Wochenend-Interview : Janis ohne Grenzen

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Motivationscoach will kein Mitleid, sondern sucht die Herausforderung.

Für Janis McDavid gibt es keine Grenzen. Der Autor und Motivationscoach kam ohne Arme und Beine auf die Welt und sieht sein Leben als Herausforderung.

Die Menschen reagieren auf Sie äußerst unterschiedlich. Was nervt Sie am meisten?
Am schwierigsten finde ich Mitleid. Auf der einen Seite habe ich es nicht verdient. Denn es gibt viele andere Menschen, bei denen das vielleicht eher angebracht wäre. Auf der anderen Seite kann aus Mitleid kein wirkliches Gespräch entstehen. Ich versuche klarzumachen, dass es mir gut geht, ich nichts vermisse und mein Leben als spannende Herausforderung sehe.
Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass mein Körper vollkommen normal ist. Meine Eltern haben meine Behinderung auch nie stark thematisiert. Ich war nie „Janis ohne Arme und Beine“ oder „Janis mit seinem Rollstuhl“. Ich war einfach Janis. Natürlich war mir im Kindergarten bewusst, dass ich mir nicht die Schuhe anziehen kann, wenn wir auf einen Waldspaziergang gehen, und dass ich keine Bäume hochklettern kann. Aber für mich war das völlig normal.

Wie sind Sie auf den Unterschied aufmerksam geworden?
Wir hatten einen neuen Garderobenspiegel im Hausflur, an dem ich vorbeigehüpft bin. In diesem Moment habe ich das erste Mal gesehen, wie es aussieht, wenn ich mich bewege. Das fand ich ziemlich befremdlich, merkwürdig und schockierend. Dieses Spiegelbild passte überhaupt nicht damit zusammen, wie ich mich bislang gesehen hatte. Ich habe damals noch geglaubt, dass ich einmal Motorradpolizist werden würde. Dann sehe ich jemanden ohne Arme und Beine auf dem Boden sitzen.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe das zunächst verdrängt. In den folgenden Monaten und Jahren habe ich dann versucht, meine Bewegungen anzupassen, um mit den Voraussetzungen, die ich habe, normal auszusehen. Damit habe ich mich sicherlich das ein oder andere Mal ziemlich eingeschränkt. Ich wollte in der Öffentlichkeit keine Treppe mehr hochlaufen oder mich ohne Rollstuhl bewegen. Das war mir immer sehr unangenehm, obwohl das früher überhaupt kein Problem war. Später habe ich aber festgestellt, dass mich das zu sehr einschränkt.

Wie haben Sie es danach geschafft weiterzumachen?
Vor allem wollte ich wissen, warum ich ohne Arme und Beine geboren wurde. Mit meinen Eltern habe ich mich sehr viel darüber unterhalten. „Wir gehen davon aus, dass jedes Kind, bevor es geboren wird, sich überlegt, mit welchen Voraussetzungen und Zielen es auf die Welt gehen möchte“, sagten sie damals zu mir. Damit haben sie versucht, mir die Verantwortung zu geben. Nun lag es an mir herauszufinden, was der Grund war. Das ist eine geniale Antwort, die bewirkt hat, dass mein Gedankenkarussell nicht in Schwung kam. Denn mit Schuldgefühlen und Fragen nach dem Warum kann man sich vollkommen kaputtmachen. In der Pubertät hatte ich irgendwann die Phase, in der ich es total blöd fand, dass ich keine Arme und Beine habe. Das war zum Glück nur eine sehr kurze Phase. Zwei Wochen hat mich das kurz aber sehr intensiv beschäftigt. Danach hatte ich das sehr große Bedürfnis, selbstständig und nicht von der Batterieleistung meines Rollstuhls abhängig zu sein.

