertgefühl sinkt, wie oft bei Pubertierenden – können Essstörungen entstehen.“ Solche Erfahrungen müssen zwar nicht immer zur Magersucht führen, sind aber durchaus besorgniserregend.

Ganz so dramatisch dürr sind unsere einst pummeligeren Helden wie Biene Maja, Heidi oder Pumuckl zwar noch nicht. Doch ihre Entwicklung ist bezeichnend. Der rothaarige Kobold hatte sogar schon mit den Folgen des Jojo-Effekts zu kämpfen. Hatte in der 1980er Version seiner Fernsehserie nur Meister Eder einen kugelrunden Bauch, passte sich Pumuckl in den 90ern an. Am mopsigsten war er auf einer Briefmarke von 1994. Nun kommt er wieder frisch erschlankt daher.

Ob sich sein Gewichts-Jojo fortsetzt? Das bleibt abzuwarten. Auch, ob auch der vollschlanke Elefant Benjamin Blümchen bald problemlos durch einen Porzellanladen spazieren kann...

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