Neustrelitz : Hollywood-Produzent im MV-Knast

Der Produzent des Films „Hangover“, Scott Budnick, besuchte gestern mit etwa 30 Strafvollzug-Experten aus den USA das einzige Jugendgefängnis Mecklenburg-Vorpommerns in Neustrelitz – und stand auch für Interviews zur Verfügung.
Der Produzent des Films „Hangover“, Scott Budnick, besuchte gestern mit etwa 30 Strafvollzug-Experten aus den USA das einzige Jugendgefängnis Mecklenburg-Vorpommerns in Neustrelitz – und stand auch für Interviews zur Verfügung.

US-Fachleute: Häftlings-Resozialisierung im Neustrelitzer Jugendgefängnis mögliches Vorbild für Amerika

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18. Juni 2015, 08:00 Uhr

Langsam harkt ein junger Häftling auf dem Gefängnis-Tierhof in Neustrelitz (Kreis Mecklenburgische Seenplatte) Heu und Stroh zusammen. Ihm gegenüber reitet ein Gefangener auf einem Pferd, ein dritter Häftling kümmert sich um Kaninchen. Am Mittwoch steht den jungen Straftätern plötzlich eine 30-köpfige Delegation aus den USA gegenüber. „Was sie hier praktizieren, wäre in den USA undenkbar“, sagt Laurie Garduque, Programmdirektorin bei der MacArthur-Stiftung aus Chicago. „Bei uns geht es darum, die Leute wegzusperren und nicht, ihnen zu helfen.“ Jugendliche kämen viel zu häufig in Erwachsenengefängnisse, wo sich niemand um das Danach kümmere.

Das will Garduque zusammen mit Hollywood-Produzent Scott Budnick („Hangover“) und vielen Mitstreitern ändern. Sie besuchen mehrere deutsche Gefängnisse. In Neustrelitz fragen sie Steffen Bischof als Sprecher der Anstalt und Sozialarbeiter um Rat. „Wir haben rund 300 Haftplätze, von denen derzeit etwa die Hälfte belegt ist“, erklärt Bischof, der schon mehrfach internationale Delegationen durch die Anstalt am Stadtrand führte. Das Gros der Straftäter sitzt wegen Gewaltdelikten ein, danach folgen Raub und schwerer Diebstahl.

Die Gefangenen haben in Neustrelitz Einzelzellen. Sie können einen Real- oder Hauptschulabschluss und eine Berufsausbildung beginnen oder nachholen, arbeiten – wie auf dem Tierhof – sowie Sucht- und Sozialtherapie in Anspruch nehmen. Dass die Anstalt nur noch halb belegt ist, begründet Bischof mit der jahrelangen Abwanderung junger Leute, aber auch mit dem Erfolg der Arbeit in der Anstalt. „Wir haben eine Rückfallquote von ungefähr 25 Prozent.“

Das Jugend-Strafvollzugsystem in den Vereinigten Staaten könne in dieser Hinsicht viel von der Resozialisierung in Deutschland lernen, erklärt Hollywood-Produzent Budnick nach dem Rundgang. „Die Gesellschaft wird sicherer, wenn man die jungen Menschen besser bildet und ausbildet.“ Budnick setzt sich in Kalifornien – wie Garduque in Illinois – für deutlich mehr Projekte zur Wiedereingliederung jugendlicher Straftäter ein.

In den USA würden die Straftäter vor allem eingesperrt, damit das Sicherheitsgefühl der Leute besser sei, sagt Garduque. Man habe noch nicht begriffen, dass Jugendliche eine zweite Chance verdienten und die Sicherheit höher sei, wenn sie besser im Gefängnis auf die Freiheit vorbereitet würden.

Doch auch Anstaltsleiter Bischof hat noch Wünsche. „Die Straftäter kommen zu spät und bleiben meist zu kurz“, sagt er. Viele junge Männer stünden sieben bis acht Mal vor einem Richter, bis sie Haftstrafen erhielten. „Wenn sie aber ein Jahr Haft bekommen, ihnen aber die monatelange Untersuchungshaft angerechnet wird, sind sie zu kurz da.“ Man dürfe nicht vergessen, dass viele Häftlinge hochtraumatisierte Jugendliche sind, bei denen Jugendamt, Eltern oder Stiefväter versagt hätten.

Budnick fährt sehr beeindruckt aus Neustrelitz wieder weg. Er wolle künftig auch Filme zu dem Thema drehen, die Zeit der Komödien sei für ihn nach elf Jahren weitgehend vorbei, meint er.

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