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Verschwörungstheorien Teil 5 : Königliche Aliens und frierende Nazis

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gefährliche Gedankenspiele statt harmlose Unterhaltung

Hitler ist in eine Nazi-Basisin der Antarktis geflohen, die Queen ist ein Alien und die Erde flach: Viele Verschwörungstheorien muten so absurd an, dass Lachen die einzig vernünftige Reaktion zu sein scheint. Doch harmlos sind sie nicht.

„Die Leute, die uns mit allem belogen haben – die müssen wir finden und bloßstellen. Am Ende womöglich einfach umbringen lassen....“ Der Nutzer hinter dem Pseudonym „Caesar“ ist sauer. Darüber, dass Schule, Politik und Gesellschaft ihm jahrelang weisgemacht hätten, die Erde sei eine Kugel. Seinen Unmut teilt er im Internet mit Gleichgesinnten im „Flache Erde Forum“. Dort ist auch „Lambert“ der Meinung: „Die Menschen müssen irgendwann einfach die Kriminellen verhaften. Dann wird alles gut.“

Doch wer sind die? Der Nutzer „heibo“ hat einen Verdacht. „Das Erste in der Liste, was in den Schulbüchern stehen soll, ist das Thema ‚Die runde Erde‘.“ Und den Inhalt der Schulbücher diktiere die UN, weiß er weiter zu berichten: „Leider habe ich keine Quelle dafür.“

„Caesar“, „heibo“, „Lambert“ und Hunderte, vielleicht Tausende andere sind Anhänger der sogenannten Flache-Erde-Theorie. Sie sind der Überzeugung, die Erde sei flach, der Nordpol das Zentrum und die Antarktis eine hohe Eismauer rund um den Rand, die das Wasser zurückhält. Über der Scheibe kreise in etwa 5000 Kilometer Höhe die Sonne mit einem Durchmesser von knapp 60 Kilometern. Seit etwa einem Jahr erlebt diese bereits in der Antike widerlegte Annahme eine Renaissance. Tausende Blogbeiträge, Videos und Forendebatten beschäftigen sich mit Gravitation (die Wissenschaft lügt), eigenen Beobachtungen (Teleskope sind manipuliert), Raumfahrt (Betrug), Erdkrümmung (gibt es nicht) oder Rotation (kann nicht funktionieren). Diese „Wahrheit“ aber werde unterdrückt – von „denen da oben“: Wissenschaft, Politik oder Geheimbünden.

Allerdings seien diese selbst nur Spielball finsterer Mächte, behauptet etwa der britische Rechtsesoteriker David Icke: Er meint, dass an den Schaltstellen von Politik und Gesellschaft seit Jahrtausenden die „Reptiloiden“ sitzen, reptilienartige Außerirdische, die menschliche Gestalt annehmen können. Seine Anhänger sind überzeugt davon, dass ein solches Wesen aktuell auf dem englischen Thron sitzt – und das Lady Diana dies publik machen wollte, was der Grund für ihren Unfalltod (1997) war.

Wer glaubt so etwas – und warum? Diese Frage beschäftigt auch Sebastian Bartoschek. Der Psychologe hat in seiner Dissertation „Bekanntheit und Zustimmung zu Verschwörungstheorien“ durch die Befragung von mehr als tausend Verschwörungsgläubigen versucht, Antworten zu finden. Und weiß im Gespräch mit unserer Redaktion zu berichten: „Absurdität ist kein Ausschlusskriterium.“

Er warnt aber davor, Anhänger selbst krudester Verschwörungstheorien als Verrückte abzustempeln: „Bei den meisten gibt es keine psychologischen Auffälligkeiten.“ Sie würden nur nach einfachen Erklärungen suchen, die ihnen helfen, die Welt zu strukturieren.

So absurde Theorien wie die der flachen Erde sind meist nicht Ausgangs-, sondern Endpunkt einer Karriere als Verschwörungsgläubiger. Ihre wenigen Anhänger berauschen sich am Gefühl der Überlegenheit, daran, dass sie – anders als der große Rest – den Durchblick zu haben glauben.

