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Blogger des Nordens : Küstenmerle, Fashionwhisper und Vonunterwegs

vom

Sie spüren Trends rund um Mode, Wohnen oder Reisen auf. Wir stelle drei bekannte Blogger vor, die im Netz bereits ihre eigene Fangemeinde haben. Was treibt sie an?

svz.de von
erstellt am 03.Okt.2017 | 08:00 Uhr

Die Fotos auf dem Blog zeigen einen jungen Mann, der lässig vor einer Steinmauer steht, die Hand locker in der Hosentasche. Er trägt einen beigefarbenen Trenchcoat, zerrissene Jeans, ein weißes Shirt, dazu eine stylische Sonnenbrille. Dass dieses Bild einen Kieler Jung in Hamburg und kein Supermodel in Mailand zeigt, ist für den Betrachter kaum zu erkennen. Wer von dem extravaganten Look überzeugt ist, kann diesen direkt nachkaufen. Praktischerweise findet sich unter dem Blogbeitrag gleich eine Auswahl von eben solchen beigefarbenen Trenchcoats, wie Oliver Milczarek auf dem Foto trägt. Eine direkte Verlinkung zum Online-Shop inklusive.

Auf seinem Blog zeigt der gebürtige Kieler unter dem Namen „Fashionwhisper“ die neusten Modetrends, gibt Beauty-Tipps und berichtet von seinen Reisen. Produkte und Unterkünfte werden getestet und dann in einem Beitrag vorgestellt. Neben einem Posting über den Geschmack des Eiskaffees einer US-amerikanischen Kaffeekette findet sich ein Erfahrungsbericht zur Einnahme einer Saftkur oder ein Bericht über einen Kurztrip ins Sportresort. Kommt der Kunde über seine Seite zu den Angeboten, gibt es meist Rabatt. Was als privates Kreativ-Projekt eines jungen Kielers mit Modebewusstsein angefangen hat, ist zu einem Geschäftsmodell geworden.

Der 23-Jährige ist da keine Ausnahme in der Bloggerszene. Längst bekommen nicht nur Bibis Beauty Palace, Dagi Bee und Co. Geld dafür, dass sie Shampoo, Drinks oder vegane Brotaufstriche in die Kamera halten. Auch die Blogger im Norden nutzen Kooperationen, um etwas Geld in die Kasse zu spülen. Auf der Suche nach mehr Sichtbarkeit im digitalen Dickicht des World Wide Web kommen immer mehr Unternehmen auf den Blogger-Geschmack.

Unternehmen setzen auf Influencer

Das sogenannte Influencer-Marketing ist eine feste Größe der modernen Online-Werbung, die sich in den kommenden Jahren noch verstärken wird – davon ist Marketingexperte Prof. Dr. Alexander Deseniss von der Hochschule Flensburg überzeugt: „Die Blogger haben in ihrer kommerziellen Funktion als Werbeträger – als Meinungsführer, die Konsumenten in ihrer Kaufentscheidung beeinflussen – deutlich an Bedeutung gewonnen.“

Influencer – auf Deutsch Beeinflusser – sind Personen, die in der Social-Media-Welt von Facebook, Instagram, YouTube und Co. eine stattliche Anzahl an Followern aufgebaut haben und diese Plattformen nutzen, um für Produkte zu werben. Wild blinkende Anzeigen, die aus dem Nichts auf der Homepage aufpoppen und den Nutzer beim Surfen stören, kamen noch nie besonders gut an. Das weiß auch der Flensburger Professor: „Die Unternehmen stehen vor dem schlichten, aber sehr großen Problem, dass die klassische Werbung über Medien wie TV, Radio oder Plakate immer weniger funktioniert. Hier werden viele Millionen in aufwändige Kampagnen gepumpt, deren Wirkung zweifelhaft ist“, erklärt er.

Die Menschen, die sich das anschauen sollen, seien heute derart übersättigt mit Werbung, dass sie ihr immer mehr aus dem Weg gingen. „Werbung wird weggezappt oder schlicht ignoriert, oder man schaltet den Fernseher der nervigen Werbung wegen erst gar nicht ein.“ Da kommen die Blogger als Multiplikatoren gerade recht. Junge, echte Menschen, welche die Produkte in der schillernden Welt von Instagram, Facebook und Snapchat anschaulich präsentieren statt der um Aufmerksamkeit heischende Anzeigen.