Wissen Sie heute, warum Sie ohne Arme und Beine geboren wurden?
Eine wirklich fundierte medizinische Antwort darauf gibt es nicht. Ich kenne sie auch nicht, weil ich mich nie auf die Suche gemacht habe. Mir hilft diese Information nicht weiter. Ich schaue nach vorne und mache das Beste daraus.

Warum war es für Sie wichtig, auf eine reguläre Schule zu gehen?
Es war extrem wichtig, dass ich nicht exkludiert worden bin. Natürlich war es schwierig, weil das staatliche System einen anderen Weg vorgesehen hatte. Ich war bereits in einem Waldorf-Kindergarten, in dem es wirklich gut geklappt hatte. Meine Eltern wollten, dass ich mit Menschen auf einer Schule bin, die keine Herausforderungen spezieller Natur hatten. Zum einen aus dem Gedanken heraus, weil es für mich eine tolle Chance ist, mich in meinen Fähigkeiten so herausfordern zu lassen, weil auf mich keine Rücksicht genommen wird. Ich musste mit meinen Klassenkameraden mithalten und lernte, mich nicht auf meiner Situation auszuruhen. Zum anderen war es für meine Klassenkameraden eine Chance. Wir reden alle vom demografischen Wandel. So ist die Möglichkeit, dass es im Kreis meiner Mitschüler einen Menschen gibt, der im Alter auf den Rollstuhl angewiesen ist, sehr hoch. An mir haben meine Klassenkameraden gesehen, dass der Umgang damit kein Problem ist.

Sie sind nach Ihrer Geburt von einer Familie in Bochum aufgenommen worden. Machen Sie Ihren „Hamburger Eltern“ Vorwürfe?
Die Situation hat mich beschäftigt. Vor allem in der Pubertät wurde es zum Thema. Damit hatte ich natürlich ein super Argument gegenüber meinen „Bochumer Eltern“: „Ihr seid nicht meine richtigen Eltern“, habe ich öfter zu Ihnen gesagt. Aber Vorwürfe habe ich meinen Hamburger Eltern nicht gemacht. Ich hatte das Glück, dass meine leiblichen Eltern den Kontakt nicht abgebrochen haben. Wir haben uns ständig gesehen und konnten uns gut leiden. Wir haben oft darüber gesprochen, was damals ihre Gründe waren, andere Eltern für mich zu suchen. Sie konnten sich nach der Geburt einfach nicht vorstellen, wie es mit mir funktionieren soll. Es war damals völlig unklar, wie die Entwicklung weitergeht. Meine Eltern haben die richtige und mutige Entscheidung getroffen, indem sie Eltern gesucht haben, die sich bewusst für mich entschieden haben.

Was haben Ihre „Bochumer Eltern“ richtig gemacht?
Ganz zentral war ihr Gedanke, dass ich selbstständig werde. Das ging vom Trinken über das Essen bis zum Treppensteigen. Natürlich hätten sie einen Treppenlift einbauen oder einen Strohhalm in den Becher stecken können. Aber meine Eltern wollten, dass ich so wenig wie möglich abhängig bin. Meine Mutter war da auch ein Stück weit stur und hat mir nicht im ersten Impuls geholfen. Wir haben viel getestet. Am besten beschreibt es die Situation, wenn wir auf der Suche nach einem neuen Rollstuhl waren. Das größte Problem war, dass ich allein ein- und aussteigen sollte. Das war aber eine Technik, die sehr anfällig war und oft nachgerüstet werden musste. Meine Mutter wollte dafür eine andere Lösung. Auf Messen haben wir uns verschiedene Rollstühle angeschaut. Auch wenn ich dachte, ich komme nicht in den Rollstuhl hoch, hat meine Mutter mich immer aufgefordert, es auszuprobieren. Das hat mich weit gebracht.

