Wochenend-Interview : „Ich hatte Angst zu versagen“

<p>Thees Uhlmann</p>

Thees Uhlmann

Musiker Thees Uhlmann spricht über seinen ersten Roman und Pegida.

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21. November 2015, 16:00 Uhr

Der Musiker ist unter die Roman-Autoren gegangen. „Sophia, der Tod und ich“ ist im Oktober erschienen. In einem Hamburger Hotel berichtet Thees Uhlmann über den Schreibprozess, Glücksmomente, Pegida und warum er Facebook gegenüber skeptisch ist.

Sie trinken gerade Tee, keinen Granulat-Kaffee?
Nein, aber im Zug hatte ich gerade noch eine Tasse und zu Hause auch zwei. Ich habe tatsächlich auch heute Morgen wieder darüber nachgedacht, wie gerne ich das trinke. Ich bin gegen Milchschaum, gegen Kaffeemaschinen, die teurer sind als 70 Euro, gegen Metallkapseln, gegen Pads, vor allem gegen solche, die in den Ferien verlassen zu Hause in der Maschine schimmeln.

Gibt es noch mehr, was Sie mit dem Protagonisten Ihres Buchs gemeinsam haben?
Das Buch hat mit meiner Biografie relativ wenig zu tun. Beim Schreiben war das Schöne, dass ich mir Sachen ausdenken konnte, anders als bei Songs, die schon sehr nah an mir dran sind. Allerdings habe ich früher als Altenpfleger gearbeitet und habe es deshalb im Buch verarbeitet. Ich wollte dem Protagonisten einen Hintergrund schreiben, bei dem ich mich auskenne.

Als der Tod bei Ihrem Protagonisten klingelt, soll er eigentlich nur noch drei Minuten zu leben haben. Was würden Sie in den letzten drei Minuten Ihres Lebens tun?
Im Sommer war ich mit meiner Tochter im Urlaub im Burgenland bei Freunden. Am letzten Tag haben wir in der Nähe einen Pferdehof gefunden. Meine Tochter und ihre Freundin sind mit den Pferden gleich losgaloppiert. Als sie zurückgekommen sind, waren die beiden total high. Meine Tochter konnte gar nichts mehr sagen, weil sie so glücklich war. Es war einfach schön, zu sehen, dass die Mädchen ihre erste unschuldige Glückserfahrung haben. Das fand ich tierisch und dieses Gefühl hätte ich gerne noch einmal, wenn ich nur noch drei Minuten zu leben hätte: Anderen beim Glück zusehen.

In Ihrem Buch spielt der Tod eine große Rolle, genau wie in einigen Ihrer Songtexte. Warum beschäftigt Sie das so?
Weil es alle beschäftigt. Diese Endlichkeit ist das Salz in der Suppe. Uns Künstler treibt es vielleicht besonders um, weil wir dafür da sind, solche Sachen verständlich zu formulieren.

Das Schreiben an sich ist ja nichts Neues für Sie. Sie haben Songtexte und vor vielen Jahren das Tocotronic-Tourtagebuch geschrieben. Was war jetzt anders?
Es war total anders. Ich wusste zwar, dass ich gerne schreibe, aber sich hinzusetzen, einen eigenen Kosmos auszudenken und auf 300 Seiten zu erzählen, war ganz anders als alles, was ich vorher gemacht habe. Auf Seite 72 habe ich mich gefragt, wie soll ich jemals dieses Buch fertig bekommen? Was soll denn jetzt noch passieren? Es war teilweise wirklich heftig und ich hatte noch nie so viel Angst zu versagen. Aber dadurch, dass es so eine krasse Erfahrung war, macht es das Buch für mich auch so wertig. Es ist schön, das geschafft zu haben.

Wie haben Sie sich motiviert in den schwierigen Phasen?
Da habe ich ein gutes System. Den Vertrag für das Buch habe ich ja bereits seit zwölf Jahren, aber ich hatte nie eine richtige Idee. Nach der letzen „Thees“-Platte haben mein Band-Gitarrist Tobi und Rainer, mein Manager, abgemacht, dass ich jetzt das Buch schreiben muss. Ich war zunächst gar nicht begeistert, aber ich liebe die beiden und vertraue vor allen Dingen auf ihre künstlerische Meinung und habe es dann für sie gemacht. Wenn die beiden auf die Idee kommen, dass das jetzt das Richtige für mich ist, dann glaube ich ihnen das. Als dann noch meine Lektorin gesagt hat, sie hält das für eine gute Idee, war ich total motiviert und habe es erst einmal nur für die drei geschrieben.

Was hat Ihre Mutter zum fertigen Buch gesagt?
Wir haben eben noch telefoniert und sie ist erst bei Seite 100, das bedeutet, sie hat die Sex-Szene noch vor sich. Ich habe wirklich überlegt, ob ich da so etwas reinschreibe, aber für mich gehörte die Szene in das Buch. Da muss ich jetzt durch. Meine Tochter wird es irgendwann lesen und dafür auf dem Schulhof ausgelacht. Sie schlägt dann zu und alles ist wieder gut. (lacht) Nein, natürlich erziehe ich sie gewaltlos. Meine Mutter muss sich rechtfertigen vor ihrem Freundeskreis, aber hey, so ist es einfach. In der Uhlmann-Familie ist es nicht so emotional, deswegen wird das alles total ok sein.

