Entlastungsbeitrag : Haushaltshilfe aus der Pflegekasse?

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Entlastungsbeitrag: Hintergründe zur Unterstützung im Alltag für Pflegebedürftige und ihre Familien

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18. September 2017, 21:00 Uhr

Mehr als jeder zweite Pflegebedürftige wird zu Hause betreut: Seit Jahresbeginn gibt es einen sogenannten Entlastungsbetrag von der Pflegeversicherung – und zwar unabhängig von Pflegegrad und Alltagskompetenz. Das Geld kann eingesetzt werden, um Pflegebedürftige im Alltag zu unterstützen und ihre Angehörigen zu entlasten. Doch die Hilfen sind bislang noch zu wenig bekannt, heißt es beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Haushaltshilfe auf Kosten der Pflegekasse? Hintergründe zur Unterstützung im Alltag für Pflegebedürftige und ihre Familien:

Wie viele Pflegebedürftige gibt es?
Aktuell erhalten rund 3,1 Millionen Menschen Leistungen der Pflegeversicherung, die Zahl ist als Folge der jüngsten Pflegereform noch einmal deutlich angestiegen. Gut jeder Zweite wird ausschließlich zu Hause betreut, der Rest entweder ambulant, teilstationär oder in Heimen. Für Familienmitglieder ist die Sorge für pflegebedürftige Angehörige oft eine schwere Last.

Welche Hilfen gibt es?
Unter anderem gibt es Angebote für Tagespflege, Kurzzeitpflege oder die sogenannte Verhinderungspflege. Braucht ein pflegender Angehöriger eine Auszeit oder Urlaub, übernimmt die Pflegeversicherung die Kosten einer Ersatzpflege – bis zu einem Volumen von höchstens 2418 Euro pro Jahr. Die Pflegekasse zahlt, etwa nach einem Klinikaufenthalt, für die Zeit von höchstens vier Wochen eine vollstationäre Kurzzeitpflege – maximal 1612 Euro. Darüber steht der sogenannte „Entlastungsbetrag“ zur Verfügung.

Heute Lesertelefon zum Thema Demenz

Anlässlich des Welt-Alzheimertages in dieser Woche bietet unsere Zeitung auch ein  Lesertelefon zum Thema an. Was kann ich bei einer Demenzerkrankung tun und wo bekommen Angehörige Hilfe? Diese und andere Fragen beantworten heute von 17 bis 19 Uhr folgende Experten:

Dr. med. Johannes Rosenboom (Helios Kliniken Schwerin, Zentrum für Altersmedizin) unter (0385) 6378 8007, Ute Greve (Zentrum Demenz) unter (0385) 6378 8008 und Susanne Müller (Helferkreis Schwerin) unter (0385) 6378 8009.



Was verbirgt sich dahinter?
Für jeden, der zu Hause gepflegt wird, stehen monatlich 125 Euro zusätzlich zu anderen Leistungen der Pflegeversicherung bereit. Davon kann stundenweise Hilfe bezahlt werden, unter anderem im Haushalt (Putzen, Kochen, Wäsche o.ä.). Auch ein Betreuer, der vorliest, oder Begleitung bei Arzt- oder Friseurbesuchen, Behördengängen oder Spaziergängen können mit dem Geld finanziert werden. Das Geld kann auch für professionelle Beratung bei allen Fragen rund um die Organisation der Pflege in Anspruch genommen werden. Laut Medizinischem Dienst sind diese Möglichkeiten bisher kaum bekannt.

Was müssen Betroffene beachten?
Nur Kosten für anerkannte Anbieter werden erstattet. Viele Pflegedienste bieten bisher keine Unterstützung im Alltag an. Die Pflegekassen empfehlen den Unternehmen, ihre Angebote entsprechend auszuweiten. Pflegekassen oder Pflegestützpunkt informieren darüber, welche Leistungen übernommen werden und wie sie abgerechnet werden können. Wird der Entlastungsbetrag innerhalb eines Kalenderjahres nicht voll in Anspruch genommen, kann das verbliebene Budget auf das nächste Halbjahr übertragen werden.

Welche Änderungen sind bei der Pflege nach der Bundestagswahl wahrscheinlich?
Nach der großen Reform in der zu Ende gehenden Wahlperiode mit der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und dem System der Pflegegrade dürfte es nach der Wahl vor allem um das Pflegepersonal gehen. In der nächsten Wahlperiode wird die Reform der Pflegeausbildung greifen, die insbesondere die Altenpflege aufwerten und attraktiver machen soll. Im Wahlkampf haben insbesondere Union und SPD eine bessere Bezahlung von Pflegekräften in Aussicht gestellt. Die derzeitige Entlohnung sei „im Hinblick auf die Belastungen, die dieser Beruf mit sich bringt, nicht angemessen“, erklärte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Wochenende. „Viele Pflegekräfte sagen uns: Wir würden viel lieber mehr Zeit für die Menschen haben. Deshalb wollen wir die Personalschlüssel überarbeiten.“

Kommentar: Helden des Alltags
Viel Anerkennung bekommen sie nicht für ihre wichtige Arbeit: Pflegende Angehörige sind Helden des Alltags. Sie kümmern sich meist aufopferungsvoll um ihre Nächsten, viele meistern den Spagat zwischen beruflichen und familiären Verpflichtungen mit Bravour. Ohne sie würde bei der Pflege alles zusammenbrechen. Doch sehnen sich viele, die einen Angehörigen pflegen, nach Entlastung. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, die Belastung mit finanzieller Unterstützung der Pflegekasse zu mindern. Hier gilt es, stärker als bisher zu werben, konkret zu beraten. Dass es für jeden Pflegebedürftigen, der zu Hause und nicht im Heim lebt, 125 Euro monatlich gibt, um Unterstützung im Alltag zu finanzieren, vom Vorlesen über Haushaltshilfen bis zur Begleitung beim Arzt- oder Friseurbesuch, muss bekannt gemacht werden.  Kaum etwas ist so wertvoll für Pflegebedürftige wie ein erfüllter Alltag oder die Gewissheit, nicht allein sein zu sein. Deshalb ist das Geld hier gut angelegt. Die häusliche Pflege zu stärken, ist wichtig, reicht aber nicht aus.  Nach der Wahl bedarf es einer Kraftanstrengung zur Verbesserung der Lage in den Heimen. Gerade hat Angela Merkel bessere Personalschlüssel angekündigt – eine Zusage, der die neue Regierung unbedingt Taten folgen lassen muss.
 
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