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Unwetter in Texas : „Harvey“ hinterlässt Verwüstung

vom
Aus der Onlineredaktion

Tropensturm hat aus Teilen von Texas ein Katastrophengebiet gemacht. Retter kämpfen gegen die Fluten

svz.de von
erstellt am 28.Aug.2017 | 20:45 Uhr

Manchmal reicht ein einziges Bild, um die historische Dramatik einer Situation deutlich zu machen. Wie mit diesem Foto: Ein halbes Dutzend ältere Frauen sitzt in dem Saal eines Seniorenheims in einem Vorort der texanischen Stadt Houston. Eine Frau in einem Sessel strickt. Andere scheinen in ihren Rollstühlen zu dösen. Auf einem Tisch räkelt sich eine Katze. Eine idyllische Szenerie. Wäre da nicht der Umstand, dass den Frauen trübes Brackwasser bereits bis zu den Hüften reicht. Ein Pfleger schoss die schockierende Aufnahme am Sonntag – als Hilferuf für die von der Außenwelt vergessenen Bedürftigen und auch als Anklage, weil die Heimbetreiber und Behörden eine zeitige Evakuierung angesichts des Tropensturms „Harvey“ nicht vorgenommen hatten. Die sozialen Medien sorgten dann dafür, dass die Frauen in wenigen Stunden von Rettungskräften in Sicherheit gebracht wurden.

Wenn US-Präsident Donald Trump – für den die Katastrophe auch eine politische Herausforderung ist – und First Lady Melania heute die Krisengegend im Süden von Texas besuchen, wird er eine Region sehen, der sprichwörtlich das Wasser bis zum Hals steht. Die starken Regenfälle nach „Harvey“ haben für eine historisch beispiellose Wasserwüste gesorgt, in der hunderttausende Betroffene um ihr Leben kämpfen. In zahlreichen Bezirken der Millionenmetropole Houston – der viertgrößten Stadt der USA – haben die Fluten bereits Dachhöhe erreicht. Bürger, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, haben teilweise Zelte auf den Dächern aufgeschlagen. Die zahlenmäßig unzureichend wirkenden Helfer versuchen, bombardiert von Notrufen, diese Menschen per Hubschrauber oder in Booten zu retten. Eine herkuleanische Aufgabe: Innerhalb weniger Stunden gingen allein am Sonntag bei der Polizei über die Nummer 911 mehr als 300 000 Anrufe ein. Auch ein Krankenhaus musste bereits evakuiert werden, nachdem der erste Stock völlig geflutet und die Stromversorgung zusammen gebrochen war.

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Die US-Katastrophenschutzbehörde Fema schätzte gestern, es werde wohl Jahre dauern, um die Region nach „Harvey“ wieder in den Normalzustand zu versetzen. Der Bürgermeister der Küstenstadt Port Aransas spricht von einem „Verlust zu 100 Prozent“. Kein Haus sei mehr bewohnbar. Es gebe weder Strom noch Trinkwasser.

Angesichts der Flut-Szenen vor allem in Houston gewinnt unterdessen die Debatte an Fahrt, warum die Stadtväter keine Evakuierung angeordnet hatten. Schließlich hatten Meteorologen tagelange schwere Regenfälle nach den Erfahrungen früherer Wirbelstürme prophezeit, und Houston ist traditionell besonders überschwemmungsanfällig. Der besonders stark in der Kritik stehende und überfordert wirkende Bürgermeister Sylvester Turner behauptete jetzt, eine Evakuierung hätte vermutlich für „noch schlimmere Szenen“ und „einen Alptraum“ gesorgt. Allerdings scheint diese Prognose in der Realität kaum haltbar. Vor dem Hurrikan „Rita“ im Jahr 2005 hatte es lediglich lange Staus gegeben, als hunderttausende Menschen einer Warnung Folge leisteten und dabei die Highways verstopften.

Nun kämpft Texas mit Hilfe von Katastrophenschützern aus den ganzen USA darum, den Schaden und die Verluste an Menschenleben in Grenzen zu halten. Wer ein Boot besitze, solle dies in Richtung Houston in Marsch setzen, so ein Appell. Teile der Großstadt mit 2,3 Millionen Menschen sind nur noch so erreichbar. Schlagzeilen machen in der Katastrophe auch Helden wie der Texaner Will Bradley. Er rettete mit seinem Boot innerhalb kurzer Zeit mehrere Nachbarn, die sich auf die Dächer geflüchtet hatten und sich mit dem weiter steigenden Wasserspiegel konfrontiert sahen. Mindestens 30 000 Menschen müssen in Kürze vermutlich langfristig in Notunterkünften wie dem Kongresszentrum untergebracht werden, es werden diese Woche bis zu 120 Zentimeter neue Niederschläge erwartet.
 

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