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Streitbar : Konflikt der Generationen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zustimmung oder Ablehnung von Großprojekten hängt stark vom Alter der Befragten ab, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
erstellt am 04.Dez.2015 | 09:34 Uhr

Hanseaten können rechnen. Das weiß jeder. Und sie haben ein gutes Gedächtnis. Davon gehen wir hier einfach mal aus. Wenn sich in der Freien und Hansestadt Hamburg beides miteinander verbindet, kann daraus Angst werden. Diese Angst kann man beziffern: 12,3 Milliarden Euro sind das Produkt aus Rechenkunst und Erinnerungsvermögen.

Es ist rund ein Jahrzehnt her, da versprach der damalige Senat seinen stolzen Bürgern, dass ihre Stadt wenige Jahre später ein neues Wahrzeichen haben werde – zum Schnäppchenpreis. Für 77 Millionen Euro sollten Architekten und Baufirmen die Elbphilharmonie errichten. Mittlerweile wissen Hamburg und die schwer amüsierte Republik, dass der schmucke Kasten 789 Millionen Euro kosten wird.

Es ist nur wenige Monate her, da versprach der amtierende Hamburger Senat den stolzen Bürgern, dass ihre Stadt in neun Jahren in die erste Liga der Metropolen aufsteigen werde – für 1,2 Milliarden Euro. So viel und keinen Cent mehr müsse die Stadt aufbringen, um Olympische Spiele und Paralympics im Jahr 2024 an die Elbe zu holen. Den Rest werde der Bund schon irgendwie zahlen. Falls nicht, käme die Kohle auf jeden Fall irgendwie für Hamburg schadlos zusammen. Nun ergibt aber 1,2 Milliarden x Kostensteigerungsfaktor Elbphilharmonie = 12,3 Milliarden Euro.

Gut möglich also, dass beim Referendum vor ein paar Tagen viele Hamburger Kosten vor Augen hatten, die schneller steigen als Usain Bolt in einem olympischen Sprintfinale laufen könnte. Es kann aber auch sein, dass den Hamburgern eingefallen ist, dass sie beim Betrachten des Elbphilharmoniedesasters alt geworden sind. Und zwar nicht vor Verzweiflung im Angesicht der baulichen, vertraglichen und politischen Katastrophen, sondern alt im Wortsinne. Einfach nur zehn Jahre älter. Zwar altert Hamburg langsamer als der Rest der Republik, aber es altert eben auch.

Da – anders als bei Landtagswahlen – die Olympiaabstimmung nicht bis in den letzten Winkel demoskopisch ausgeleuchtet wurde, kann man hier ja mal etwas im Hamburger Hafenschlick lesen.

Das geht dann so: Je mehr alte Menschen sich an einer solchen Abstimmung beteiligen, desto näher rückt der Betrachtungshorizont. Andersrum gesagt: Hätten nur Jugendliche, junge Erwachsene und Hamburger im besten Alter über Olympia und den damit verbundenen massiven Stadtumbau abgestimmt, wäre es um folgende Perspektive gegangen: Planung, Bau, ein wochenlanges internationales Megaevent, schicke neue Bahnhöfe, U-Bahnlinien und ein geiles Stadion, in dem später regelmäßig ein paar fantastische Konzerte stattfinden werden. Dazu noch ein ganzer schicker neuer Stadtteil.

Aus Sicht der daran anschließenden älteren Generation rückt der Betrachtungshorizont schon näher. Dann sieht die Sache so aus: Planung, eine im Vergleich zur Restlaufzeit des eigenen Lebens ziemlich lange Bauzeit mit Lärm, Dreck, noch verstopfteren Straßen als sowieso schon, einem Megaevent für lauter junge und agile Menschen und anschließen noch ein paar Jährchen Ruhe in einer umgebauten Stadt. Die daran anschließenden Altersgruppen hatten vor einer Woche über diese persönliche Perspektive abzustimmen. Planung, Bau, Dreck, Lärm, Schienenersatzverkehr, Zeitverlust, verstopfte Straßen. Ende.

Mit der Nolympia-Entscheidung entdecken Deutschlanderklärer in den Feuilletons mal wieder ihre ängstlichen Landsleute. Die deutsche Angst wird beschrieben, das Beharren als typisch teutonische Charakterschwäche dargestellt: „Wir sind Weltmeister auf dem Sofa“, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, nach der Niederlage. „Ein Patchwork der Mahner und Bremser, die sich durch die Zukunft und Dinge, die den eigenen Horizont überschreiten, bedroht fühlen“, sah Ulf Poschardt in der „Welt“.

