Der Superstorch : Kleine Lonja ganz groß

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Niemand glaubte, dass der geschwächte Storch den Zug nach Afrika überstehen würde. Aber dann hat der Vogel alle verblüfft.

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16. Januar 2016, 16:00 Uhr

„Wie bitte? Den soll ich wirklich besendern?“ Fassungslos starre ich auf den Storch, den meine Kollegin Andrea vom Zoo Zagreb mir zeigt. Klein und mager ist er und wirkt so zerbrechlich, dass ich zögere, ihn anzufassen. Ein Blick auf die Waage: 2,7 Kilogramm, viel zu wenig für einen ausgewachsenen Storch. Andrea erzählt mir, was es mit dem Vogel auf sich hat. Vor einem Jahr hat sie ihn, kurz nach dem Ausfliegen, völlig entkräftet eingefangen. Seitdem wurde er in einer Vogel-Pflegestation aufgepäppelt. Und diesem „Mickerling“ soll ich nun einen Sender umbinden. „Unsinn, der wird die Reise nach Afrika ohnehin nicht überleben“, erkläre ich. Aber Andrea schüttelt energisch den Kopf. Es sei der einzige Vogel, für den man eine Genehmigung habe – und die Verantwortung übernehme sie selbst. Na gut, probieren wir’s eben. 20 Minuten später ist der Sender befestigt. Mit genug Spielraum, dass der Vogel bei guter Ernährung in den Rucksack hineinwachsen kann.


Vogel mit Rucksack


Am nächsten Tag sind wir in Cigoc, dem kroatischen Storchendorf in den Save-Auen. Hier, im Nationalpark Lonjsko Polje, soll der besenderte Storch ausgewildert werden. Großer Medienrummel, als die Tür der Transportbox geöffnet wird. Lonja, so wurde unsere Storchendame inzwischen getauft, lässt sich Zeit. Zögernd verlässt sie die Kiste, macht ein paar unsichere Schritte und fliegt dann davon. Anfangs unsicher, auf wackligen Flügeln, strebt sie in Richtung der weiten Auwiesen. Nach etwa 500 Metern jedoch dreht sie ab und steuert jetzt die einzige Freileitung an. Und dann geht alles ganz schnell. Mit den Flügeln streift Lonja einen der Leitungsdrähte. Sie gerät ins Trudeln und stürzt in einen Maisacker. Bis zum Einbruch der Dunkelheit suchen Andrea und ich die Unglücksstelle ab. Lonja ist wie vom Erdboden verschluckt. Hat ein Fuchs oder Hund den Vogel weggeschleppt? Wir haben kaum noch Hoffnung, ihn lebend zu finden.

Vielleicht funktioniert ja wenigstens noch der Sender. Als wir am Abend die Koordinaten im Internet abrufen, ist die Freude riesengroß. Wider Erwarten hat der Vogel den Unfall offenbar doch überlebt. Von nun an lehrt uns Lonja das Staunen. Täglich größere Entfernungen legt sie zurück. Gemeinsam mit anderen Störchen streift sie durch die Feuchtgebiete des Lonjsko Polje. Endlich, mehrere Wochen nach der Auswilderung, startet der Vogel zur großen Reise. Über Serbien und Mazedonien geht es zielstrebig in die Südspitze Griechenlands. Dort drüben, hinter dem Mittelmeer, liegt Afrika. Trotzdem ist die Halbinsel des Peloppones eine Sackgasse. Als Thermiksegler vermeiden Störche normalerweise längere Flüge über Wasser. Sie halten sich lieber an Meerengen, wie Gibraltar oder den Bosporus. Und was tut Lonja? Allen Risiken zum Trotz fliegt sie schnurstracks hinaus auf die offene See. Glaubt man den bisherigen Erkenntnissen aus der Forschung, dann müsste sie unterwegs ins Mittelmeer stürzen. Denkste! Nach sechsstündigem Nonstop-Flug erreicht sie in Libyen die afrikanische Küste.


6 Stunden Nonstop


Eine fantastische Leistung. Lonja, der kleine, zerbrechliche Pflegestorch, hat sich als „Weltmeister aller Störche“ erwiesen. 425 Kilometer über das Mittelmeer, ohne Rast und mit durchschnittlichen 70 km/h, da hat gewiss auch günstiger Wind geholfen. Trotzdem: Dieser Rekordflug wird in die Storchenliteratur eingehen. Inzwischen, ein paar Wochen später, hat Lonja ihr Überwinterungsgebiet im Tschad erreicht. Südlich der Stadt Abéché hat sie ihr Storchenparadies gefunden. Tagsüber ist sie in einem Wadi auf Nahrungssuche, die Nächte verbringt sie, 7 Kilometer entfernt, auf einem Baum.

Von wegen „Mickerling“. Drücken wir Lonja die Daumen, dass sie den Rückflug ebenso souverän meistert wie ihre bisherige Reise.




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