Rauswurf nach Bagatellen : Kündigung statt Jackpot

Privat im Büro telefonieren zu dürfen, ist kein Freibrief.
Privat im Büro telefonieren zu dürfen, ist kein Freibrief.

Mit Anrufen bei einer Glücksspiel-Hotline hat sich eine Angestellte um den Job gebracht

svz.de von
16. September 2015, 20:30 Uhr

Das Radio-Gewinnspiel „Das geheimnisvolle Geräusch“ zieht bundesweit Tausende Menschen in seinen Bann. Auch eine Buchhalterin in Wesel fieberte mit. „Sie wusste die richtige Lösung“, sagt ihr Anwalt Nils Jurgutat. Und sie wollte den Jackpot.

Bis zu 37-mal wählte die Frau von ihrem Büroapparat die Sondernummer. 50 Cent kostete jeder Anruf das Unternehmen. „Sie hat nicht darüber nachgedacht“, sagt ihr Anwalt. „Ihr Chef hat ja Privattelefonate am Arbeitsplatz geduldet.“ Statt des erhofften 26 000-Euro-Gewinns hält die Bürokauffrau kurz darauf die fristlose Kündigung in ihren Händen – und zieht vor Gericht. „Der Arbeitgeber hat das private Telefonieren am Arbeitsplatz nicht geregelt – auch den Umfang nicht“, bemerkt Richter Michael Gotthardt gestern am Landesarbeitsgericht Düsseldorf mit hochgezogenen Augenbrauen. Das müsse der Klägerin zugutegehalten werden. Der Fall sei somit nicht gleichzusetzen mit dem berüchtigten „Griff in die Kasse“.

Der beklagte Unternehmer meldet sich zu Wort: „Da wird mit meinem Geld ein Jackpot aufgebaut. Da möchte ich schon vorher zustimmen“, sagt der Chef eines kleinen Versandhandels. Er spielt darauf an, dass mit den Telefongebühren der immer größer werdende Jackpot gespeist wird. Dem Geschäftsführer waren die Sondernummern bei der Prüfung der Telefonrechnung aufgefallen. Als er seine Mitarbeiterin anspricht, räumt die einen Tag später die Anrufe reumütig ein und bietet an, 18,50 Euro für 37 Anrufe zu erstatten. Vergeblich.

Hoffnungen auf einen Freibrief für die Arbeitnehmer erstickt auch das Gericht gestern rasch: Anrufe bei kostenpflichtigen Gewinnspiel-Hotlines seien von der Duldung des Arbeitgebers nicht gedeckt und eindeutig ein Pflichtverstoß (Az.: 12 Sa 630/15).

Für „die schärfste Waffe des Arbeitsrechts“ sei dieser Verstoß aber nicht gravierend genug, befindet das Landesarbeitsgericht in der zweiten Instanz und kassiert den fristlosen Rauswurf ein. Doch davon hat die Frau wenig: Die ordentliche Kündigung hat Bestand. Ihren Job ist sie los.

Den Jackpot hat die Bürokauffrau auch nicht gewonnen und Richter Gotthardt scheint darüber nicht unglücklich: „Sonst hätten wir hier wegen der Frage, wem das Geld gehört, noch einen Prozess.“

Hier eine Übersicht über Rauswürfe nach Bagatellen:

Haar-Affäre

Im Februar 2013 färbt die Friseurin aus Witten die Haare einer Kundin pink, dann kommt auf Wunsch der Frau der Schwanz ihres Pudels dran. Ihre Chefin kündigt ihr fristlos. Vor Gericht wird die fristlose in eine fristgerechte Kündigung umgewandelt.

Alters-Affäre

Im März 2011 wird die Ausbildende in einer Rechtsanwaltskanzlei fristlos gefeuert,  weil die 19-Jährige die Partnerin ihres Chefs auf 40 Jahre schätzt – obwohl diese erst 31 ist. Der Anwalt fühlt sich davon beleidigt. Der Prozess vor dem Arbeitsgericht endet mit der Umwandlung in eine fristgerechte Kündigung.

Altes-Brot-Affäre

Im September 2010 wird eine Kassiererin in einem Leipziger Supermarkt nach 27 Jahren Firmenzugehörigkeit entlassen, weil sie ein altes Brot nicht in die Bio-Tonne, sondern in ihre Tasche gesteckt hat. Laut Arbeitsgericht Leipzig ist die Kündigung nicht gerechtfertigt. Es hätte einer vorherigen Abmahnung bedurft.

Akku-Affäre

Wenige Cent kostet das Aufladen des Akkus seines Elektrorollers im Büro. Dafür kündigt die Firma einem IT-Experten im September 2010  nach 19 Jahren im Unternehmen. Das Landesarbeitsgericht Hamm erklärt die Kündigung aber  für unwirksam.

Streich-Affäre

Ein Bäcker aus dem westfälischen Bergkamen bestreicht im September 2009 am Arbeitsplatz ein gekauftes Brötchen mit firmeneigener Paste – und fliegt. Das Landesarbeitsgericht Hamm hebt die fristlose Kündigung als unverhältnismäßig auf.

Maultaschen-Affäre

Eine Altenpflegerin in Konstanz nimmt im März 2010 Maultaschen mit, die für die Bewohner des Seniorenheims bestimmt waren, aber im Müll gelandet wären. Wegen Diebstahls wird ihr fristlos gekündigt. Vor dem Landesarbeitsgericht einigt sie sich mit ihrem Arbeitgeber auf eine Abfindung – die Kündigung bleibt bestehen.

Pfandbon-Affäre

Weil sie liegengebliebene Pfandbons im Gesamtwert von 1,30 Euro einsteckt, verliert eine Kassiererin nach 31 Jahren im Supermarkt im Februar 2008 fristlos ihren Job – und wird bundesweit bekannt. Die „Emmely“ genannte Frau klagt durch mehrere Instanzen und siegt vor dem Bundesarbeitsgericht.

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