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Radsport : Gustav-Adolf Schur - er fährt noch immer...

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die DDR-Radfahrlegende Gustav-Adolf Schur feiert heute 85. Geburtstag. Zum Helden wurde der Ausnahmesportler nicht nur durch seine Siege

Sympathie kann man nicht verordnen, die muss man sich erwerben. Der einstige Radrennfahrer Gustav-Adolf Schur ist im Osten Deutschlands gerade deshalb so beliebt. Obwohl er seit 50 Jahren keine Rennen mehr bestreitet, scharen sich die Menschen um ihn, wo immer er auftaucht.

Elf Bücher und zwei Broschüren sind über den Mann erschienen, den sie einfach nur Täve nennen. In der Magdeburger Börde ein Spitzname für Gustav-Adolf. Heute feiert Täve, der zweimalige Ex-Weltmeister, vierfache Vater, siebenfache Opa und neunmalige „DDR-Sportler des Jahres“ seinen 85. Geburtstag. Schon zu seinem 80. Geburtstag erschien in Sachsen-Anhalt eine Sonderbriefmarke. Diesmal geben die Linken vom Kreisverband Burg zu Ehren Schurs heute einen Empfang in der Mehrzweck-Halle von Heyrothsberge; dort, wo der einstige Radstar geboren wurde, wo er bei Grün-Rot Magdeburg mit dem Radsport begann und wo er mit seiner gleichaltrigen Frau Renate immer noch wohnt. Die große Geburtstagsfete steigt am 27. Februar im Festsaal von Kleinmühligen gleich neben dem Friedensfahrt-Museum. Zahlreiche Radsportler aus ganz Deutschland, viele Fans und Freunde werden kommen. „Ob sich die Kinder alle frei machen können, weiß ich nicht. Zum Hundertsten werden sie bestimmt alle da sein“, sagte Täve und hat dabei sein typisches Lächeln aufgesetzt. Seit Tagen hat Täve sein Handy abgestellt. „Die Leute denken nicht daran. Ich werde 85 und nicht 25 “, entschuldigt er sich.

Der Ex-Radler wird immer wieder zu Vorträgen, Diskussionsabenden oder Talkshows eingeladen. Erst Anfang des Monats war er bei einem Senioren-Frühstück in einem bis auf den letzten Platz besetzten Saal in Burg bei Magdeburg. „Bei solchen Runden bin ich natürlich zur Stelle“, erzählt Täve. Ein Stückchen von der Hauptstraße entfernt, schmiegt sich in Heyrothsberge ein kleines Einfamilienhaus in die Landschaft. Der Jubilar hat das Grundstück von seinen Eltern geerbt. Hier ist er aufgewachsen und hier fand er die Liebe zum Radsport. Als Mechaniker-Lehrling strampelte er bei Wind und Wetter zur Arbeit nach Magdeburg. „Diese tägliche Bekanntschaft mit dem Fahrrad brachten mich mit 16 Jahren dazu, Rennfahrer zu werden“, erinnert sich Täve. 1951 gewann er sein erstes Rennen. Nicht irgendeins: Es war „Rund um Berlin“, das älteste deutsche Straßenradrennen. Schnell wurde Schur in der DDR ungefähr das, was die Fußball-Weltmeisterelf von 1954 für die Bundesrepublik bedeutete. Millionen Menschen säumten im deutschen Osten die Straßen, als Täve zum ersten Mal die Friedensfahrt gewann. Das war 1955. Millionen lauschten der Stimme des DDR-Star-Reporters Heinz-Florian Oertel, als der 1958 jubelnd im französischen Reims ins Mikrofon schrie: „Täve Schur, unglaublich, Wahnsinn, er ist Weltmeister!“ Zwölf Monate später, im holländischen Zandvoort, wiederholte Täve das Kunststück. Er ist der einzige Amateur-Weltmeister, dem es glückte, zweimal hintereinander das Regenbogen-Trikot zu erkämpfen. Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Fairness zeichneten den Rennfahrer aus.

Täve Schur in MV
Im April 2013 wurde der Lindwurm-Pfad rund um Leezen eingeweiht – und Täve Schur radelte wie zu besten Zeiten an der Spitze des Feldes, zusammen mit seinen Fans, die gekommen waren, um einmal mit ihrem Idol Fahrrad zu fahren. Damals erzählte er, dass er pro Woche noch 60 bis 70 Kilometer abspule. Das macht er bis heute.

Bei der Weltmeisterschaft im Jahr 1960 auf dem Sachsenring lagen Schur, der Leipziger Bernhard Eckstein und Willy Vandenberghen aus Belgien allein an der Spitze. Der Belgier konzentrierte sich auf Schur, doch der deutete einen Spurt nur an und ließ dann Eckstein ziehen. Ein Trick, der dem Belgier zum Verhängnis wurde. Schur verzichtete auf seinen dritten Titel. „Aber wir haben das Regenbogentrikot für unser Land gewonnen“, sagt der Magdeburger noch heute mit einen Lächeln im Gesicht. Einige Wochen später schob Schur unter der Hitzeglocke von Rom den damals völlig entkräfteten Erich Hagen ins Ziel und rettete damit für die gemeinsame deutsche Mannschaft die olympische Silbermedaille im 100-Kilometer-Mannschaftsfahren. Bei der Friedensfahrt 1963 trug der inzwischen schwer erkrankte Klaus Ampler das Gelbe Trikot. In Karl-Marx-Stadt erlitt Ampler eine Panne. Schur zögerte keine Sekunde, überließ Ampler das Rad, wartete auf den Materialwagen und kam mit einer abgeschlagenen Gruppe ins Ziel. Klaus Ampler gewann die Fahrt. Täve aber lag eine ganze Generation zu Füßen. Schur war nie ein besonderer Freund des Profiradsports, deshalb gibt er zu: „Es geht mir dort zu sehr ums Geld. Natürlich ist bei vielen Rennfahrern auch Ehre und der Wille zum Sieg dabei. Am Ende aber verleitet es den einen oder anderen Profi mit Blick auf den Geldbeutel doch zum Doping.“ Der Faszination der „Großen Schleife“, der Tour de France, konnte sich auch der Magdeburger nicht entziehen. Der Ex-Weltmeister gesteht ehrlich: „Seit der Wiedervereinigung war ich viele Jahre bei der Tour de France. Ich halte mich gern unter den Radsportfans aus ganz Europa auf“, sagt er. Die Profis verfügen nach Schurs Ansicht auch über einen Vorteil: Wenn sie genug Geld verdient haben, können sie Schluss machen. Hätte er das nach seinem zweiten WM-Titel gemacht, so glaubt er, würde sich heute keiner mehr für ihn interessieren.

Trotz seines hohen Alters schwingt sich Schur immer noch aufs Rad und spult mit seinem Freund Wolfgang Lichtenberg bis zu 60 Kilometer an schönen Wochenendtagen. Noch im vorigen Jahr drückte Täve mit Hobbyradlern in Italien den Rennsattel. Der Sport war Täve aber nicht genug: Gustav-Adolf Schur war von 1974 bis 1990 stellvertretender DTSB-Bezirksvorsitzender in Magdeburg, saß 32 Jahre in der DDR-Volkskammer. 1998 kandidierte er als PDS-Mitglied für den Bundestag und rückte über die Landesliste von 1998 bis 2002 ins deutsche Parlament.

Tour de France-Gewinner und Olympiasieger Jan Ullrich, 14 Jahre nach Schurs letztem WM-Gewinn geboren, bekennt: „Täve ist nicht meine Zeit. Aber er steht für mich wie ein Turm.“

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