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Falscher Aida-Schiffsarzt : „Ich wollte Menschen helfen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Falscher Aida-Schiffsarzt gesteht. Fünf Jahre lang fällt nicht auf, dass seine Dokumente gefälscht sind

Im weißen Kittel wurde er geschätzt und bekam von Kollegen „äußerst fundiertes Fachwissen“ bescheinigt. Zuletzt behandelte er eineinhalb Jahre lang Passagiere auf einem Aida-Kreuzfahrtschiff. Doch ihr Arzt war in Wahrheit nur gelernter Krankenpfleger. Nun sitzt der 41-Jährige auf der Anklagebank. Zu Prozessbeginn gestern gestand der Mann am Landgericht Berlin: „Ich habe mich mit gefälschten Dokumenten als Arzt ausgegeben.“ Seit 2010 habe er mit gefälschter Approbationsurkunde und einer am Computer gebastelten Bestätigung eines „Dr. med“ ein Lügengebilde aufgebaut.

80 Taten werden ihm vorgeworfen: Betrug, Urkundenfälschung, Missbrauch von Titeln und 63 Fälle von gefährlicher Körperverletzung. Der sympathisch wirkende Hochstapler erschlich sich den Ermittlungen zufolge als angeblicher Anästhesist und Intensivmediziner eine Stelle bei der Deutschen Stiftung für Organtransplantation sowie eine Dozententätigkeit an der Berliner Charité. Zudem habe er in einer Praxisklinik 41 Patienten unter Narkose gesetzt und als Schiffsarzt praktiziert. Dabei habe er insgesamt rund
500 000 Euro eingenommen. „Es gab nie fachliche Beschwerden“, erklären die Verteidiger.

Der Angeklagte senkt den Kopf. „Ich möchte mich entschuldigen bei den Menschen, deren Vertrauen ich ausgenutzt habe“, erklärt er. „Ich wollte Menschen helfen.“ Er habe als Kind Abenteuerromane von Karl May verschlungen und schon als Neunjähriger davon geträumt, „einmal Medizinmann zu werden“. Nach der Trennung seiner Eltern sei es ihm aber nicht gelungen, das Abitur zu machen.

In Stendal in Sachsen Anhalt wurde er Krankenpfleger. „Mein Herz schlug für die Intensivmedizin“, sagt der Angeklagte. Ärzte hätten ihn geschätzt. „Ich wurde immer häufiger bei Diagnostik einbezogen.“ Doch es sei mehr und mehr um Einsparung von Kosten gegangen. Er habe deshalb eine Auszeit genommen. In Burma, Kambodscha und Vietnam sei er gewesen. „Da reifte der Entschluss, mich als Arzt auszugeben.“ Berlin sollte wegen der Liebe zu einer Frau seine neue Heimat werden.

Die Deutsche Stiftung für Organtransplantation täuscht er kurz darauf. „Es gab zwei Fachgespräche, dann hat man mich als Koordinator eingearbeitet.“ Er habe später ein hervorragendes Zeugnis erhalten.

Es treffe auch zu, dass er in einer Praxisklinik als Narkosearzt am OP-Tisch stand. Die Dosierung habe problemlos ein Gerät geregelt: „Da gibt man nur das Gewicht des Patienten ein und drückt auf Start.“ Zuletzt arbeitete er als falscher Arzt an Bord der Aida. „Aus einer Laune heraus hatte ich mich beworben“, gibt er zu. An der Charité sei es ihm zu theoretisch geworden. „Hatten Sie kein Muffensausen angesichts der vielen Passagiere?“ fragt der Richter. Der Angeklagte zuckt mit der Schulter: „Es war immer noch ein Kollege da.“ Einer Patientin soll er eine antibiotische Infusion gegeben haben, obwohl die Frau kein Penicillin verträgt. Sie soll Kreislaufprobleme erlitten haben. Als der 41-Jährige im Oktober 2014 bei der Ärztekammer Berlin einen neuen Ausweis beantragte und einen zweiten Vornamen eintragen lassen wollte, kamen erste Zweifel auf. Im Dezember 2015 wurde er verhaftet. Das Urteil soll im August fallen.

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