100 Jahre DIN-Norm : Keiner tanzt aus der Reihe

Sie prägt unseren Alltag, oft ohne dass wir es merken: In dieser Woche feiert die Deutsche Industrienorm (DIN) 100. Geburtstag.

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24. Februar 2018, 16:00 Uhr

DIN-A-4-Format – mit diesem Begriff können vermutlich die meisten Menschen etwas anfangen. 1922 veröffentlichte das Deutsche Institut für Normung einen Standard für Papiergrößen, der für das Einheitsbriefformat die Maße 210 x 297 Millimeter festlegte. Davon sollten alle weiteren Papiermaße abgeleitet werden. Ein freiwilliger Standard, gegen den die Papierindustrie damals einstimmig protestierte („Die Maschinen passen dafür nicht“) und der sich dennoch rasch durchsetzte, weil Behörden und große Unternehmen sich aus Kosten- und Rationalisierungsgründen für das neue Format aussprachen. Eine Norm, auf die man sich nach den Ausführungen des Historikers Günther Luxbacher im Band „DIN von 1917 bis 2017“ auch international schnell einigte.

Vier Jahre vorher, am 1. März 1918, erschien das erste DIN-Normblatt unter der Bezeichnung „DI Norm 1 Kegelstifte“. Das Ziel: Die Abmessungen von massenhaft und in mehreren Branchen verwendeten kleinen Bauteilen sollten vereinheitlicht werden. Viele Verbände hatten ihre eigenen Normungsgremien und lehnten das DIN-Normungswerk lange ab, weil sie meinten, dass sie ihre Brancheninteressen so besser durchsetzen konnten. Spätestens seit dem Normenvertrag von 1975 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem DIN gilt das Deutsche Institut für Normung als die nationale Normungsorganisation.

Heute gibt es mehr als 34 000 DIN-Normen. Jedes Jahr kommen mehr als 2000 neue hinzu, gleichzeitig fallen veraltete zum Beispiel über Schreibmaschinenbänder weg. Doch wer entscheidet darüber eigentlich und wie verbindlich sind diese Standards? 40 Frauen und Männer sitzen in einem Raum und sprechen über leuchtende Westen, blinkende Fahrradhandschuhe und heizbare Unterwäsche. „Smarte Textilien“ nennen sie diese Stoffe, die mit integrierter Technik für die besondere Funktion sorgen. Solche Kleidung kommt vor allem im Arbeitsleben wachsende Bedeutung zu: So können beispielsweise Schnittschutzhosen mit eingearbeiteten Hightech-Fasern eine Motorsäge stoppen, bevor sich ein Waldarbeiter verletzt.

Die Fachleute beschäftigen sich in dieser Runde damit, wie man solche smarten Textilien waschen kann. Wie oft und bei welcher Temperatur ist eine Wäsche möglich, ohne dass die eingebaute Elektronik Schaden nimmt? Muss sie vor jedem Waschgang ausgebaut und danach wieder eingesetzt werden? Ist das technisch möglich und wenn ja, überhaupt praktikabel? Wie kann man garantieren, dass das Tragen dieser Kleidung ungefährlich ist, selbst wenn man sich beim Waschen nicht an die Anweisungen hält?

Hinter diesen Fragen steckt die Überzeugung, die die Anwesenden so oder so ähnlich formulieren: „Wir brauchen Standards für das Waschen, die den zusätzlichen Nutzen dieser Kleidung für einen gewissen Zeitraum sicherstellen. Nur dann werden wir einen größeren Kreis von Verbrauchern davon überzeugen können, für smarte Textilien Geld auszugeben.“

Kein Zufall, dass dieser Workshop in der DIN-Zentrale in Berlin stattfindet. „Wir stellen keine Normen auf und verabschieden keine Gesetze, sondern greifen Initiativen aus der Wirtschaft auf und sind als Moderatoren bei der Suche nach einer Norm tätig“, betont DIN-Sprecher Oliver Boergen. Damit will er sagen: Über eine künftige Norm für die Waschbarkeit von smarten Textilien entscheiden die Fachleute, die an diesem und an künftigen Workshops mitwirken und nicht die DIN-Mitarbeiter. Dabei wird zunächst eine sogenannte DIN SPEC angestrebt, bei der eine Mehrheit entscheidet. Für eine spätere DIN-Norm müssen Beschlüsse einstimmig gefasst werden. So ein Verfahren kann bis zu drei Jahre dauern, manche Standards umfassen mehr als 100 Seiten.

Das Deutsche Institut für Normung ist keine Behörde, sondern ein Verein mit 2400 Unternehmen als Mitglieder. Durch Normen für industrielle Produkte, für Dienstleistungen oder derzeit verstärkt für digitale Entwicklungen versucht man auch international Standards zu setzen – 85 Prozent der veröffentlichten Normen sind international gültig. Letztlich soll so der weltweite Handel erleichtert und der Marktzugang für deutsche Produkte gefördert werden.

