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Unicef-Vorsitzende über Kinderarmut : Jürgen Heraeus: „Jeder Mensch ist nur einmal Kind“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jürgen Heraeus, Vorsitzender von Unicef Deutschland, über die wachsende Zahl von Kindern, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind

Inzwischen ist jedes siebte Kind in Deutschland auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen – 30 000 mehr als im Vorjahr. Darüber sprach Rasmus Buchsteiner mit Jürgen Heraeus, Vorsitzender von Unicef Deutschland.

Wie sehr besorgt Sie die Tatsache, dass so viele Kinder von Hartz IV leben müssen?
Heraeus: Es ist ein Alarmsignal, wenn trotz vergleichsweise guter Konjunktur ein so großer Teil der Kinder in Deutschland auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Trotzdem planen die Parteien vor der Bundestagswahl einen Wahlkampf zum Thema Rente. Denn in einer alternden Gesellschaft entscheiden die Rentner die Wahl. Es muss endlich mehr getan werden, damit die Kinder am unteren Ende der Gesellschaft nicht noch weiter abgehängt werden.

Droht Armut hier quasi „vererbt“ zu werden?
Hauptursache von Kinderarmut ist die Arbeits- und Perspektivlosigkeit von Eltern. Materielle Einschränkungen sind dabei nur ein – wenn auch wichtiger – Aspekt. Armutserfahrungen sind dann besonders negativ für Kinder, wenn sie mindestens ein Drittel der Kindheit dauern. Das trifft auf viele Kinder von Alleinerziehenden und Langzeitarbeitslosen zu. Gelernte Hoffnungslosigkeit macht es schwer, Herausforderungen im weiteren Leben zu meistern.

kinder
 

Ist es Zeit, den Hartz-IV-Regelsatz für Kinder zu erhöhen und die Unterstützungsleistungen des Bildungspakets auf den Prüfstand zu stellen?
Vor drei Jahren wurde eine Überprüfung der familienpolitischen Leistungen eingeleitet. Doch bis heute kann ich keine wirklichen Konsequenzen erkennen. Es muss ein Weg gefunden werden, jedem Kind in Deutschland – unabhängig von seiner Herkunft – eine materielle und kulturelle Grundsicherung zu geben. Das Bildungspaket ist offensichtlich zu bürokratisch und zu schwerfällig, um das dahinter stehende Ziel einer gerechteren Teilhabe zu erreichen.

Worauf führen Sie den Anstieg der Hartz-IV-Zahlen bei Kindern zurück? In wirtschaftlich guten Zeiten müsste es doch eigentlich gelingen, mehr arbeitslose Eltern in Jobs zu vermitteln...
Die Anstiege sind vor allem dort zu verzeichnen, wo wirtschaftliche Probleme anhalten und wo ein hoher Anteil von Menschen lebt, die auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten. In Ballungsräumen wie Berlin, wo rund ein Drittel der Kinder auf Hartz IV angewiesen ist, sind diese Probleme besonders groß. Man muss klar sehen: Auch unter schwierigen Bedingungen versuchen Eltern, das Beste für ihre Kinder zu tun, und das gelingt auch oft. Trotzdem zeigen Untersuchungen, dass arme Kinder weniger Sport treiben, mehr fernsehen, häufiger rauchen und auch in der Schule weniger gut mitkommen.

Heute ist Kindertag. Welche Botschaft sollte von diesem Tag ausgehen?
Jeder Mensch ist nur einmal Kind. In der Kindheit entscheidet sich, ob wir lernen, unser Leben in die Hand zu nehmen und auch die Zukunft unseres Landes mitzugestalten. Deshalb ist es so wichtig, das Recht eines jeden Kindes auf faire Lebenschancen sicherzustellen.

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erstellt am 31.Mai.2016 | 21:00 Uhr

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