Das ist aber nur die halbe Erklärung. Die richtige Frage, die kaum einer stellt, lautet: Warum sollte sich eine überalterte Gesellschaft Großprojekte antun? Projekte also, deren Rendite ein stark wachsender Teil der Bevölkerung nicht mehr einstreichen wird. Wer weiß schon, wie viele von denen, die jetzt die angebliche Mutlosigkeit der Hamburger beklagen, genauso mit „Nein“ abgestimmt hätten. Wenn sie als Hamburger davon ausgehen müssten, nach einem „Ja“ nur noch Lärm und baubedingte Alltagskomplikationen, aber keinen einzigen Athleten mehr im Hamburger Olympiastadion erleben zu dürfen.

Es wird auch kein Zufall gewesen sein, dass der Protest gegen den tiefgreifenden Umbau halb Stuttgarts wegen des Baus eines unterirdischen Bahnhofs neben den üblichen destruktiven linken Protestgruppen auch und gerade von Wutrentnern getragen wurde. Wer jetzt Mitte sechzig ist, kann bei der Baumaßnahme „S21“ davon ausgehen, dass etwa die Hälfte der verbleibenden Lebensjahre einen einzigen Verkehrsinfarkt bedeuten. Wer will das schon?

Wären Hanseaten Krawallschwaben, hätte Hamburg das Desaster vom vergangenen Wochenende vielleicht sogar in Form von dauernden Massenkundgebungen mit Trillerpfeifenorchester ahnen können. So konnten sich die Anti-Olympia-Hamburger zurückhalten, da sie wussten, dass mit dem Referendum ihr großer Tag kommen wird. Ein „Nein“ zu Olympia in Hamburg bedeutet jetzt auch nicht hunderte Millionen Euro Ausstiegskosten, wie es ein „Nein“ zu „S21“ bedeutet hätte. Die Hürden lagen tiefer.

Wie erklärt sich aber, dass über das ganze Jahr alle Olympia-Befürworter davon ausgehen konnten, sie würden den Volksentscheid locker gewinnen? Weil ältere Menschen sich weit weniger in den Kommunikationsräumen aufhalten, in denen sich das jüngere und mittelalte Hamburg gegenseitig selbst versichert haben, wie grandios sie Olympia 2024 finden. Mag ja sein, dass Facebook mittlerweile die Seniorenresidenz des Social-Web ist. Dennoch sind dort viele Ältere nicht dabei. Außerdem sind repräsentative Umfragen im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbundes offenbar doch etwas anderes als Sonntagsfragen im Auftrag öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten.

Zudem hatte keiner der Hamburger Medienmacher, die ihre Blätter und Sender auf Olympiakurs einschwenken ließen, auf dem Zettel, dass ihre Leser und Hörer die Jubelarien auf das Ereignis hier und da auch als intellektuelle Bevormundung empfinden könnten. Der ein oder andere wird irgendwann entnervt mit „Nein“ auf das Sperrfeuer im Zeichen der Ringe reagieren haben.

Eine Sonderausgabe des „Hamburger Abendblatt“ eine Woche vor dem Referendum dürfte den Tiefpunkt der Olympia-Kampagne dargestellt haben. Im Editorial hieß es: „Liebe Leserinnen und Leser, nicht erschrecken: Sie halten eine Zeitung aus der Zukunft in der Hand. Dieses Hamburger Abendblatt tut so, als seien wir schon im Jahr 2024. Hamburg ist tatsächlich Gastgeber der Olympischen Sommerspiele geworden, es ist der Tag nach der Abschlussfeier im Olympiastadion.“

Das ist schon sehr peinlich. Man kann jeden überzeugten Olympia-Freund verstehen, der spätestens nach der Schlagzeile „Die Gegner sind versöhnt“ sich selbst verhöhnt fühlte und aus Solidarität zum Gegner wurde. Hier hat der Medienbetrieb der ganzen Stadt noch viel Aufarbeitung vor sich.

Vielleicht lassen sich daraus auch Ableitungen für andere Debatten im Rest des Landes ziehen.

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