Streitbar : Ist der Tod ein Punkt oder ein Doppelpunkt?

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Was bleibt von uns? Das Prinzip „Apfelbaum“ beschäftigt sich mit Spuren, die wir hinterlassen, analysiert Karin Lubowski.

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11. Juni 2016, 16:00 Uhr

Er sitzt im Garten vor seiner Behlendorfer Werkstatt, umgeben von Grün und etlichen seiner Skulpturen, der Blick geht nach irgendwo, aber eigentlich doch nach innen: Günter Grass. Bettina Flitner hat ihn so fotografiert, das Bild gehört zur Ausstellung „Das Prinzip Apfelbaum. 11 Persönlichkeiten zur Frage ,Was bleibt?’“, die im Lübecker Dom zu sehen ist. Und das gerade dieses Bild so berührt, mag daran liegen, dass Grass bis zu seinem Tod 2015 Teil der Hansestadt war. Man sah ihn in sein Büro durch das nach ihm benannte Literaturhaus schlendern, er las und lud Schriftstellerkollegen ein, die sich zuletzt ohne ihn treffen mussten, aber mit ihm in Gedanken. Was von ihm bleibe, wenn er nicht mehr ist, wollte Bettiner Flitner von ihm wissen. Der Kern seiner Antwort: „Wir Menschen haben die Gabe, Lektionen, die uns die Geschichte erteilt hat, zu begreifen, und daraus Konsequenzen zu ziehen. Das heißt, von den Rechten des Demokraten Gebrauch zu machen. Das habe ich versucht, in meinen Büchern zu erzählen und weiterzureichen.“ Und er sagt: „Wenn es mir gelungen ist, zwei, drei Bücher geschrieben zu haben, die auch in späteren Zeiten in die Hand genommen werden, dann ist das schon was.“


Und ich? Und Du? Und Sie? Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr sind, bleibt überhaupt etwas und wenn ja, was? Ist der Tod ein Punkt, oder, wie die Theologin Margot Käßmann es formuliert, ein Doppelpunkt? Ist eine Antwort auf die Frage überhaupt zielführend?

Was nach dem letzten Atemzug mit dem geschieht, der diesen letzten Atemzug getan hat, weiß keiner. Ob die Seele eines Verstorbenen in irgendeiner Weise, irgendwo jenseits von Zeit und Raum, für immer oder auch nur eine Weile weiterlebt, ist eine Frage des Glaubens – genauso wie die Überzeugung, dass nach dem Tod alles vorbei sei. Es gibt die Vorstellung, dass Seelen in den Himmel oder in die Hölle kämen, andere glauben daran, dass die Seelen sich neue Körper suchen und ins irdische Leben zurückkehren, und wieder andere meinen, die Seelen lösten sich auf in ihre feinstoffliche Partikel, gingen auf in kosmischer Energie, aus der sich immer wieder neue Seelen bilden.

Was bleibt, sind Spuren. Wir haben die Gewissheit, dass unser Hiersein etwas ausrichtet. Selbst in glaubensfernen Zivilisationsnischen bleibt von einem Menschen nach dessen Tod die Erinnerung jener an ihn, die mit ihm gelebt und gearbeitet haben, die ihn mehr oder weniger gut kannten.

Was von ihm bleibt, ist – Risiko! – das, woran sich die ihn Überlebenden erinnern. Das muss nicht notwendig wenig sein. Ein als liebevoll wahrgenommener Vater wird seinen Kindern noch eine Weile in guter Erinnerung bleiben. Auch ein Vater, der sich nicht gekümmert oder der geprügelt hat, wird seinen Kindern in Erinnerung bleiben, allerdings kaum in guter. Und in guter Erinnerung zu bleiben ist ein tief verwurzelter Wunsch.

Was bleibt? „Ein Haufen Geld“, mag hier und da die Antwort sein. 3,1 Billionen Euro, so viel wie nie zuvor, werden bis zum Jahr 2024 in Deutschland vererbt, hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge errechnet. Eine Billion, das ist eine Zahl mit zwölf Nullen, das sind 1000 Milliarden, das sind eine Million Millionen. Dass damit nicht die Welt, aber doch ein guter Teil zu retten wäre, denken vorzugsweise die, die nicht zu den Erben zählen – oder? Immerhin jeder zehnte der über 60-Jährigen könne sich vorstellen, einen Teil seines Erbes für einen guten Zweck zu hinterlassen, hat die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt, bei Kinderlosen sei das sogar bei einem Drittel der Fall.

