Gesellschaft : Kinderkrankheiten des Rock’n’Roll

Die starre Haltung, bei der sich nur die Hände etwas bewegten, galt als das Markenzeichen Joe Cockers – sie war dem Polio geschuldet.
Die starre Haltung, bei der sich nur die Hände etwas bewegten, galt als das Markenzeichen Joe Cockers – sie war dem Polio geschuldet.

Ein Zusammenhang mit interessanten Facetten: Die letzte Generation der Polio-Opfer in der westlichen Hemisphäre war die erste, die die Massen mit Rock-Musik begeisterte.

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21. Mai 2018, 05:00 Uhr

Als ein junger, noch weitgehend unbekannter Engländer am 17. August 1969 die Bühne des Woodstock-Festivals erstieg und um „A Little Help From My Friends“ flehte, war dies der Einstieg in eine Karriere, die Joe Cocker (1944 - 2014) zum Superstar machen sollte – für viele wurde er zum besten weißen Bluessänger überhaupt. Legendär nicht nur die Stimme, sondern auch seine Bühnenshow, die allerdings bei manchem Zuschauer auf Befremden stieß.

Die für Cocker typischen ungelenk wirkenden Armbewegungen folgten einer eigenwilligen Choreografie, hatten aber eine profane Ursache: Joe Cocker war in jungen Jahren an Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz Polio) erkrankt und litt unter den bleibenden Folgen. Er teilte dieses Schicksal mit einer Reihe anderer Größen der neuen Musik wie Neil Young, Ian Dury, Judy Collins und Donovan Leitch.

Alle diese Künstler sind mit ihren Songs berühmt geworden, und es ist naheliegend, dass die bitteren Erfahrungen ihrer Erkrankung auch einen Niederschlag in ihren künstlerischen Werken gefunden haben. Donovan (Jahrgang 1946), der erst kürzlich zum Botschafter der weltweiten Kampagne zur Ausrottung der Kinderlähmung ernannt wurde, erkrankte mit drei Jahren und erinnert sich, dass sein Vater ihm in den langen Phasen der Bettlägerigkeit viel vorgelesen hat, vor allem Gedichte. Das wurde zur Initialzündung seiner Karriere: „Wenn es dieses Erlebnis nicht gegeben hätte, wäre ich vielleicht nie darauf gekommen, meine eigenen Lieder zu schreiben und zu singen, so wie ich es das letzte halbe Jahrhundert getan habe“, erzählte der Sänger in einem Interview dem Daily Express.

Was die Häufung der an Polio erkrankten Rockstars betrifft, kann der Befund statistisch nicht überraschen. Die moderne Popmusik begann ihren Siegeszug in den 1960er Jahren durch junge Protagonisten, die zumeist in ihren Zwanzigern waren und damit in der westlichen Hemisphäre genau zu der Alterskohorte gehörten, die vor Einführung der Impfungen besonders Polio-gefährdet war. Nach Angaben der kanadischen International Immunization Initiative (CIII) forderten die Polio-Epidemien der 40er- und 50er-Jahre jedes Jahr eine halbe Million Opfer, vor allem Kinder, die an der Infektion starben oder dauerhafte Lähmungen erlitten. Bevor in den späten Fünfzigerjahren endlich ein Impfstoff zur Verfügung stand, erlebten die USA noch 1952 die schlimmste Polio-Epidemie ihrer Geschichte mit 58 000 Infektionen und 3145 Todesfällen. Mit den Reihen-Schluckimpfungen ab Anfang der Sechzigerjahre verschwand die Krankheit schnell aus den wohlhabenden Teilen der Welt.

Dank einer Initiative von Rotary International, WHO und Unicef, die seit 1988 zu Massenimpfungen in allen Ländern der Welt geführt haben, sind inzwischen nur noch drei Länder (Nigeria, Afghanistan und Pakistan) akut von Polio bedroht. Die endgültige Ausrottung soll in wenigen Jahren abgeschlossen sein.

Die letzte Generation der westlichen Polio-Opfer war zugleich die erste, die sich dem Rock’n’Roll verschrieb. Das war eine völlig neue Musik, die man einfach genießen konnte, die aber oft viel mehr sein wollte als gefällige Unterhaltung. Diese Musik war laut und rebellisch, mit ihr verband sich Protest gegen die Umwelt, die Eltern, gegen Schule und Gesellschaft. Die langen Haare der Musiker wurden zum sichtbaren Ausdruck für ein neues Lebensgefühl, das sich den hergebrachten Konventionen nicht mehr unterordnen wollte.

Deshalb war die Musik auch nicht einfach ein künstlerisches Angebot an ein Publikum, sondern wurde zum Medium einer elementaren physischen und psychischen Selbsterfahrung. „Shakin’ All Over“ hieß ein Hit von 1960, der als Signatur über der ganzen Epoche stehen kann. Damit ist das ekstatische Zucken gemeint, mit dem manche Musiker diese Selbsterfahrung auslebten. Wer aber könnte das authentischer rüberbringen als „Polios“ wie eben Joe Cocker? Es kann deshalb auch nicht überraschen, dass der englische Musikwissenschaftler George McKay die erste Monografie zum Zusammenhang von Popmusik und Behinderung unter eben diesen Titel stellte: „Shakin’ All Over. Popular Music And Disability“ (University of Michigan Press, 2013).

McKay geht seinen Fragen auf verschiedenen Ebenen nach: wie sich Behinderte und besonders Polio-Betroffene in der Popwelt präsentierten, ob sich in ihren Werken Nachweise auf ihre Erkrankung oder Behinderung finden lassen und ob diese Werke möglicherweise auch geschrieben wurden, um das Thema öffentlich zu machen. Ein berühmtes Beispiel für den indirekten Niederschlag ist Neil Youngs „Helpless“ von 1969, ein Aufschrei nach Erlösung und Trost.

Direkter und aggressiver ging der englische Sänger und Bandleader Ian Dury (1942 – 2000, Foto unten) mit seiner Polio-Behinderung um, spektakulär in dem Song „Spasticus Autisticus“, mit dem er 1981 gegen das als herablassend empfundene Konzept für das Internationale Jahr der Behinderten protestieren wollte. Sein Wortwitz zeigte, dass er an seinem Polio-Schicksal nichts zu beschönigen fand: „I dribble when I piddle ’cause my middle is a riddle…“ (sinngemäß: Ich pinkle auf meine Hose, wenn ich Wasser lasse, weil mein Körper mir ein Rätsel ist).

Aller Wut zum Trotz war Dury wie andere Betroffene bereit, seine Popularität in den Kampf gegen die Kinderlähmung zu stellen. Zusammen mit Robbie Williams war er in den 1990er-Jahren als Botschafter für Unicef in Sri Lanka unterwegs, um an Nationalen Impftagen mitzuwirken. Weitere Stars der Musikszene, aber auch aus Film, Sport und anderen Bereichen des Showgeschäfts stellten sich für diese Aufgaben zur Verfügung. Ihr Einsatz trägt dazu bei, nach den Pocken eine zweite grässliche Krankheit für immer zu besiegen.

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