Bartoschek hat fünf Faktoren herausgefiltert, die mit erhöhtem Glauben an Verschwörungstheorien einhergehen: politischer Extremismus, Religiosität, jüngeres Alter, geringerer Bildungsstand, weibliches Geschlecht. Die Verbreiter derselben seien hingegen eher einsame Männern mit extremen politischen Ansichten.

Die Theorien folgen laut Bartoschek meist einem klaren Muster: Ihre Grundlage sind Beobachtungen, die nicht leicht zu erklären sind – etwa Krieg, Naturkatastrophen oder Ungerechtigkeit. Weiter braucht es eine Opfergruppe, der sich möglichst viele zurechnen können. Und einen skrupellosen Täter. Dann kann die Theorie gedeihen, sagt Psychologe Sebastian Bartoschek: gespickt mit „Einzelfakten, die als wahr überprüfbar sind, um es plausibel zu machen“, vermischt mit Behauptungen, Lügen, angeblichen Beobachtungen und Fehlinterpretationen.

Schwurbler und Sektierer Bei der in rechtsesoterischen Kreisen beliebten Neuschwabenland-Theorie etwa, die von der Existenz einer Nazi-Festung in der Antarktis ausgeht (siehe Infokasten), in der Adolf Hitler nach dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht gefunden haben soll, bilden tatsächliche Antarktis-Expeditionen die Grundlage. Getragen vom Unverständnis über den Zusammenbruch der nationalsozialistischen Idee und gepaart mit Mythen über deutsche Wunderwaffen, erwuchs daraus die Geschichte über die Nazi-Basis im Eis.

Das seien gefährliche Gedankenspiele, sagt Giulia Silberberger. Die 34-jährige Berlinerin ist Geschäftsführerin der „Goldenen Aluhut GbR“, eine Gruppierung der Skeptiker-Bewegung. Sie erkennt bei Verschwörungstheoretiker-Gruppen Parallelen zu Sekten. Silberberger weiß, wovon sie spricht: Mit acht Jahren wurde sie durch ihre Mutter Mitglied der Zeugen Jehovas, der Ausstieg gelang ihr erst über 15 Jahre später. Wahrheitsanspruch und Missionierungsbedürfnis seien beiden gemein, sagt Silberberger, ebenso die Zielgruppe: Menschen, die nach Sinn und Antworten suchen.
Weder sie noch Bartoschek stellen in Abrede, dass eine gewisse Skepsis wichtig ist. „Wir dürfen nicht vergessen, dass es Verschwörungen gab und gibt. Gefährlich wird es aber dann, wenn jemand die Sachen nicht mehr wahrnimmt, die diesem Glauben widersprechen“, sagt Bartoschek.

So jemanden auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, sei ein fast aussichtsloses Unterfangen. „Wir können auf Emotionen nicht mit Argumenten reagieren“, sagt der Psychologe. Der einzige Ausweg sei, dass „die Betroffenen irgendwann merken, dass ihnen der Glaube an die Verschwörung nicht das bringt, was sie sich davon versprochen haben.“

Mythos Neuschwabenland
Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges liefen zwei deutsche U-Boote einen argentinischen Hafen an – waren sie Teil eines Konvois, der Adolf Hitler in eine geheime Antarktis-Festung brachte? Ein argentinischer Journalist behauptete das damals – und einige Rechtsesoteriker glauben das auch heute noch. Tatsächlich brach 1938 das deutsche Schiff „Schwabenland“ in die Antarktis auf und nahm eine 600 000 Quadratmeter große Region als „Neuschwabenland“ (heute: Königin-Maud-Land) in Besitz. Ihr Ziel: der Aufbau einer Basis für die Walfangflotte. 1944 starteten die Briten mit 14 Mann die Operation „Tabarin“, um Gebietsansprüche zu sichern. Und kurz nach dem Krieg brach eine USFlotte mit 13 Schiffen und 4700 Soldaten zur Operation „Highjump“ auf. Es handelte sich um eine Trainingsoperation des US-Militärs in der Region. Verschwörungsgläubige sehen in den Operationen erfolglose Angriffe auf die Nazi-Basis. Endgültig bestätigt fühlen sie sich durch Operation „Argus“, den angeblich finalen Angriff: 1958 zündeten die USA drei Atombomben in der südlichen Hemisphäre – wenn auch Tausende Kilometer entfernt von „Neuschwabenland“.

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