Sie sind derzeit auf Lesereise statt auf Tour – wie kommt das bei den Fans an?
Es läuft tierisch. Freunde von mir waren dabei, als ich in Berlin vor 550 Leuten gelesen habe und da hat offenbar keiner ein Wort gesagt. Dann hat ausgerechnet bei meinem Kumpel das Handy geklingelt, weil sein Sohn allein zu Hause war. Das halbe Publikum hat „Pssssscht“ gemacht. Das bringt einen riesigen Spaß, so zu lesen. Die Leute verstehen, was ich will. Ich bin sehr glücklich mit der Reaktion. Ich habe neulich die „Spiegel“-Bestsellerliste gesehen und dachte noch, wie cool: Günter Grass, Henning Mankell und ich.

Hemmoor, Hamburg oder Berlin, welche dieser Städte ist für Sie Heimat?
Heimat ist der Metronom, der zwischen Hamburg und Hemmoor pendelt. Das sage ich jetzt gerade zum ersten Mal, aber irgendwie ist das so. Ich komme da an vielen neuralgischen Stellen vorbei und erinnere mich daran, wie oft ich den letzten Zug verpasst habe und von Hamburg nach Hemmoor trampen musste. Wenn ich weiß, dass ich zwischen diesen beiden Orten pendle, fühle ich mich zu Hause. Meine Heimat ist aber fast irrelevant, weil ich so viel unterwegs bin. Ich habe mir eine Heimat durch das konstruiert, was ich mache und durch das Vermissen, das ich habe.

Was vermissen Sie genau?
Ich vermisse zum Beispiel das norddeutsche Wasser aus dem Wasserhahn.

Das ist anders als in Berlin?
Oh ja. Ich glaube, das ist aber überall anders. Außerdem vermisse ich die Luft, die ist auch anders. Ich merke schon sehr genau den Unterschied, wenn ich in Berlin in den ICE steige und in Hamburg aussteige.

Sie sind ja sehr aktiv auf Facebook. Beantworten Sie dort alle Kommentare und Nachrichten selbst?
Nein, ich schreibe nur und das war es. Auf meiner Facebook-Seite drängeln sich sehr nette Leute herum, aber ich möchte das nicht zu nah an mich heranlassen. Ich möchte gerne so normal bleiben, wie es geht und wenn ich die ganze Zeit lese, was für ein toller Typ ich bin, ist das komisch. Wenn dann auch noch jemand schreibt, dass ich blöd bin, sind die 99 anderen, die das Gegenteil behaupten, egal. Dann geht es nur noch um den einen. Darüber möchte ich nicht nachdenken. Ich habe mit meinem Publikum den Uhlmann-Deal: Sie gehen zum Konzert, ich gebe mir Mühe und danach gibts noch ein Bier und ein Autogramm und alle gehen nach Hause. In dieser ewig plappernden Blase des Internets zu viel Zeit zu verbringen, ist nichts für mich.

Das heißt, in eine Situation wie Til Schweiger könnten Sie nicht geraten?
Nein, wenn ich eskaliere, dann bestimmt nicht im Internet. Ich finde auch, deutsches Facebook ist für Politik nicht geeignet. Es ist sinnlos, Nazis zu sagen, dass Nazis blöd sind. Das macht nichts mit denen. Wenn Campino von den „Toten Hosen“ in Wien ein Konzert spielt und zusammen mit anderen Bands verhindert, dass die FPÖ da ans Ruder kommt, finde ich das gut. Ansonsten bin ich dagegen, dass sich Künstler bei politischen Themen so weit aus dem Fenster lehnen. Wir sind keine Politiker. Ich sage ja auch nicht zu Angela Merkel, dass sie ein tolles Liebeslied schreiben soll. Ein Grundproblem der politischen Debatte im Internet ist auch, dass die Leute die Komplexität von Politik nicht mehr akzeptieren wollen. Die möchten einfach simpel bei Facebook irgendetwas schreiben, damit sie sich politisch und weltverändernd fühlen können. Aber in Wirklichkeit haben sie nur einen Satz mit Rechtschreibfehlern in eine Internetplattform geschrieben.

Die digitale Welt ist für Sie also eher Fluch als Segen?
Ich glaube einfach, dass Pegida ohne das deutsche Facebook nicht möglich wäre. Früher war Pegida, dass sich fünf alkoholische Spinner in der Eckkneipe einig waren in ihrer Meinung. Inzwischen haben diese fünf Spinner aber einen Internetanschluss und können sich mit den anderen 50  000 Spinnern zusammentun. Dann gibt es da noch einen idiotischen Koksdealer, der den Chef macht, und schon laufen die in Dresden durch die Gegend und machen einen auf Welle.

Werden wir wieder unpolitisch.
Danke!

Wie oft werden Sie wegen Selfies und Autogrammen angehauen?
Wenn ich nach dem Konzert irgendwo rumstehe, und noch 50 Leute da sind, mache ich 47 Selfies und gebe das eine oder andere Autogramm. Bei den Lesungen sind es drei Selfies und 50 Unterschriften – also genau umgekehrt. Das ist ganz komisch. Bei meiner letzten Lesung flüsterte ich noch meinem Manager zu: „Rainer, die machen gar keine Fotos…“ Und er so: „Ich weiß, voll komisch. Vielleicht bist du hässlicher geworden.“

Können Sie sich das erklären?
Nein. Vielleicht ist es diese autoritäre Geste des Buches. Ich denke noch darüber nach, aber es war wirklich wahnsinnig witzig.

Was kommt als nächstes – ein zweites Buch oder ein neues Album?
Keine Ahnung, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich zwei Bücher hintereinander schreibe.

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