Ein Blog sei nach Ansicht des Marketingprofessors ein medialer Ort, den jemand ganz gezielt aufsuche, weil sich der Nutzer für ein bestimmtes Thema interessiere – von Schminktipps über Ernährungsberatung bis hin zu Autotuning. Für Unternehmen sei dies eine verlockende Chance, ihre Angebote eben aus der Kosmetik-, Food- oder Tuningbranche den Konsumenten „unterzujubeln“. „Manchmal hat das eher den Charakter von Schleichwerbung“, so der Experte.

Die Unternehmen wollen von der Strahlkraft der Blogger-Persönlichkeiten profitieren. Mehreren Studien zufolge werde diese Form der Online-Werbung als sehr viel glaubwürdiger und authentischer wahrgenommen als klassische Werbung wie TV-Spots oder Print-Anzeigen. Das findet auch der Flensburger Professor: „Auch wenn viele Blogger Produktwerbung in ihre Angebote einbinden und damit gutes Geld verdienen, hat der Kontakt zur bloggenden Person für viele Nutzer gefühlt eher freundschaftlichen Charakter. Produkttipps von Bloggern werden daher nicht als Werbung wahrgenommen, sondern eher wie eine Empfehlung aus dem Freundeskreis.“

Ist im Netz als „Fashionwhisper“ neuesten Mode-Strömungen auf der Spur: der gebürtige Kieler Oliver Milczarek, der jetzt in Hamburg lebt.

Ist im Netz als „Fashionwhisper“ neuesten Mode-Strömungen auf der Spur: der gebürtige Kieler Oliver Milczarek, der jetzt in Hamburg lebt.

Foto: Oliver Milczarek
 

Die Blogger selbst halten von dem Begriff Influencer allerdings recht wenig. Für Fashionwhisperer Oliver Milczarek habe das Wort einen negativen Beigeschmack. Seiner Ansicht nach müsse man die verschiedenen Bloggertypen beachten und nicht alle über einen Kamm scheren und sofort als Influencer bezeichnen. Als er vor sieben Jahren seine eigene Homepage erstellt hat, habe er nur nach einer Möglichkeit gesucht, seine Fotos zu verbreiten und sich selbst zu verwirklichen. „Es war für mich zu Anfang etwas ganz Privates. Ich wollte meine Bilder und Ideen mit Freunden teilen“, sagt er. Dass daraus mal so etwas wie ein Business werden könnte, habe er nie geahnt. Noch immer wähle er seine Beiträge selbst aus und schaue genau hin, was zu ihm und seinen Lifestyle passe. Gleichwohl berücksichtige er, welche Themen bei den Lesern ankommen und eine gewisse Relevanz mit sich bringen.

Deshalb möchte er sich auch klar von den Influencern abgrenzen, die „ohne Mehrwert auf reine Selbstdarstellung setzen und nur Produkte darstellen.“ Milczarek: „Ich liefere Möglichkeiten, sich auszudrücken. Dabei beeinflusse ich nicht, sondern gebe Inspiration.“

Dass er Geld für Kooperationen und Produktberichte bekomme, möchte er nicht verheimlichen. Dabei sei ihm aber eines besonders wichtig: „Ich schaue mir genau an, mit wem ich Kooperationen eingehe. Es muss zu mir und meiner Seite passen. Aktionen, die ich persönlich gut finde, pushe ich auch ohne Bezahlung.“ Hauptberuflich betreibe er seinen Blog aber nicht. Er studiert derzeit Brand-Management in Hamburg und möchte nach dem Studium den klassischen Weg in ein Unternehmen gehen.

Reiseblogger Christoph Karrasch schreibt auf „unterwegs.com“ über seine Erfahrungen.

Reiseblogger Christoph Karrasch schreibt auf „unterwegs.com“ über seine Erfahrungen.

Foto: Christoph Karrasch
 

Auch Reiseblogger Christoph Karrasch von vonunterwegs.com mag die Bezeichnung Influencer nicht. Das Wort setze voraus, dass es bei seinem Inhalt darum gehe, Leser und Zuschauer zu beeinflussen. „Das hat so etwas Steuerndes, als ob ich jemanden überreden will, dieses und jenes zu tun oder zu kaufen.“ Er würde eine weichere Bezeichnung bevorzugen. Eine, die den Nutzer ein wenig mehr wertschätze und ihn nicht indirekt „zum Lemming degradiert“. „Inspirator“ – schlägt der Videoblogger vor. Denn inspirieren wolle er mit seinen Reiseberichten auf jeden Fall.

