Problem Massentourismus : Grüße aus dem Gewühl

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In vielen europäischen Urlaubsorten wird der Massentourismus zum Problem. Reiseverband: Kommunen sind gefragt, den Andrang zu steuern

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19. August 2018, 05:00 Uhr

Schwerin | Eine Fahrt mit der Gondel für gut 100 Euro, Eintrittskarten für das Museum im Dogenpalast für 20 Euro und ein Kaffee am Markusplatz für 12 Euro – ein Besuch in Venedig ist teuer. Trotzdem wird die Stadt von immer mehr Touristen aufgesucht. Mehr als 30 Millionen sollen es im letzten Jahr gewesen sein. Sie sorgen für derartige Preissteigerungen, dass inzwischen viele Einheimische ihre Stadt lieber verlassen.

So geht es auch vielen anderen Urlaubsorten in Europa. Das Phänomen nennen Fachleute „Overtourism“ („Übertourismus“): Die Besucher aus aller Welt werden für die Bewohner zu einem Störfaktor, der das tägliche Leben belastet. Denn Touristen sorgen für Müll, Verkehr und Lärm. Mietwagen und Kreuzfahrtschiffe verschmutzen Luft und Wasser. Souvenirshops verdrängen Supermärkte und Einzelhändler, Hotels und Ferienappartements nehmen den Einheimischen den Wohnraum.

Die beliebtesten Ziele - So ächzen sie unter dem Ansturm:

Barcelona

Für Kunst und Architektur, aber auch für ihr Mittelmeer-Feeling und für köstliche Tapas ist die spanische Metropole Barcelona bekannt. Mehr als 17 Millionen Touristen verbrachten deshalb im Spitzenjahr 2016 mindestens eine Nacht in der Stadt – zehn mal so viele, wie Barcelona Einwohner hat. Den Anwohnern und auch der Bürgermeisterin sind es inzwischen viel zu viele Besucher. Deshalb wurden schon Hotelprojekte annulliert und Privatvermieter reglementiert.

Mallorca

Auf der Baleareninsel regt sich Widerstand gegen die Touristenmassen: Sie sorgen nach Überzeugung vieler Bürger, Politiker und Hoteliers für zu viel Müll, verstopfte Straßen, steigende Immobilienpreise und prekäre Arbeitsverhältnisse. Dazu kommt die Gewaltbereitschaft einiger Partytouristen. Die Regionalregierung versucht gegenzusteuern: So ist beispielsweise Alkoholkonsum offiziell nur noch in Restaurants und Bars erlaubt, nicht mehr in der Öffentlichkeit.

Neuschwanstein

Gerade bei Asiaten steht das Schloss für Deutschland wie der Eiffelturm für Frankreich. Entsprechend viele Touristen aus Fernost wollen es besuchen: Mehr als 1,5 Millionen waren es zuletzt. Das sei hart an der Grenze dessen, was das alte Gemäuer verkraften könne, sagt die Bayrische Schlösserverwaltung. Schließlich bringt jeder Tourist Feuchtigkeit mit in die Räume.

Venedig

Die alte Handelsstadt ist bekannt für ihre Gondeln und Kanäle, für den Markusplatz und den Dogenpalast. Doch immer mehr Venezianer ziehen weg aus der Lagune, wegen der vielen Touristen. Geschätzt 30 Millionen sind es im Jahr, 90 Prozent kommen nur für einen Tagestrip und lassen kaum Geld in der Stadt. Gleichzeitig sorgen sie für überteuerte Preise, volle Gehwege und lange Schlangen an den beliebten Wasserbussen. Deshalb wurden zuletzt schon einzelne Straßen und Brücken für Touristen gesperrt.

Rom

20 000 Euro musste im Jahr 2014 ein Russe zahlen, der seine Initialen in die Steine des antiken Kolosseums geritzt hatte. Ähnliche, wenn auch nicht so hohe, Strafen gibt es für Touristen, die im Trevi-Brunnen baden oder auf der Spanischen Treppe picknicken. Damit versucht die Stadtverwaltung, die Bauwerke und Denkmäler der italienischen Hauptstadt vor der Erosion zu schützen. Denn die Restaurierung kostet die Steuerzahler jedes Mal Millionenbeträge.

Dubrovnik

Die kroatische Hafenstadt gehört zum Unesco-Weltkulturerbe, aber seitdem dort die TV-Serie „Game of Thrones“ gedreht wurde, explodiert die Touristenzahl. Die Folge: Auf den Straßen herrscht Geschiebe, in Supermärkten und Restaurants sind die Preise überteuert, und die Kanalisation ächzt unter den Abwässern. Der Bürgermeister will deshalb zukünftig nur noch 4000 Touristen pro Tag in die Stadt lassen.