Im Normenvertrag von 1975 hat sich das DIN verpflichtet, öffentliche Interessen zu berücksichtigen. Alle „interessierten Kreise“ sollen an der Normengestaltung mitwirken. Dazu wurde auch ein DIN-Verbraucherrat eingerichtet. „Unser Einfluss über den Verbraucherrat ist begrenzt“, sagt Holger Brackemann, Chef-Produkttester der Stiftung Warentest. Er hält das deutsche System der Normung grundsätzlich für sinnvoll, da es den Staat von vielen Aufgaben entlaste und dem Verbraucher diene – zum Beispiel wenn Stecker in Steckdosen oder Papiere in Drucker passen. Auch habe sich der zunächst freiwillige Charakter der Normen bewährt – der Handel richte sich danach, nicht selten würden Normen auch in Verordnungen und Gesetze übernommen. Allerdings seien Unternehmensinteressen häufig stärker als Verbraucherinteressen: „Es gibt technisch gesehen keinen Grund für unterschiedliche Beutelgrößen bei Staubsaugern. Mit unseren Vorstößen in diese Richtung haben wir beim DIN keinen Erfolg, denn die Industrie will keine einheitliche Norm.“

Grundlegender ist Brackemanns Kritik an den Testnormen des DIN: „Das Problem ist, dass da eine Welt gebaut wird, die sich in vielen Punkten von der Realität abgekoppelt hat.“ Damit meint er zum Beispiel den Kühlschrank, dessen Energieverbrauch in einem Verfahren ermittelt wird, bei dem er nie aufgemacht wird. „Das ist natürlich unzureichend. Das Interesse der Hersteller ist es, bei der Energiekennzeichnung gut dazustehen. Es ist mehr Kontrolle seitens des Staates beziehungsweise der EU nötig, ob diese Testnormen wirklich funktionieren“, lautet seine Forderung. Nach dem VW-Abgasskandal hat die Bundesregierung die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung damit beauftragt, die Testmethoden für Dunstabzugshauben, Wäschetrockner, Klimaanlagen und Wärmepumpen zu überprüfen. „Das ist eine positive Entwicklung und wir sind gespannt auf die Ergebnisse“, sagt Brackemann.

Im aktuellen DIN-Präsidium findet man Mitglieder von Bosch, Daimler, ThyssenKrupp sowie weitere Vertreter großer Branchen, der Bundeswehr und verschiedener Ministerien, aber niemanden von Gewerkschaften, Verbraucherorganisationen oder Umweltverbänden. „Sie befinden sich …bis heute nicht auf Augenhöhe mit den bereits länger etablierten interessierten Kreisen aus Gewerbe, Industrie, Handel, Staat und Wissenschaft“, folgert Luxbacher.

Dies spiegelt sich auch beim Treffen der Fachleute zum Thema smarte Textilien wider: Sie kommen fast alle von Textilherstellern, Wäschereien und aus der Forschung. „Jeder kann hier mitmachen, wir schließen niemanden aus“, sagt Workshopleiter Olaf Bender. Die Teilnahme kostet allerdings nicht ganz wenig, das DIN finanziert sich zu mehr als 60 Prozent durch den Verkauf seiner Leistungen. Ein Unternehmen mit einem Haushalt von 70 Millionen Euro und 450 Mitarbeitern, das gut von immer mehr Normen lebt – so der Vorwurf der Kritiker. Die Berliner Normspezialisten kontern: Standards tragen zu 0,8 Prozent oder umgerechnet 15 Milliarden Euro zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei.

Was war die DIN 1?

An Bedeutung gewannen Normen mit der Industrialisierung, die Standards im Handel und effiziente Produktion in Fabriken erforderte. Zur Jahrhundertwende gab es mitunter 25 Varianten für ein Ventil einer Dampflok. Nach und nach entstanden in Europa Normungsorganisationen. Die erste DIN-Norm war 1918 jene zu Kegelstiften, einem Verbindungselement im Maschinenbau.

Wie entsteht eine Norm?

Jeder kann einen Antrag auf Normung stellen. 30 Prozent der in Europa geltenden Normen entstehen unter deutscher Führung. Mit 32 000 Experten aus Wirtschaft und Forschung, von Verbraucherseite und der öffentlichen Hand hat das DIN Fachleute für jeden Lebensbereich. Sie prüfen, ob eine Norm nötig ist. Komplexe Standards können bis zu drei Jahre dauern und 300 Seiten umfassen. Andere passen auf zehn Seiten. Spätestens alle fünf Jahre werden Normen überprüft.

Wie finanziert sich DIN?

Die Normung ist eine Selbstverwaltungsaufgabe der deutschen Wirtschaft. DIN finanziert sich zum überwiegenden Teil aus dem Verkauf von Normen, anderen Verlagsprodukten und Dienstleistungen. Wer etwa die Anforderungen zur Herstellung einer Elektrozahnbürsten braucht, muss dafür mindestens 55,40 Euro bezahlen. Hinzu kommen u.a. Mittel der Wirtschaft und öffentlichen Hand und Mitgliedsbeiträge. Durch den Kauf der Normen durch Nutzer bleibt die privatwirtschaftliche Organisation erhalten.

 
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