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Interview : „Im Film werden Fakten verfälscht“

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Ombudsfrau der NSU-Opfer Beate John kritisiert zweiten Teil des ARD-Dreiteilers zur NSU. Nur neun von zehn Mordopfern werden gezeigt

svz.de von
erstellt am 04.Apr.2016 | 20:00 Uhr

Mit einem Film-Dreiteiler zu den Taten der rechtsextremen NSU wagt sich die ARD derzeit an ein brisantes Kapitel  deutscher Geschichte und blickt dabei sowohl auf die Täter, die Opfer als auch auf die Ermittler. Rasmus Buchsteiner sprach mit der Ombudsfrau für NSU-Opfer, Barbara John, über die Filme.

 

Die ARD sendet einen Film-Dreiteiler unter dem Titel „Mitten in Deutschland: NSU“, der sich mit der Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle beschäftigt und das Schicksal der Opfer zeigt. Ein gelungener Beitrag zur Aufarbeitung und Erinnerung?

John: Es ist gut und verdienstvoll, dass sich die ARD diesem Thema widmet und an die schreckliche Mordserie der NSU erinnert. Die fiktionale Dramaturgie im Spielfilmformat erreicht sicher einen größeren Zuschauerkreis und ist wird es vielen leichter machen, das Geschehen aufzunehmen als eine reine Dokumentation. Die Dreiteilung in die Perspektive von Täter, Opfern und das Versagen der Ermittler macht Sinn. Der Film über die Opfer, der am Montagabend ausgestrahlt wird, ist sicher ein Höhepunkt der Serie. 

Sie kritisieren gerade diesen zweiten Film über die Opfer. Was stört Sie daran?

Bedauerlicherweise gibt es eine grobe Unterlassung. Es wird das Schicksal von neun Mordopfern gezeigt. Es sind aber zehn Menschen ermordet worden. Das zehnte Opfer der NSU, die Polizistin Michèle Kiesewetter, fehlt. Sie wurde am 25. April 2007 in Heilbronn ermordet. . Bei allem Verständnis für künstlerische Freiheit und Fiktion - ein Mordopfer bewusst filmisch zu verschweigen, ist verfälschend. Denn es war eine bewusste Entscheidung der Macher des Films. Die ARD ist hier eine Erklärung schuldig. Möglicherweise passte die Polizistin nicht in das rassistische Grundmuster. Der Mordanschlag auf Michèle und ihren Kollegen gehört aber zu dieser Terrorzelle. Hier werden im Film Fakten verfälscht. Hier droht die Gefahr der Bildung neuer Mythen über den NSU. Davon gibt es schon genug.

Wie ist es den Angehörigen der Opfer in den letzten Jahren ergangen?

Es hat sich viel verändert. Die Lage aller Familien der Opfer und auch die der Kölner Opfer hat sich stabilisiert, privat, sozial beruflich. Sie haben sich herausgearbeitet aus dem Abgrund, in den sie gestoßen worden waren und zwar nicht nur durch den schmerzlichen Verlust ihrer Angehörigen, sondern auch durch die soziale Isolierung und die Stigmatisierung durch die Ermittler. Die Angehörigen der Opfer waren zehn Jahre lang ohne Hilfe und Begleitung. Die Gesellschaft ist erst im November 2011 auf sie aufmerksam geworden, da lag der erste Mord bereits mehr als zehn Jahre zurück. Es war vor allem der Zusammenhalt der Familie, der sie gerettet hat. Die Unterstützung von außen kam erst sehr sehr spät. Ihr Verhältnis zu Deutschland hat sich natürlich verändert. Es ist von Skepsis geprägt. Das Vertrauen, das der Staat in Deutschland jeden, ohne Ansehen der Person, gleich behandelt und schützt ist erschüttert. Wir haben gemeinsam ein Buch darüber geschrieben. Der Titel bringt es auf den Punkt. „Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat 2012 bei der bewegenden Trauerfeier für die Opfer im Berliner Konzerthaus versichert, dass alles zur Aufklärung dieser Mordserie getan werde. Lässt sich dieses Versprechen noch erfüllen?

Dieses redlich gemeinte Versprechen lässt sich nicht erfüllen. Denn bei den staatlichen Institutionen, vor allem dem Verfassungsschutz, gibt es kein Interesse daran, alle Fehler auszuleuchten und bis in die Tiefe aufzuklären. Da kämen zu viele Versäumnisse, absichtliche und strukturelle ans Licht. Es ist auch nicht die Aufgabe des Oberlandesgerichts in München, das zu leisten. Dort geht es darum, Beate Zschäpe die Mittäterschaft nachzuweisen. Politisch Verantwortliche, Sicherheitsbehörden und Geheimdienste müssten den Verlauf der Mordserie aufklären. Es das wird auch in den Untersuchungsausschüssen der Länder gemauert. Die ganze Wahrheit werden wir jetzt nicht erfahren. Vielleicht gelingt das mit der Zeit. Aber ändern muss sich schon jetzt vieles, wenn wieder mehr Vertrauen hergestellt werden soll. Das muss wohl von innen kommen, also aus den Ermittlungsbehörden und den Geheimdiensten selbst. 

Was erwarten Sie noch von dem laufenden Prozess gegen Beate Zschäpe?

Der Prozess könnte noch bis Januar 2017 dauern. Bis dahin sind jedenfalls Termine festgesetzt Es gibt aber auch Spekulationen, dass er früher beendet werden könnte. Mit der Aussage von Beate Zschäpe ist bereits Entscheidendes klargestellt worden. Sie hat eingestanden, dass sie von den Morden wusste und zwar vom ersten Mord an Emver Śimśek bis hin zum letzten an Michelle Kiesewetter.

In Dortmund wird heute an das NSU-Opfer Mehmet Kubasik erinnert, der vor zehn Jahren von den Rechtsterroristen ermordet worden war. Wie lässt sich die Erinnerung an die Opfer wach halten?

Heute werden wir in Dortmund an die Ermordung von Mehmet Kubasik erinnern. Es ist der zehnte Jahrestag. Gemeinsam werden wir mit der Familie Kubasik und anderen Teilnehmern vom Tatort, dem früheren Geschäft zur Gedenkstätte in der Nähe des Hauptbahnhofes laufen. Es wird Erinnerungsreden geben und dann auch den Blick nach vorn. Das ist jetzt das Wichtigste auch für die Familie. Wir besuchen regelmäßig mit den Familien der NSU-Opfer die Gedenkstätten, die es inzwischen in den Städten gibt, wo die Morde verübt worden waren. Für die Hinterbliebenenfamilien ist das tröstend und aufbauend, weil sie spüren, dass auch politisch Anteil genommen wird an ihrem Schicksal. Viele Menschen in Deutschland haben erkannt, dass in unserem Land viel verbessert werden muss, gerade auch im Umgang mit Einwanderern und Einwanderung. Schulen sollten sich mit der Geschichte der Hinterbliebenenfamilien im Unterricht befassen, und zwar nicht nur an den Jahrestagen.

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