Warnungen und Evakuierungen : Hurrikan „Irma“ zieht über Karibik – erste Schäden

Das von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) zur Verfügung gestellte Bild zeigt ein aus dem Weltraum aufgenommenes Bild des Hurrikans „Irma“.
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Das von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) zur Verfügung gestellte Bild zeigt ein aus dem Weltraum aufgenommenes Bild des Hurrikans „Irma“.

Der Tropensturm trifft Barbuda und Saint Martin mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 255 Kilometern pro Stunde.

svz.de von
06. September 2017, 15:21 Uhr

San Juan | Hurrikan „Irma“ hat die Karibik erreicht und hält Bewohner und Besucher der Inseln in Atem. Die Ausmaße des stärksten bisher über dem Atlantik gemessene Hurrikans sind noch nicht bekannt. Das US-Hurrikanzentrum in Miami warnt aber schon vor dem nächsten schweren Unwetter für die Region. Der Tropensturm „José“, das Wettersystem direkt hinter „Irma“, könne sich bis zum Mittwochabend zu einem weiteren Hurrikan entwickeln.

Das Zentrum „Irmas“ überquerte am Mittwochmittag nach Angaben französischer Meteorologen die zu Frankreich und den Niederlanden gehörenden Inseln Saint-Barthélémy und Saint-Martin. Für die Inseln hatte Frankreich die höchste Alarmstufe ausgerufen. Einwohner sollten ihre Häuser oder Wohnungen nicht verlassen, twitterte das Innenministerium in Paris. Es sei unter Androhung von Strafen verboten, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs zu sein.

In Saint Martin und Saint Barthelemy sorgte „Irma“ für Verwüstungen, wie ein Twitter-Video und erste Bilder zeigen.

Erstmals traf „Irma“ am frühen Mittwochmorgen (Ortszeit) mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 255 Kilometern in der Stunde bei der kleinen Karibikinsel Barbuda auf Land. Der Wind riss die Dächer von einigen Häusern auf Barbuda, wie der „Antigua Chronicle“ auf Facebook berichtete. Am Mittag war die Lage dort völlig unklar.

 

Weitere Informationen über Schäden oder mögliche Opfer lagen zunächst nicht vor. Auch von Barbudas Nachbarinsel Antigua gab es zunächst keine Berichte, der Sturm zog etwa 65 Kilometer nördlich an der Insel vorbei. Direkt nach dem Durchzug des Hurrikans sollten Hilfslieferungen auf den Inseln eintreffen. In Venezuela und Miami würden jeweils zwei Flugzeuge mit Hilfsgütern auf Abruf bereitstehen, sagte der Premierminister von Antigua und Barbuda, Gaston Browne, der Zeitung „The Daily Observer“.

„Irma“ bewegt sich mit etwa 24 Kilometern pro Stunde in Richtung Nordwesten. Als nächstes droht der Sturm auf den Inselstaat St. Kitts und Nevis zuzusteuern. Regierungschef Timothy Harris rief die Einwohner dazu auf, in ihren Häusern zu bleiben. „Ich bin sehr dankbar für die vielen Botschaften der Sorge und Fürsorge angesichts von ,Irma‘, und ich bete um Gottes Schutz und Gnade“, twitterte er.

 

Behörden in der gesamten Karibik bereiteten sich auf „Irma“ vor. In Puerto Rico wurde der Notstand ausgerufen und die Nationalgarde aktiviert. Die Küstenregionen wurden evakuiert. Die Behörden richteten 456 Notunterkünfte für mehr als 63.000 Menschen ein. Die niederländische Regierung schickte rund 100 Soldaten auf die Inseln Sint Maarten, Sint Eustatius und Saba.

Auf seinem Zug könnte der Sturm auch die Dominikanische Republik, Kuba, Haiti und die Bahamas bedrohen. Die Regierung der Bahamas ordnete die Evakuierung mehrerer Inseln im Süden der Inselkette an. Urlauber müssten mit starkem Regen und Wind rechnen, in deren Folge es zu Überschwemmungen und Erdrutschen kommen kann, teilte das Auswärtige Amt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen für mehrere Karibikstaaten hin.

Voraussichtliche Zugbahn des Hurrikans „Irma“.
Foto: dpa
Voraussichtliche Zugbahn des Hurrikans „Irma“.

Als immer wahrscheinlicher gilt zudem, dass „Irma“ auf Florida treffen könnte. Meteorologen betrachten den Zeitraum von Freitagabend (Ortszeit) bis Montag als kritisch. Touristen wurden aufgefordert, die Südwestspitze Floridas einschließlich der Inselkette Florida Keys zu verlassen. Nach Angaben der Behörden sollte die Abreise für Besucher von Mittwochmorgen an (Ortszeit) verpflichtend werden. Später sollten auch Einwohner zum Verlassen des Gebietes aufgefordert werden. „Wenn es jemals in den Keys einen ernstzunehmenden Sturm gegeben haben sollte, dann diesen“, sagte Martin Senterfitt vom Katastrophenschutz des Bezirks Monroe County am Dienstag. „Je eher die Leute gehen, desto besser.“

Hintergrund: Wie funktionieren die Hurrikan-Vorhersagen?

