zur Navigation springen

Flutkatastrophe in Houston : Hurrikan „Harvey“ kehrt zurück – Trump vergisst Flutopfer

vom

„Harvey“ kehrt mit neuer Kraft nach Texas und Louisiana zurück. Trump zeigt wenig Anteilnahme am Schicksal der Opfer.

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2017 | 18:40 Uhr

Houston | Kurz nach vier Uhr morgens geht der Monstersturm „Harvey“ bei Cameron im US-Bundesstaat Louisiana ein zweites Mal an Land. Für die rund 500 Kilometer breite Region entlang der Golfküste bringt der Hurrikan mehr Wind, mehr Regen und vor allem mehr Überflutungen. Die Zahl der Toten kletterte auf über 30. Die Behörden gehen jedoch von weit mehr aus sobald das Wasser zurückgegangen ist.

Regenmengen im Großraum Houston durch Wirbelsturm „Harvey“.
Regenmengen im Großraum Houston durch Wirbelsturm „Harvey“. Foto: dpa
 

Schon jetzt suchen Zehntausende Zuflucht in Notaufnahme-Lagern, die in Kongresszentren, Kirchen und Schulen ihre Türen für die Opfer der historischen Regenfälle geöffnet haben. Da die Kapazitäten in der besonders hart getroffenen Metropole Houston nicht ausreichen, helfen Dallas, Austin, Fort Worth und San Antonio mit zusätzlichen Unterkünften aus.

Gespendete Gegenstände und Kleidung für die vom Sturm betroffenen Menschen im George R. Brown Convention Center in Houston (USA).
Gespendete Gegenstände und Kleidung für die vom Sturm betroffenen Menschen im George R. Brown Convention Center in Houston (USA). Foto: Elizabeth Conley
 

Ölindustrie ist zum Erliegen gekommen

Hurrikan Harvey brachte auch die Ölindustrie zum Erliegen. Am Mittwoch sah sich Motiva gezwungen, die größte US-Raffinerie bei Port Arthur zu schließen. Damit sind nun mindestens zwölf petrochemische Anlagen außer Betrieb. Der wirtschaftliche Schaden für die Region wird von „Moody Analytics“ zurzeit auf rund 50 Milliarden Dollar geschätzt; etwa die Hälfte der einst von Hurrikan Katrina angerichteten Zerstörungen.

Der Nationale Wetterdienst vermeldet mit 1,31 Meter unweit der Öl-Metropole einen Niederschlagsrekord. Zwei Rückhaltebecken östlich vor Houston – das Addicks und das Barker Reservoir – die Amerikas viertgrößte Stadt bei Unwettern schützen sollen, laufen angesichts der Wassermassen über, und verschärfen das Flutproblem.

Der Highway Interstate 10 ist überflutet.  
Der Highway Interstate 10 ist überflutet.   Foto: David J. Phillip

Tausende Rettungshelfer des nationalen Katastrophen-Dienstes FEMA, die Nationalgarde, Küstenwache und Freiwillige sind rund um die Uhr im Einsatz, um Betroffene aus den reißen Fluten, von Dächern oder aus ihren Häusern zu holen.

Kritik und Häme für Trump-Besuch in Corpus Christi

Während die Nation im Fernsehen verfolgen konnte, wie sich bei den Einsätzen und in den Notunterkünften herzzerreißende Szenen abspielten, versuchte Präsident Donald Trump aus den Fehlern George W. Bushs während Hurrikan Katrina zu lernen, in dem er Präsenz vor Ort demonstrierte. Der Schuss ging nach hinten los.

„Der Präsident traf kein einziges Sturm-Opfer, sah keinen Zentimeter an Regen oder kam nur einer überfluteten Straße nahe“, fasst die Nachrichtenseite „Politico“ den Besuch Trumps in Corpus Christi und Austin zusammen. Beide Städte liegen an der Peripherie der von „Harvey“ betroffenen Regionen. 

Bei Ankunft in Corpus Christi ließ sich der in Baumwollhose und Regenjacke gekleidete Präsident von rund tausend Anhängern hochleben. „Was für eine Menge, welch ein Auftrieb“, sagte Trump, der eine weiße Schirmmütze promotete, die er auf seiner Webseite für 40 Dollar verkauft. Vorne drauf stehen die Worte USA, an der Seite „45“ und „Trump“.