Es bleibt Esprit. Der Philosoph Sokrates hat vor 2400 Jahren das abendländische Denken geprägt, vor allem hat er seinen Schüler Platon dazu angestiftet, einer der bedeutendsten Denker der Antike zu werden. Susanne Anger, Sprecherin der Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“, beschreibt das so: „Was von uns Gedachtes oder Erdachtes bleibt, es hinterlässt Spuren und überlebt und vor allem deshalb, weil es von anderen Menschen aufgenommen, verinnerlicht und weitergedacht werden kann. Ideen schaffen sich ihren Niederschlag in Wort und Schrift, in Erfindungen und Kunstwerken, in Gebäuden und Institutionen – und wirken so weit in die Zukunft hinein.“

Zurück bleiben Ehrungen, Auszeichnungen, Medaillen für die, die als Staatsmänner, Lebensretter, Wissenschaftler, Künstler, Sportler Großes geschaffen oder geschafft haben. Bleibend und für Generationen Biographien prägend sind traumatische Erlebnisse. Da ist die Greisin, die 71 Jahre nach Kriegsende die Bilder der erschossenen Nachbarn nicht vergessen kann, in deren Haushalt es nichts Altes gibt, keine Möbel, die fürs Leben und schon gar nicht darüber hinaus angeschafft werden, weil der Gedanke, Liebgewonnenes zu verlieren, unerträglich ist.
Was bleibt? „Den Mut zu haben, das Undenkbare zu denken und auch danach zu handeln, ist das, was bleibt“, sagt der frühere Politiker Egon Bahr. „Ich bin überzeugt, die Liebe bleibt. Wenn wir Liebe zurücklassen, wird diese weiterwirken. Damit leben auch wir ein Stück weiter, bei anderen, mit anderen und durch andere“, sagt die Theologin Margot Käßmann. „Für mich ist es keine Frage mehr: Wir alle, die wir hier und jetzt leben, müssen eine ethische Pflicht akzeptieren, diesen Planeten für unsere Nachkommen in einem intakten Zustand zu erhalten“, sagt der Wissenschaftsastronaut Ulf Merbold. „Anders als bei einem Künstler, dessen Werk immer mit ihm verbunden bleibt, werden unsere Erkenntnisse irgendwann Allgemeingut. Sie tragen zu unser aller Wissen bei. Das besteht weiter. Wer es entdeckt hat, ist irgendwann egal“, sagt die Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. „Unser Land wieder aufzubauen, war ein großes Versöhnungswerk. Die Begegnungen mit den verschiedensten Menschen gaben mir Antrieb und halfen, meinen Blick zu schärfen und Wege aufzuzeigen. Selbst einen solchen Impuls gegeben zu haben, der weiterträgt, das hoffe ich zuversichtlich“, sagt der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

Es bleibt vorgelebte Zuversicht. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Ob tatsächlich Martin Luther das gesagt hat, ist höchst umstritten. Ein großer hoffnungsvoller Satz ist es allemal. Wie hoffnungslos klingt dagegen das leichthin gesagte „Nach mir die Sintflut“. Und apropos Luther: Für Gläubige wie für Ungläubige hält die Wirkung seiner Thesen, in denen eine Systemkritik formuliert ist, bis heute an.

Bleibend ist der alte, „Goldene Regel“ genannte Grundsatz der praktischen Ethik: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ und Kants kategorischer Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“


Was bleibt noch? Der Glaube, dass die Welt ein verbesserungswürdiger Ort ist. Egal, ob der Tod ein Punkt ist oder ein Doppelpunkt.

HINTERGRUND: Mit dem Erbe einen guten Zweck unterstützen, die eigenen Werte über den Tod hinaus weitergeben, Bleibendes schaffen – um diesen Gedanken populär zu machen, haben sich 23 gemeinnützige Organisationen und Stiftungen zu der Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“ zusammengeschlossen. Zugrunde gelegt ist die Frage „Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin?“ Dazu hat die Fotografin Bettina Flitner im Auftrag der Initiative Egon Bahr, Günter Grass, Margot Käßmann, Dieter Mann, Ulf Merbold, Reinhold Messner, Anne-Sophie Mutter, Christiane Nüsslein-Volhard, Friede Springer, Richard von Weizsäcker und Wim Wenders befragt und porträtiert. Die Ausstellung ist bis zum 2. Juli im Dom zu Lübeck, Ostchor, zu sehen. Der Eintritt ist frei.


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