Wie lässt sich vorhersagen, welchen Weg ein Hurrikan nimmt?

Für die Vorhersage werden mehrere Simulationen aus aktuellen Beobachtungen erstellt. Daten wie der Luftdruck am Boden, die Windrichtung, Windstärke, Temperatur von Luft und Wasser, Luftfeuchte und Wellenhöhen werden aufgezeichnet. „Je genauer die Ist-Situation beobachtet wird, desto eher sind auch Simulationen stimmig“, sagt Tobias Schaaf, maritimer Wetterberater beim Deutschen Wetterdienst.

Die Simulationen würden verglichen, dann würden Gemeinsamkeiten sichtbar: „Am Ende hat man dann eine Zugbahn, die wahrscheinlicher ist als andere Zugbahnen.“

Wie genau sind diese Vorhersagen?

Die Daten auf See sind natürlich spärlicher als an Land, „und das macht eine Prognose immer etwas unsicherer“, sagt Schaaf. Außerdem fehlten oft Daten wie der Druck im Zentrum eines Hurrikans: „Der wird nämlich seltenst gemessen.“

Was bedeutet die Sturmstärke fünf?

Das ist die höchste Stufe mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 251 Stundenkilometern. „Es ist eine unvorstellbare Gewalt“, sagt der Wetterexperte. Wind mit solchen Geschwindigkeiten könne ganze Häuser wegreißen. Selbst in Europa würde bei Windgeschwindigkeiten von etwa 300 Kilometern pro Stunde einiges nicht mehr stehen, dies sei „die höchste Gewalt“, die Wind erreichen könne. „Es ist desaströs.“

 

„Irma“ ist ein Hurrikan der höchsten Stufe 5 und einer der stärksten Tropenstürme, der je in der Region registriert wurde. „Bei einer solchen Geschwindigkeit könnten Sie im Grunde nicht mal mehr atmen, wenn Sie im Wind stehen - Sie würden eh wegfliegen“, erklärte Wetterexperte Tobias Schaaf vom Deutschen Wetterdienst. Bei solchen Geschwindigkeiten fliegt nicht nur das Dach, sondern das ganze Haus weg. „Es ist desaströs.“

Vergleichbare Windgesc hwindigkeiten wurden bislang nur bei Hurrikan „Wilma“ 2005 und Hurrikan „Allen“ 1980 gemessen, wie der US-Fernsehsender CNN berichtete.

Hintergrund: Tropische Unwetter und ihre Stärken

Tropische Wirbelstürme entstehen über dem Meer, wenn das Wasser mindestens 26 Grad warm ist und stark verdunstet. Je nach Stärke unterscheiden Meteorologen zwischen tropischen Depressionen (schwacher Wind, „Depression“ im Sinne von Tiefdruckgebiet), tropischen Stürmen (mittel) und tropischen Orkanen (stark). Letztere werden im westlichen Atlantik und im östlichen Pazifik Hurrikans genannt.

Ihre Stärke wird nach der von den Meteorologen Herbert Saffir und Robert Simpson entwickelten Skala eingeteilt. Demnach ist in den USA bei einer maximalen Windgeschwindigkeit unter 63 Stundenkilometern von einem Tropentief die Rede. Bei Tempo 63 bis 118 gilt es als Tropensturm, darüber wird Hurrikanstärke erreicht.

Ein Hurrikan der Kategorie 1 reicht bis Tempo 153. Stufe 2 gilt bis 177, Stufe 3 bis 208 und Stufe 4 bis 251 Stundenkilometern. Besonders verheerende Schäden richten Hurrikans der höchsten Kategorie 5 ab einer Windgeschwindigkeit von 252 Kilometern pro Stunde an.

Hurrikans erzeugen zwar enorme Windgeschwindigkeiten, bewegen sich aber oft nur mit etwa 15 Kilometern in der Stunde vorwärts. Das ist verheerend, weil Niederschläge dann stunden- oder tagelang fast auf dasselbe Gebiet niederprasseln.

Oft nehmen Wirbelstürme bei ihrem Zug über das Meer an Stärke zu. Über Land verlieren sie schnell an Kraft, da der Nachschub feuchtwarmer Luftmassen fehlt. Bei Windgeschwindigkeiten unter 120 Stundenkilometern wird ein Hurrikan zu einem Tropensturm herabgestuft.

Unabhängig von den Entwicklungen in der Karibik braute sich am Mittwoch im benachbarten Golf von Mexiko ein weiterer Tropensturm namens „Katia“ zusammen. Für den Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 65 Kilometer in der Stunde gab es bisher noch keine Warnungen.

Die Auswirkungen der Naturgewalt „Irma“ machten derweil auch dem Oberhaupt der katholischen Kirche einen Strich durch die Rechnung. Die Flugroute des Fliegers, in dem Papst Franziskus von Rom nach Kolumbien unterwegs war, musste geändert werden.

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