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Attacke auf Insel Utöya : ‚Ich bin jedes Jahr da gewesen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor sechs Jahren ermordete der Rechtsradikale Anders Breivik auf der Insel Utöya 69 Menschen . Eine Überlebende erinnert sich

svz.de von
erstellt am 22.Jul.2017 | 08:00 Uhr

Heute blickt Norwegen mit Gedenkveranstaltungen auf den schlimmsten Terror im Lande seit der NS-Besatzungszeit zurück. Vor sechs Jahren ermordete der Rechtsradikale Anders Breivik 69 zumeist junge Menschen beim traditionellen Sommercamp der sozialdemokratischen Nachwuchsorganisation auf der Insel Utöya. Kurz zuvor hatte er mit einer Bombe im Osloer Regierungsviertel acht Menschen getötet. Sein Motiv: Die Arbeiterpartei für deren Bereitschaft, Menschen aus muslimischen Ländern aufzunehmen, zu bestrafen.

Jenen Tag überlebte die damals nur 20 Jahre alte Jorid Nordmellan auf Utöya zusammengekauert unter einem Bett in einem Schlafsaal mit einer Freundin zusammen, ohne Fluchtweg. Nur weil sie die Fenster mit Matratzen verbarrikadiert hatten, konnte Breivik kein Tränengas hineinwerfen, um sie hinaus in seine Abschusslinie zu treiben, wie die Jugendlichen, die sich in anderen Gebäuden auf der Insel versteckt hatten. All das geschah in einem der geborgensten, einem der reichsten Länder der Welt.

Nordmellan hatte lange mit den Erinnerungen zu kämpfen. Um nicht allein mit ihren Gefühlen zu sein, ist sie jedes Jahr zur der auch heute wieder stattfindenden Gedenkveranstaltung in Utöya gefahren. „Ich bin jedes Jahr da gewesen, das war notwendig. Letztes Jahr hatte ich dann aber das Gefühl, ich brauche es nicht mehr, sondern komme auch so durch diesen Tag“, sagt sie.

Inzwischen steht die Sozialdemokratin mitten im Leben. Sie hat Ehemann Lasse und den eineinhalbjährigen Sohn Haagen an ihrer Seite. Bei den Wahlen im Herbst kandidiert sie für einen Parlamentssitz.

„Es gab genau zwei Fraktionen von Überlebenden, die, die sich einschlossen, mit der Politik völlig aufhörten und teils heute noch krankgeschrieben sind und sich wegen Angstzuständen nicht aus ihren Wohnungen trauen. Und die anderen, die mit noch mehr Arbeit und politischem Engagement versucht haben, das zu überstehen“, erzählt Nordmellan. Vor allem die Jüngeren, die noch unter 16 waren, hätten es auch heute noch schwer, sagt sie.

Norwegens Kinderhilfswerk hat Überlebende nach dem Anschlag 2011 und kürzlich interviewt. Es kommt zum Ergebnis, dass junge Überlebende ihre Gefühle lange unterdrückten, um der sozialdemokratischen Parteiführung entgegenzukommen. Die hatte vor allem Liebe und Zusammenhalt gepredigt. Zornige Aussprüche waren tabu. Heute brechen um sehr mehr Wut und Angst bei Überlebenden auf, ergibt die Studie.

Über Breivik (38), der unlängst wieder Aufmerksamkeit auf sich zog, mit einem Gerichtsprozess zu seiner vermeintlich unmenschlichen Isolationshaft und mit der Änderung seines Namens in Fjotolf Hansen, wird in Norwegen weiterhin viel geredet. „Die Leute denken noch an ihn, aber es wird weniger. Seine Namensänderung ist lächerlich. Fjotolf klingt im norwegischen nach einem Wort, das Dummkopf bedeutet“, sagt Nordmellan über den Mann, der ihr fast den Tod brachte.

Auch den umstrittenen Prozess zu seinen Haftbedingungen fand sie richtig. „Der war notwendig. Wir hatten noch nie einen solchen Gefangenen in Norwegen. Es musste geklärt werden, ob gegen seine Menschenrechte verstoßen wird, er hätte recht haben können, aber nun hat das Gericht glücklicherweise entschieden, dass er nicht recht hat“, sagt sie. Ob Norwegen etwas aus der Tat gelernt hat? „Die Frage ist falsch gestellt. Was wir damals gelernt haben ist, dass man nicht eine Volksgruppe für die Tat Einzelner verurteilen kann. Man kann Norwegen nicht verantwortlich machen für Breivik. Das Gleiche gilt auch für islamischen Terror Einzelner, für den nicht die Volksgruppe verantwortlich gemacht werden kann“, sagt Nordmellan.

Die rechtspopulistische Fortschrittspartei, in der Breivik aktives Mitglied war, sitzt heute in der Regierung und hat ihre Hetze gegenüber Moslems nach kurzer Zurückhaltung auf das alte Niveau hochgeschraubt. Aber Nordmelan will auch der Rechtsaußenpartei nichts vorwerfen. „Darüber, dass Breivik da Parteimitglied war, reden wir hier nicht. Das wäre die gleiche Verallgemeinerung, wie, wenn man alle Moslems für etwas verurteilt was Einzelne tun. Das wäre nicht fair“, sagt die junge Politikerin.

Ein Dorn im Auge ist ihr aber der Denkmalstreit. Sechs Jahre nach dem Massaker ist keine Einigung in Sicht. Die bürgerliche Regierung hat das bereits bewilligte Projekt „Wunde der Erinnerung“ gekippt. Da sollte eine Landzunge vor Utöya zerschnitten werden. Man wolle keinen peinlichen Rechtsstreit mit den Utöya-Anwohnern, denen es zu auffällig ist, begründete die Regierung.

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