Tierische Zugverbindung : Lok zieht Hühnerstall

Die Torflok zieht den mobilen Stall.
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Die Torflok zieht den mobilen Stall.

Tierische Zugverbindung in Ostfriesland. Die Strecke ist nur 200 Meter lang

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07. November 2017, 20:55 Uhr

Punkt 10.00 Uhr lässt Lokführer Rainer Duits den Dieselmotor an. Die Passagiere gackern schon aufgeregt. Sie wissen, was kommt. Die Lok fährt vorsichtig an, rollt samt Stall knapp 30 Meter nach vorn – und schon stoppt sie wieder. „Das reicht“, sagt Duits, der Betriebsleiter für Legehennen beim Geflügelhof Onken im ostfriesischen Friedeburg. Dann rollt langsam eine lange Jalousie hoch und Hunderte braune Hühner hüpfen, flattern und springen aus dem mobilen Hühnerstall.

Für die Hennen ist das klasse, denn mit der kurzen Fahrt kommen sie wieder auf Grünland, wo sie picken können. Die Hühner bleiben in der unmittelbaren Umgebung des Stalls, picken und scharren im Umkreis von nur 30 Metern. Das allerdings ziemlich intensiv. Schon nach kurzer Zeit ist der Rasen kaputt und die Erde aufgewühlt und schwarz. Dann fährt der Zug weiter. Mindestens einmal pro Woche bewegt er den Stall aufs nächste Grünfeld, damit sich die Vorstation erholen kann.

Den Hühnerstall hat Duits selbst gebaut. „Die Hühner haben ihr Zuhause immer dabei“, sagt der 56 Jahre alte Landwirt. Tagsüber draußen, nachts im Stall. Um 6.00 Uhr geht für die Hühner das Licht an und drei Türen öffnen sich automatisch in zwei sogenannte „Wintergärten“, kleine Vorräume, die links und rechts am Stall angebracht sind. Dort gibt es eine Box zum Sandbaden und einen Raum zum Scharren. Wenn es um 10.00 Uhr ans Aussteigen geht, sollen die Legehennen ihr Tagewerk vollbracht und quasi den Fahrschein gelöst haben: „Ticketpreis: ein Ei am Tag“, scherzt Duits.

Der 17 Meter lange Schienen-Stall ist ziemlich ausgeklügelt. Es gibt Sitzstangen, Trinkvorrichtungen, eine Be- und Entlüftung, ein Futterband, das sechsmal am Tag rund läuft und ein Rundum-Kotband, das unter dem Gitter läuft und einmal die Woche gesäubert wird. Das Wichtigste ist aber der Aufenthalt im Freien. „Das entspricht am ehesten dem natürlichen Verhalten der Hühner“, sagt Diplom-Agraringenieurin Stefanie Pöpken. Die Fachreferentin mit Schwerpunkt Geflügel und Rinder des Tierschutzvereins Provieh weist darauf hin, dass Hühner eigentlich Waldrandbewohner sind. Das freie Feld ist nicht ihre Sache, denn das käme auch dem Habicht sehr gelegen. Auch das bietet der Hühnerzug: Die Tiere können unter den Schienenstall flüchten, was sie auch auf Kommando verschreckt tun, als Duits die laute Lokhupe drückt.

Die Idee mit der Lok, die im September beim Geflügelhof Onken in Dienst gestellt wurde, hatte ein Kollege. Wie die Schienen kommt die Lok aus dem Emsland und war früher im Torfabbau im Einsatz. Die 1000 Hühner (Zuchtlinie: Lohmann Brown) legen täglich rund 900 Eier, die mit der Hand sortiert werden. „Wiesenei“ nennt Onken diese Eier, die im Sechserpack für 2 Euro verkauft werden. Nebenan gibt es noch einen großen Stall: Dort sind mehr als 37 000 Hennen untergebracht, die im Schnitt 30 000 Eier pro Tag legen. Alle Eier werden auf Wochenmärkten verkauft.

Das Gegacker und Gepicke hat erst abends ein Ende, wenn es dunkel wird. Dann steigen alle Hühner von sich aus wieder in den Stall ein, mit der Gewissheit: Die Fahrt auf dem Betriebsgelände in Ostfriesland geht bald weiter.

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