Neue Form der Überwachung : Linsen der Vielen helfen der Polizei

Handy-Videos können Hilfe für die Polizeiarbeit sein.
Foto:
Handy-Videos können Hilfe für die Polizeiarbeit sein.

Wie Handy-Videos von Privatpersonen die Polizeiarbeit verändern

svz.de von
28. Juni 2016, 08:00 Uhr

Es klang wie eine gute Idee. Die Kölner Polizei steckte Mitte Januar in der Fahndung nach den Tätern aus der Silvesternacht, als sie einen Aufruf verbreitete: „Ermittlungsgruppe Neujahr: Private Handy-Videos uploaden!“

Nach den massenhaften Übergriffen rund um den Hauptbahnhof wollten die Ermittler eine neue Informationsquelle anzapfen: Das Foto- und Videomaterial der Unbeteiligten in dieser Nacht. Die Polizei bat um freiwillige Mithilfe. Über ein Online-Portal konnten – auch anonym – Fotos und Videos hochgeladen werden.

Die Kölner bedienten sich damit eines Mittels, das bei Ermittlern gerade Schule macht. In zig Hosentaschen steckt heute ein Smartphone. Bei Großereignissen werden sie schnell gezückt, um den Moment festzuhalten. Der Polizei eröffnet das neue Möglichkeiten. Was Überwachungskameras entgeht, hat vielleicht ein Passant zufällig gefilmt – und stellt es womöglich freiwillig zur Verfügung. Zuletzt hat auch das Bundeskriminalamt (BKA) ein entsprechendes Hinweisportal geschaltet, um deutschen Hooligans bei der EM in Frankreich auf die Spur zu kommen.

Das Fazit in Köln fällt heute allerdings etwas ernüchternd aus. „Leider war nur ein geringer Teil des Videomaterials auswertbar, das von Privatpersonen erstellt wurde“, sagt Georg Abels, der damit beschäftigt war. Das hatte einige praktische Gründe. Es war Nacht und die Videoqualität daher oft bescheiden. Und es war Silvester. Viele filmten das Feuerwerk, aber nicht das Geschehen auf der Domplatte.

Andere schickten zwar Videos – aber die falschen, irgendwo heruntergeladen im Netz. „Beispielsweise Aufnahmen vom Tahrir-Platz. Der Upload bot ja auch die Möglichkeit, etwas anonym einzusenden“, sagt Abels. Er und seine Kollegen mussten also nicht nur Stunde um Stunde Videomaterial sichten, sondern auch absichtlich platzierte Blindgänger aussieben. Zudem wurde in Köln alles „von Hand“ gesichtet. Eine Heidenarbeit. Und ein Hinweis, wo die Kinderkrankheiten der Methode liegen.

Beim BKA hofft man auf andere Wege. „Ziel ist, dafür technische Lösungen zu schaffen“, sagt Dietrich Urban, Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BDK) im BKA. „Wenn man zum Beispiel eine Person mit blauer Kappe und rotem Rucksack sucht, wäre es schön, die unterschiedlichen Formate genau danach untersuchen zu können“, sagt er. Ein paar Tools gebe es auch schon – noch nicht auf dem Niveau, das man sich vorstelle. Aber man arbeite daran.

Getrieben wird die Entwicklung auch von den Erfahrungen nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon 2013. Bei den US-Ermittlern gingen damals zig Videos und Fotos in unterschiedlichsten Formaten ein. In Deutschland will man auf so einen Fall nun ebenfalls technisch vorbereitet sein.

Vor Gericht macht sich bereits generell eine neue Bedeutung von Filmaufnahmen bemerkbar. „Nach meinem Eindruck spielen Videos in Strafprozessen eine zunehmende und in ihrer Bedeutung sich erweiternde Rolle“, sagt Stefan König, Vorsitzender des Ausschusses Strafrecht beim Deutschen Anwaltvereins. Unproblematisch sei das nicht, sagt er.

„Wenn sich viel Videomaterial bei der Polizei sammelt, entstehen dadurch verschiedene Probleme. Zum Beispiel, dass man sich daraus womöglich so bedient, wie es gerade gewünscht ist.“ Die Polizei präsentiere der Verteidigung meist eine Auswahl. Als Verteidiger wolle man aber natürlich auch den Rest sehen.

Ein weiteres Problem: Ein Video ist nicht automatisch der todsichere Beweis. Jedenfalls muss sichergestellt werden, dass es sich bei Person X auf dem Video auch wirklich um den Verdächtigen handelt. Dafür gibt es mittlerweile Gutachter.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen