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MV ärmstes Flächenland : Lawine der Altersarmut?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bericht der Sozialverbände beklagt zunehmende Armut in Deutschland. Union und Wirtschaftsinstitut kritisieren „falschen Alarmismus“

svz.de von
erstellt am 02.Mär.2017 | 20:45 Uhr

Armut-Alarm in der Bundesrepublik? 16 von 100 Menschen sind bedroht, fast 13 Millionen insgesamt, „Höchststand seit der Wiedervereinigung!“, erklärt Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, gestern bei der Vorstellung des neuen Armutsberichts, den insgesamt zehn Sozialorganisationen gemeinsam verfasst haben. „Es ist ein zunehmender Trend. Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr im Sinken der Armut wieder.“

Deutschland, das Land der Abgehängten und Verlierer? So sehen es längst nicht alle, und deswegen wird der Bericht zum Politikum. Wahlkampfmunition für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, der das Thema soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes gerückt hat, finden die Sozialdemokraten.

Der Bericht sei „die Bestätigung, dass Martin Schulz nicht irgendeine Phantasie-Diskussion führt“, sagte Ex-SPD-Chef Kurt Beck gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Doch Experten und Unionspolitiker halten dagegen: „Unter verzerrter Darstellung der Fakten wird eine alarmistische Stimmung geschürt“, wirft der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, gestern den Verfassern des Berichts vor, verweist darauf, dass es heute eine Millionen Menschen weniger in der Mindestsicherung gibt als vor zehn Jahren (siehe rechts). Scharfe Kritik übt auch Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU): „Unsere Nachbarländer reiben sich verwundert die Augen, wie man auf so hohem Niveau noch klagen kann. Für mich ist das Wahlkampf pur: Lieber Neiddiskussionen anzetteln als ein bisschen stolz auf das Erreichte blicken!“, sagte er.

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Der Streit über den Bericht entzündet sich unter anderem am Armutsbegriff: Die Verbände stufen alle Menschen als „arm“ ein, deren Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens liegt. Die Daten kommen vom Statistischen Bundesamt, das Menschen an dieser Schwelle als „armutsgefährdet“ einstuft. Sie liegt für Singles bei einem monatlichen Nettoeinkommen von knapp 1000 Euro, für ein Paar mit einem Kind bei 1 700 Euro.

Im neuen Bericht wurde die Entwicklung von 2005 bis 2015 verfolgt. In den zehn Jahren stieg die Armutsquote von 14,7 auf 15,7 Prozent an. Wobei sich die Regionen ganz unterschiedlich entwickelten: In allen ostdeutschen Ländern außer Berlin ging die Armutsquote zurück, in allen westdeutschen Bundesländern außer Bayern und Hamburg stieg sie merkbar an. Das Ruhrgebiet und Berlin seien nun „die armutspolitischen Problemregionen Deutschlands“, heißt es im Bericht, auch wenn die Quote in Gesamt-NRW bei 17,5 Prozent stabil geblieben ist.

MV ist ärmstes Flächenland
Mehr als jeder fünfte Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern (21,7 Prozent) gilt als arm oder von Armut bedroht. Die Armutsquote liege im Land weiter deutlich über dem Bundesdurchschnitt, teilte der Paritätische Wohlfahrtverband gestern mit. Er verwies auf den Armutsbericht für Deutschland. Demnach wuchs die Armutsquote 2015 um 0,3 Prozentpunkte auf einen Höchststand von 15,7 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern betrug der Anstieg 0,4 Prozent. Der Landesvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtverbands, Friedrich Wilhelm Bluschke, sagte, das Land habe seine Armut in den vergangenen zehn Jahren um 10 Prozent reduziert. Es liege aber im bundesweiten Vergleich auf dem drittletzten Platz vor Berlin und Bremen. Somit ist Mecklenburg-Vorpommern das ärmste Flächenland. Die Schere zwischen Arm und Reich öffne sich weiter, sagte er. Überdurchschnittlich von Armut betroffen seien auch Kinder. In MV lebte 2015 mit rund 50 000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ein Viertel in Familien, die auf Grundsicherung angewiesen sind.

Als „alarmierend“ wird die Armutsentwicklung bei Rentnern eingestuft, hier stieg die Quote von 10,7 auf 15,9. Von einer „Lawine der Altersarmut“ sprach Wolfram Friedersdorf, Präsident der Volksolidarität. „Es ist schon beängstigend, wie mit Älteren in der Gesellschaft umgegangen wird.“

Die Zahlen der Studie belegten die Trends vieler anderer Erhebungen, sagte der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende Beck. „Es ist eine dringende Aufgabe, unsere Gesellschaft wieder zusammenzuführen“, erkennt er darin Argumentationshilfe für den Wahlkampfschwerpunkt des SPD-Kanzlerkandidaten. Auch die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, sieht sich in der Forderung nach „weiteren Schritten in der Armutsbekämpfung“ bestätigt, etwa durch einen „sozialen Arbeitsmarkt mit öffentlich geförderter Beschäftigung“, wie sie sagte.

Ist die Entschärfung der Agenda 2010 das Gebot der Stunde, wie Schulz sie einfordert? CDU-Mann Fuchs vom Unions-Wirtschaftsflügel betont: „Die verfügbaren Einkommen steigen kräftig, es gibt substanzielle Rentenerhöhungen. Es wäre gut, wenn auch der Wohlfahrtsverband sich einmal positiv dazu äußern könnte.“ Stattdessen werde „das alte Lied wachsender Ungerechtigkeit“ gesungen. Wer jeden für arm erkläre, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens erziele, „wird die Armutsquote nur dadurch senken können, dass er Einheitsgehälter verordnet, vom ungelernten Arbeiter bis zum Facharzt“.

Arme leben kürzer
Wohlhabende Menschen leben in Deutschland deutlich länger als arme. Auch das geht aus dem Armutsbericht hervor. „Die Lebenserwartung steigt für die wohlhabenden Menschen in jedem Jahr stärker als für die ärmeren Menschen, und deshalb vergrößert sich der Abstand“, sagte der Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Rolf Rosenbrock. Nach einer Studie sterben Männer, die an oder unter der Armutsgrenze leben, im Schnitt 10,8 Jahre früher als wohlhabende Männer. Bei Frauen sind es etwa acht Jahre. Die Gründe: Das Gesundheitsverhalten und psychischer Druck.


 

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