Sie fahren seit Ihrem 17. Lebensjahr Auto. Was bedeutet das Auto für Sie?
Neben dem Rollstuhl bringt das Auto noch mehr Freiheit für mich. Zudem ist das Auto der Grundstein, dass ich ein normales Leben führen kann. Bevor ich das Auto hatte, musste ich viel organisieren, hatte Ärger und Stress. Beispielsweise ist es immer ein Abenteuer, mit der Deutschen Bahn zu verreisen. Man braucht nicht in den Urwald zu fliegen, um einen Adrenalin-Kick zu bekommen. Und wenn ich nicht mit der Bahn gefahren bin, mussten meine Eltern mich kutschieren. Da ich nicht das einzige Kind meiner Eltern bin und sie auch keine mehr Lust hatten, mich um drei Uhr morgens von irgendwelchen Partys abzuholen, war es die logische Konsequenz, einen Führerschein zu machen.

Warum bleiben Sie nicht auf der Couch liegen?
Ich bin motiviert. Woher das kommt, dem bin ich beim Schreiben meines ersten Buches auf den Grund gegangen: Jeden Morgen, wenn ich aufstehe und zur Uni gehe, muss ich mich fragen, warum eigentlich. Meine Kommilitonen kämpfen für ihren beruflichen Erfolg und dürfen von ihrem Einkommen behalten, was sie verdienen. Bei mir soll es anders ablaufen, obwohl ich die gleichen Dinge tue. Aber auf der Couch würde ich mich nur langweilen. Ich finde nichts schlimmer als Langeweile. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass es Leute geben muss, die diese Benachteiligung verändern. Das schaffe ich nur, wenn ich vorangehe und zeige, dass es an meiner rein körperlichen Situation nicht scheitert, dass ich ins Berufsleben einsteige. Der Klotz, den ich herumtrage, ist die politische Situation. In die jetzt anlaufenden parlamentarischen Beratungen werde ich mich zusammen mit meinem Mentor und anderen Betroffenen weiterhin noch energisch einbringen.

Zehrt dieser ständige Kampf nicht an Ihnen?
Ich suche mir bewusst Herausforderungen. Wenn ich Leuten erzähle, dass ich mit Freunden nach Brasilien in den Urwald fahre, schütteln sie den Kopf. Wenn ich Leuten erzähle, ich kämpfe gegen ein Gesetz und für eine gleichberechtigte Teilhabe, schütteln sie wieder den Kopf. Mich motivieren große Herausforderungen. Wenn jemand möchte, dass ich etwas tue, ist es die beste Strategie, mir zu sagen, dass es nicht geht. Diese Herangehensweise versuche ich auch in meinen Vorträgen zu vermitteln. Eine Grenze ist nicht dazu da, um vor ihr zu halten. Grenzen und Unbekanntes sind eine Chance. Menschen geben hier zu schnell auf. Das ist schade. Denn wenn wir alle um die Ecke denken würden, könnten wir im Leben viel mehr erreichen.

Eine Grenze ist oft die fehlende Barrierefreiheit. Gibt es eine Stadt, in der Sie sich problemlos bewegen können?
Das wäre eine Traumstadt. Wirklich problemlos ist keine Stadt. Berlin ist schon sehr gut, was den öffentlichen Personennahverkehr angeht. Da gibt es problematischere Städte, in denen ich ohne Auto nicht weiterkomme.

Gibt es denn einen Ort in der Welt, der es besser macht?
London hat einige Dinge, die das Leben für mich deutlich vereinfacht haben. Alle Busse sind barrierefrei und mit Rampen ausgestattet. Überraschenderweise sind auch alle Taxen barrierefrei, und ich konnte mit meinem Elektrorollstuhl Taxi fahren, was in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit ist. Interessant war auch die Situation vor Baustellen. Wenn Fußgänger deswegen den Gehweg wechseln müssen, ist in Deutschland in der Regel nicht der Bordstein abgesenkt. In London habe ich das kein einziges Mal erlebt, dass hier keine Rampe gelegen hat. Das sind Kleinigkeiten, die eine große Wirkung haben und das Denken und Handeln der Menschen prägen.

Interview: Sarah Engel
 

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