Mit High Heels ins Krisengebiet: US-Präsident Trump und seine Frau Melania auf dem Weg in die von Tropensturm „Harvey“ betroffene Krisenregion.
Mit High Heels ins Krisengebiet: US-Präsident Trump und seine Frau Melania auf dem Weg in die von Tropensturm «Harvey» betroffene Krisenregion. Foto: Jacquelyn Martin
 

Der Präsident pries vor der Kulisse eines Feuerwehrwagens FEMA-Direktor Brock Long, der „durch seine häufigen Fernsehauftritte berühmt geworden ist“. Und dankte anderen Regierungsmitgliedern für deren Einsatz. „Wir wollen uns nicht beglückwünschen bevor es vorüber ist“, sagte Trump, der deutlich machte, wie sehr es ihm bei diesem Besuch um die Optik geht. „Wir wollen einmal als beispielhaft zitiert werden, wenn man in fünf oder zehn Jahren zurückschaut“.

Der Auftritt des Präsidenten in Texas löste Kritik über die Parteigrenzen hinweg aus. Bushs ehemaliger Sprecher Ari Fleischer bemängelte, „bei dem, was Trump gesagt habe, fehlte es an Anteilnahme für die Menschen, die leiden“.

Der Lächerlichkeit preis gab sich First Lady, die in Stilettos und mit zwei „Louis Vuitton“-Reisetaschen zu dem Besuch im Krisengebiet aufbrach. Bei Ankunft in Texas stieg Melania mit strahlend weißen Turnschuhen aus der Air Force One. „Welche Mitarbeiterin hat jetzt keine Schuhe?“, frotzelte eine Twitter-Nutzerin. Das Präsidentenpaar präsentierte sich auf andere Art so entrückt wie George W. Bush, der sich nach „Katrina“ tagelang nicht blicken ließ.

Houston hatte Zeit sich vorzubereiten

Auch andere Lehren aus dem Hurrikan, der vor genau zwölf Jahren New Orleans verwüstete, wurden nicht beherzigt. Experten weisen darauf hin, dass die Katastrophe von Houston genauso voraussagbar war. Die Metropole, die sich stolz „Stadt ohne Grenzen“ nennt, hat es konsequent abgelehnt, Bauvorschriften zu erlassen. Das Ergebnis sind die massive Versiegelung der Oberflächen, Zersiedlung und tausende Neubauten in Gebieten, die als extrem flutgefährdet galten.

„Die Schäden hätten dramatisch reduziert werden können“, sagt der Hurrikan-Experte Jim Blackburn von der Rice-University. Ein Beispiel sei das evakuierte Altenheim „La Bella Vita“ von Dickinson, in dem Senioren bis zur Hüfte im Wasser saßen. Dieses hätte an dieser Stelle niemals gebaut werden dürfen.  

Blackburns Kollege Sam Brody an der Texas A&M University spricht von einer „Wild-West“-Entwicklung. „Die Überlauf-Kanalisation war niemals für mehr ausgelegt als einen starken Nachmittags-Gewittersturm“. 

Stauseen rund um Houston sollen mit kontrollierten Öffnungen der Schleusen entlastet werden.
Stauseen rund um Houston sollen mit kontrollierten Öffnungen der Schleusen entlastet werden. Foto: David J. Phillip
 

Hinzu kommen die in den Wind geschlagenen Warnungen von Experten, die schon seit einiger Zeit vor einer Zunahme der Niederschlagsintensität durch den Klimawandel warnen. In einem an die Presse durchgestochenen Entwurf der „Nationalen Klima-Einschätzung“ äußern Amerikas Top-Klimaforscher mit „hoher Gewissheit“ die Ansicht, dass es angesichts steigender Temperaturen in den Ozeanen zu stärkeren Hurrikans mit größeren Niederschlagsmengen kommen wird.

Das Trump nahestehende „Heartland Institut“ macht sich über den Konsens der Klimaforscher lustig. „In der bizarren Welt der Klimawandel-Kultanhänger...wird Harvey als Beweis gesponnen, die angeblich schlimmen Effekte menschlicher Aktivität auf den Klimawandel zu zeigen“, meint „Forscherin“ Bette Grande und behauptet: „Diese Theorie ist durch nichts bewiesen“.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen