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Panorama

18. November 2017 | 00:23 Uhr

Brüssel : Kein Geschenk-Ticket

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

EU-Präsent für alle 18-Jährigen zu kostspielig. Kommission stellt in Brüssel Ersatzprojekt für Schüler vor

Ein Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag für jeden Europäer – diese Idee stand am Anfang. Gestern hat die Brüsseler EU-Kommission das vorgelegt, was sie daraus gemacht hat: Es ist die Initiative „Move2Learn, Learn2Move“. Selbst Manfred Weber, Chef der Christdemokraten im EU-Parlament, nennt das Vorhaben ein „Bürokratie-Monster“. Hintergründe von Detlef Drewes:

Warum gibt es kein Interrail-Ticket für einen Monat freies Reisen durch Europa für alle 18-Jährigen?
Nach Berechnung der EU-Behörde würden dafür zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Euro pro Jahr fällig. Dieses Geld steht nicht zur Verfügung. Nun hat man durch Kürzungen im Erasmus-Programm 2,5 Millionen Euro zusammengekratzt. Damit sollen einmalig 5000 Jugendliche verreisen dürfen.

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein?
Reisen können nur Schüler oder auch ganze Klassen, die am eTwinning-Projekt teilnehmen. Dabei handelt es sich um Plattform im Internet, die 2005 gegründet wurde und auf der inzwischen 450 000 Lehrer und Schüler aus allen Mitgliedstaaten Projekte entwickeln, sich austauschen, gemeinsam lernen und zusammenarbeiten. Wer sich dort engagiert und den Schwerpunkt Inklusion (benachteiligte junge Menschen) gewählt hat sowie mindestens 16 Jahre alt ist, kann an dem Programm „Move2Learn, Learn2Move“ teilnehmen.

Wer wählt die „Gewinner“ aus?
Die Kommission sichtet die eingereichten Projekte und sucht dann interessierte Jugendliche aus, wobei Schüler aus allen Mitgliedstaaten zum Zug kommen sollen. Es gibt – je nach Anreise – zwischen 350 und 530 Euro. Dabei wird unter anderem auch berücksichtigt, ob ein Schüler oder eine Klasse schon eine Auslandsfahrt unternommen haben. Sollten die 2,5 Millionen nicht ausgeschöpft werden, könnten zwischen August 2017 und Dezember 2018 weitere 2000 Jugendliche durch Europa geschickt werden.

Ist es egal, wie die Schüler reisen?
Nein. Zum einen werden keine Fahrten mit dem Pkw oder einem gecharterten Bus bezuschusst. Zum Zweiten will die EU das Projekt nutzen, um jungen Menschen spielerisch zu zeigen, wie viel CO2 man produziert, wenn man unterwegs ist. Deshalb dürfen die Schüler kein Verkehrsmittel wählen, das mehr als 200 Gramm Kohlendioxid pro zurückgelegtem Kilometer produziert. Als Grundlage dafür gelten diese Zahlen: Eisenbahn: 14 Gramm. Stadt- und Fernbusse: 86 Gramm. Mittelgroße Fähren: 258 Gramm. Kleine Fähren und Flugzeuge: 285 Gramm.

Trotzdem bleibt die Frage, wie weit man mit 350 bis 530 Euro kommt?
Die Kommission hat einige Transportunternehmen für Patenschaften gewinnen können. Diese räumen den Jugendlichen Rabatte ein und erlauben dadurch weitere Strecken. Aus Deutschland sind dies etwa die Deutsche Bahn, Hahn Air, Interrail und Westbahn sowie die Lufthansa-Tochter Brussels Airlines. Grundsätzlich können die Teilnehmer aber jedes Verkehrsunternehmen buchen.

Wo und wie kann man sich bewerben?
Anträge können ab sofort bis zum 30. Juni eingereicht werden. Bis August sollen die Gewinner Bescheid wissen. Die Reise muss bis Ende 2018 stattfinden. Bewerbungen sind unter dieser Internet-Adresse möglich, sofern der Jugendliche oder die Klasse bereits am eTwinning-Projekt teilnehmen: www.etwinning.net/en/pub/index.htm
 

Kommentar des Autors: Von der Realität entzaubert
Die Idee hatte Charme: Freies Reisen per Bahn durch alle Mitgliedstaaten. Das klang einfach, überzeugend und  auch unkompliziert. Eben so ganz und gar nicht nach  EU. Was nun herausgekommen ist, erscheint wie das Gegenteil. Also typisch  EU. Dabei hätten die Mütter und Väter dieser Initiative wissen können, dass die EU keine eineinhalb Milliarden pro Jahr hat, die irgendwo rumliegen. Viel wichtiger war aber von Anfang an ein anderer Einwand: Die Illusion der Chancengleichheit für alle Jugendlichen  gibt es nicht. Auch wenn Brüssel jedem jungen Bürger einen Interrail-Pass  in den Briefkasten gesteckt hätte, wären nicht alle frischgebackenen 18-Jährigen in der Lage  gewesen, ein solche Reise zu unternehmen. Die gute Idee ist nicht von der Verwaltung, sondern von der sozialen Realität entzaubert worden.
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