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Pokekom Go : Kleine Monster – große Diskussion

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis „Pokémon Go“, das neue Smartphone-Spiel, die ersten Opfer fordert?

Es ist der Albtraum für alle Eltern: Auf der Jagd nach virtuellen Pokémon-Monstern rennen Kinder mit dem Smartphone in der Hand auf die Straße – und plötzlich knallt es. In den USA haben sich Motorradfahrer Handys ans Cockpit montiert und rasen den Phantasie-Wesen auf der Autobahn hinterher.

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis „Pokémon Go“, das seit Mittwoch in Deutschland verfügbare Smartphone-Spiel, die ersten Opfer fordert? Verkehrspolitiker wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Burkert warnen vor „größten Gefahren“. Der ADAC sieht ein „verschärftes“ Risiko für Autofahrer und Fußgänger. Und die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) befürchtet eine neue Falle, durch die noch mehr Jugendliche den Kontakt zur Realität verlieren könnten.

 

Vergangene Woche war es noch vereinzelt zu beobachten, seit dem Spielstart am Mittwoch wird es zum Massenphänomen: Menschen laufen oder stolpern – den Blick fest auf den Handybildschirm geheftet – durch die Stadt und suchen Pokémons. Auf dem Bildschirm ist die reale Welt zu sehen, in der dann plötzlich die bunten Monster auftauchen. Mit einem Wischen über den Bildschirm werden sie gefangen. Je mehr Pokémons eingesammelt sind, je erfolgreicher kann man gegen die Teams von Freunden kämpfen. Zu finden sind die Monster fast überall: vor Sehenswürdigkeiten, an Straßen, im Park und am See.

Die Ablenkung durch Smartphones habe die Zahl der Verkehrsunfälle schon längst „spürbar“ in die Höhe getrieben, sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. Durch „Pokémon Go“ erhalte das Problem jetzt eine neue Dimension, weil die Spieler animiert würden, „links und rechts nach Monstern zu suchen und nicht auf den Straßenverkehr zu achten“. Die Verkehrsbehörden in den USA hätten schon reagiert, an Autobahnbrücken werde mit Leuchtsignalen gewarnt: „Don’t Pokémon and Drive!“ (Nicht Pokémon-spielen und fahren). Der ADAC appelliert an Eltern, ihre Kinder mit dem Risiko nicht allein zu lassen.

In den Niederlanden gerieten Menschen auf Bahngleise, weil sie nur auf ihr Handy blickten. Es gebe in der „Spaßgesellschaft“ einfach „zu viele Erwachsene, die diesen Verlockungen nicht widerstehen können“, sagt der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. „Die Polizei wird diese Spieler kaum schützen können.“ „Ich teile die Bedenken“, so Burkert (SPD), der den Bundestagsverkehrsausschuss leitet, gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Nicht nur die Autofahrer selbst seien gefährdet, „auch Fußgänger sind Verkehrsteilnehmer“.

Was Eltern und Experten beunruhigt, lässt das Bundesverkehrsministerium vorerst kalt. „Wenn Jugendliche gegen Laternenmasten laufen, weil sie Phantasiewesen in einem Spiel auf dem Smartphone jagen, dann ist nicht das Spiel schlecht, sondern der Jugendliche ein schlechter Spieler“, meint die Parlamentarische Staatssekretärin Dorothee Bär (CSU). Und das Handy am Steuer „ist in Deutschland ohnehin verboten.“ Bär rät angesichts des Pokémon-Hypes zunächst einmal zu „Unaufgeregtheit“.

Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek sieht keinen Grund zur Panik. Wer sein Auto steuere, habe sein Handy wegzulegen, das gelte natürlich auch für „Pokémon Go“. Janecek kann dem Monster-Phänomen auch Gutes abgewinnen: Gerne werde gewarnt, zum Computerspielen verschanzen sich Jugendliche in ihren Zimmern. „Jetzt legen sie teils Dutzende Kilometer zu Fuß zurück, um Pokémons nachzustellen. Also für die Fitness scheint es schon mal gut zu sein.“

Einen ganz anderen Blick auf die „augmented reality“, die vergrößerte Wirklichkeit, mit der „Pokémon Go“ seine Spieler in den Bann zieht, hat die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mortler: „Wir müssen neben den faszinierenden Seiten der Spielewelt auch die Abgründe erkennen“, sagte sie. Schon jetzt kämen laut Studien einige Hunderttausende junger Menschen von Internetspielen nicht mehr los. „Im schlimmsten Fall verlieren sie den Kontakt zur Realität.“ Avatare und Pokémons würden wichtiger als echte Sozialkontakte, Ausbildung und Beruf. Der Hype um „Pokémon Go“ mache deutlich, „welche Anziehungskraft Online-Spiele heute haben“

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erstellt am 14.Jul.2016 | 20:45 Uhr

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