Auf seiner Homepage selbst gebe es selten bezahlte Beiträge. Vielmehr werde er wegen seiner Videos angesprochen, um dann in Auftragsarbeit Filme für Unternehmen anzufertigen, die dann auf deren Kanälen verbreitet werden. Ausnahme ist eine aktuelle Geschichte, bei der Karrasch einen Road Trip durch Deutschland mit einer großen Mitfahrzentrale erlebt. „Diesen Job habe ich angenommen, weil er genau in mein Blogprofil passte. Meine Follower haben mich als Mitfahrer kreuz und quer durchs Land geschickt und mir unterwegs verschiedene Aufgaben gestellt.“ Das Ganze hat Karrasch dann in kurzen Videoclips festgehalten. „Wenn die Idee stimmt und die jeweilige Marke oder das Unternehmen ein natürliches Vehikel in einem Projekt darstellt, sage ich sehr gerne eine Kooperation zu. Diese wird dann aber im Blog selbstverständlich als solche gekennzeichnet.“

Schreibt auf ihrem Blog „kuestenmerle.de“ über Kiels Geschäfts-, Wohn- und Restaurant-Welt: Merle Primke.

Schreibt auf ihrem Blog „kuestenmerle.de“ über Kiels Geschäfts-, Wohn- und Restaurant-Welt: Merle Primke.

Foto: Merle Primke
 

Für Merle Primke, die auf kuestenmerle.de inhabergeführte Läden und Geheimtipps von Kiel und Umgebung vorstellt, sei Authentizität das Wichtigste beim Bloggen. Deshalb stelle sie auch nur Läden und deren Inhaber im Porträt vor, die sie selber schätze und in denen sie etwas Besonderes sehe. Geld bekomme sie für die Artikel direkt nicht. Sie verdiene mit Kooperationen, die meist im Nachklapp entstünden, wie zum Beispiel ihre eigenen herausgegebenen Insider Guides – gedruckte Heftchen mit Tipps zu Cafés, Restaurants und Interior in Kiel.

Wenn ein Blogger direkt Geld für einen Beitrag oder eine Kooperation erhalte, sei dies ihrer Ansicht nach erst einmal nichts Verwerfliches. Schließlich müsse der meist zeitaufwendig produzierte Content finanziert werden. „Wichtig ist, dass man sich regelmäßig selbst reflektiert und dabei prüft, ob man noch wirklich hinter dem steht, was man vorstellt“, sagt die 29-Jährige. Ebenso entscheidend sei für sie dabei die Transparenz gegenüber der Leserschaft. Besonders toll findet die Kielerin, wenn Influencer ihre Reichweite nutzten, um soziale Projekte zu unterstützen. Als Beispiel nennt sie die Modebloggerin Dariadaria, die sich zwischen Modetipps und veganen Rezepten auch dem Problem der Straßenhunde auf Bali widmet.

Blogger im Wahlkampf

Die Wirtschaft hat Blogger als Marketinginstrument für sich schon lange entdeckt. Jetzt zieht auch die Politik langsam nach. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte es vor, als sie sich kurz vor der Wahl wieder von bekannten Influencern interviewen ließ. Mit Gesprächen mit YouTuber Mirko Drotschmann von Mr. Wissen2Go oder aber Ischtar Isik dürfte sie eine wesentlich jüngere Zielgruppe erreicht haben als in Print- und TV-Interviews.

Auch die SPD erhielt Unterstützung aus der Blogger-Szene: Modebloggerin Lisa Banholzer von der Agentur Blogger Bazaar trat im Mai in die Partei ein und widmete dieser Entscheidung einen ausführlichen Beitrag auf ihrem Blog. Im Nachklapp gab es prompt eine Instagram-Story mit Kanzlerkandidat Martin Schulz.

Ob von Wirtschaft oder Politik beauftragt, ob sich Blogger als Influencer sehen oder nicht, ob nur bezahlte Inhalte oder auch unabhängige: Eine Modeerscheinung ist Werbung durch Blogger keinesfalls. Alexander Deseniss hält die moderne Form des Marketings längst für eine feste Größe, die sich in den nächsten Jahren eher noch verstärken werde. „Zum einen gibt es hard- und softwareseitig heute so viel technische Unterstützung, dass jeder Mensch, der ein bestimmtes Interesse- und Kompetenzfeld hat, innerhalb weniger Tage zum Blogger werden und hochwertige Inhalte produzieren kann. Dank sozialer Medien verbreiten sich diese auch sehr schnell.

Zum anderen wird sich das Problem der Wirkungslosigkeit der traditionellen Werbung über Massenmedien künftig noch weiter verstärken. Unternehmen werden daher noch intensiver als bisher nach alternativen, effektiveren Formen der Marketingkommunikation suchen. Beste Voraussetzungen also, dass in zehn Jahren Blog-Marketing für die Unternehmen eine noch deutlich größere Rolle spielt als heute.“

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