Sylt

Der Nordseeinsel haftet der Glanz der 60er-Jahre an: Damals kam die deutsche und internationale Prominenz zu Sonnenbaden und Champagnertrinken nach Sylt. Inzwischen sind die Immobilienpreise so hoch, dass viele Einheimische lieber aufs Festland ziehen.

Mykonos

Die Insel mit ihren rund 10 000 Einwohnern gilt als Party-Hotspot der griechischen Kykladen. Insbesondere in der Inselhauptstadt wird in der Saison täglich bis in die Morgenstunden gefeiert. Touristen, die es lieber etwas ruhiger mögen, sind abgeschreckt: zu voll, zu laut und zu teuer ist Mykonos ihnen geworden. Dabei wären gerade Familien und ältere Touristen diejenigen, die gern ihr Geld auf der Insel lassen würden.

 

Aber auch die Touristen empfinden die hohe Zahl der anderen Besucher als störend. Laut World Travel Monitor, einem weltweiten Informationssystem zum Reiseverhalten, hatten 2017 rund 25 Prozent aller Touristen das Gefühl, dass ihr jeweiliges Reiseziel überlaufen war. 9 Prozent der Befragten gaben an, dass dadurch ihr Reiseerlebnis negativ beeinflusst wurde.

Reiseaufkommen weltweit steigend

Das Reiseaufkommen ist weltweit steigend, bestätigt der Kulturgeograf Hans Hopfinger von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er verweist in dem Zusammenhang auf die Reiseintensität, den Anteil an der Bevölkerung über 14 Jahren, der pro Jahr mindestens eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer unternimmt. „Der Wert hat sich in Deutschland seit der Nachkriegszeit von fast null auf heute fast 75 Prozent rasant entwickelt“, so Hopfinger.  Gleichzeitig beobachtet der Wissenschaftler aber auch, dass oft nicht eine ganze Region oder eine ganze Stadt vom Overtourism betroffen sind.

„Touristen nutzen in aller Regel ausgetretene Pfade, auf denen sich die Masse der Besucher bewegt“, so der Wissenschaftler. Anziehungspunkte sind etwa die Welterbe-Stätten der Unesco, weltweit 1092 Kulturdenkmäler und Naturstätten von „außergewöhnlichem, universellem Wert“. „Wir leben in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit“, sagt Hopfinger. „Destinationen, die im Tourismus Erfolg haben wollen, müssen sich durch Auszeichnungen, Siegel oder bestimmte Eigenschaften hervorheben.“

Ein Gigant in der Lagune: Kreuzfahrtschiffe wie die „MSC Preziosa“ bringen auf einen Schlag 3500 Touristen in die Altstadt von Venedig.
dpa/ANSA/Andrea Merola;
Ein Gigant in der Lagune: Kreuzfahrtschiffe wie die „MSC Preziosa“ bringen auf einen Schlag 3500 Touristen in die Altstadt von Venedig.
 

Tourismus als Problem für die Umwelt

Das könne auch eine Spielfilmproduktion sein, die Jahre später noch Fans an den Originaldrehort lockt. „Das bringt Devisen, schafft Arbeitsplätze, sorgt für wirtschaftliche Entwicklung in anderen Sektoren“, weiß Hopfinger. Gleichzeitig sei Tourismus aber eben auch mit Problemen für die natürliche Umwelt und den sozialen und kulturellen Bereich verbunden.

Um die positiven und negativen Auswirkungen wieder in Balance zu bringen, hat sich auch der Deutsche Reiseverband intensiv mit dem Thema Overtourism beschäftigt. Sprecherin Ellen Madecker ist überzeugt, dass das Problem mit einer besseren Steuerung der Touristenströme in den Griff zu bekommen wäre. Sie sieht die Urlaubsorte selbst in der Verantwortung, „mit klugen Marketing-Konzepten Besucherströme zu steuern und beliebte Attraktionen zu entlasten“. Das gehe durch eine intelligente Ticket- und Preissteuerung, aber auch über Apps, die auf weniger belebte Orte hinweisen oder Empfehlungen für Ausflüge ins Umland geben.

Gleichzeitig müssten aber auch die Reisebüros und -veranstalter entsprechend beraten. „Sie wissen über Stoßzeiten an besonders beliebten Attraktionen Bescheid, können ihre Kunden dementsprechend informieren.“ Jeder Fall, ob Hafenstadt, Skigebiet oder Kultur-Metropole, sei da anders gelagert. Klar aber sei, so Madecker, „dass für die Bevölkerung in den Destinationen die Vorteile des Tourismus potenzielle Belastungen deutlich überwiegen müssen, sonst geht uns ihr Wohlwollen und ihre Gastfreundschaft verloren“.

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