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Als Kind in Nepal verehrt : Kindgöttin außer Dienst

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Aus der Onlineredaktion

Fast zehn Jahre lang hat die Nepalesin Chanira Bajracharya in Sänften gelebt. Der Übergang ins normale Leben fiel ihr schwer.

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2017 | 08:00 Uhr

Es ist nicht allzu lange her, da wurde Chanira Bajracharya in Nepal noch als Göttin verehrt. Heute macht die 21-Jährige einen Master in Betriebswirtschaft – sie studiert in Kathmandu und will später einmal für eine Bank arbeiten. Ihre Geschichte handelt von einem religiösen Kult. Und einem Übergang ins normale Leben, der nicht immer leicht war.

Bajracharya war kaum sechs Jahre alt, als sie im April 2001 von Hindu-Priestern als sogenannte Kumari ausgewählt wurde. Diese jungen Mädchen werden als Inkarnationen der Hindugöttin Taleju angesehen und sowohl von Hindus als auch Buddhisten verehrt. Im Kathmandutal gibt es neun solcher Kindgöttinnen. Sie sind Trägerinnen einer jahrhundertealten Tradition. Doch ihr Alltag ist hart.

Eine Kumari lebt entweder im Tempel oder zu Hause, darf ihre Wohnstätte aber nicht verlassen. Jeder Morgen beginnt mit einem ausgiebigen Ritual. Erst wird aufwendiges Augen-Make-up aufgetragen, dann folgen Gebete. Danach empfängt die Kindgöttin zahlreiche Besucher, die um ihren Segen bitten. Als Zeichen der Ehrfurcht berühren manche ihrer Anhänger die Füße der Göttin mit ihrer Stirn.

Beim Jatra Festival zum Ende der Regenzeit wird sie auf einer Sänfte durch die Straßen der antiken Königsstadt Lalitpur südlich von Kathmandu getragen, wo Tausende von Gläubigen und maskierten Tänzern die Hindugöttin Taleju verehren.

Eine Kindheit sei das nicht, finden Kinderrechtler. „Letzten Endes ist die Kindgöttin ein Kind. Sie sollte nicht auf eine Art und Weise behandelt werden, die sich negativ auf ihre Psyche auswirken könnte“, sagt Gauri Pradhan, ein ehemaliger Gesandter der nationalen Menschenrechtskommission. Dennoch wolle er die Tradition nicht abschaffen. Die Behörden sollten aber die Situation der Kumari verbessern. „Sie müssen ihr erlauben, mit ihren Freunden zu spielen und ihre Eltern regelmäßig zu sehen“, sagt Pradhan.

Eine Petition zur Abschaffung der Kumaris war bereits 2005 bei Nepals Oberstem Gericht eingereicht worden, sie scheiterte aber drei Jahre später. Stattdessen wies das Gericht die Regierung an, das traditionelle Regelwerk rund um die Kindgöttinnen zu reformieren. „Das ist kein Kindesmissbrauch“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Chunda Bajracharya von der Universität Tribhuvan, die trotz des gemeinsamen Nachnamens keine Verwandte der ehemaligen Kindgöttin Chanira Bajracharya ist. Die Mädchen dürften zu Hause auch spielen, betont sie. „Es zeigt vielmehr, dass unsere Kultur seine Kindheit würdigt, indem sie dem Mädchen göttliche Macht verleiht. Und in ein paar Jahren ist es wieder frei.“ Die Tradition eine die Kultur.

Heute ist Chanira Bajracharya eine ganz normale junge Frau, nichts erinnert an ihr früheres Leben.
Heute ist Chanira Bajracharya eine ganz normale junge Frau, nichts erinnert an ihr früheres Leben.  Foto: Deepak Adhikari

Das sieht auch die ehemalige Kindgöttin selbst so. „Wir helfen, unsere Kultur zu bewahren. Die Leute reden negativ darüber, aber die Tradition hat so viele gute Seiten, einschließlich ihrer Anziehungskraft für Touristen“, sagt sie. Sie fordert aber höhere Renten und bessere Ausbildungsmöglichkeiten für ehemalige Göttinnen. Kinderrechtler und einige der Eltern von Kumaris setzten sich bereits seit Anfang der 2000er dafür ein, dass die Mädchen zu Hause unterrichtet werden dürfen und so eine Ausbildung erhalten.

Bajracharya war eine der ersten, die von den Veränderungen profitierte. Im Alter von 15 Jahren legte sie 2010 die Prüfungen der 10. Klasse ab. Als die Pubertät bei ihr einsetzte, endete mit ihrer Kindheit auch ihr Leben als Göttin. Aber der Übergang ins normale Leben fiel der damals 16-Jährigen schwer. Schon das Verlassen ihres Hauses war eine Herausforderung, erzählt sie.

„Ich musste zu einem Tempel gehen. Dabei war ich das letzte Mal vor neun Jahren zu Fuß auf der Straße unterwegs gewesen und war es nicht mehr gewohnt. Ich wünschte, es hätte mich jemand auf meiner Sänfte getragen“, erinnert sie sich. Mit der Hilfe ihrer Eltern – einem Maler und einer Hausfrau – lernte sie wieder, längere Strecken zu Fuß zu gehen.

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