zur Navigation springen

Verschwörungstheorien Teil 4 : Großer, böser Bruder Amerika

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom Kennedy-Mord bis zu 9/11: In den USA sind Verschwörungstheorien allgegenwärtig.

Verschwörungstheorien, die den USA die Schuld an den Übeln der Welt geben, sind en vogue. Zugleich ist die polarisierte amerikanische Gesellschaft selbst ein fruchtbarer Boden für abenteuerliche Thesen über geheime Komplotte. Verschwörungstheorie und politisches Geschäft kommen sich in den USA mitunter sehr nah: Der Senator Rand Paul, bis vor Kurzem Bewerber um eine Präsidentschaftskandidatur, verdankt seine Bekanntheit zu einem guten Teil Interview-Auftritten in den Radiosendungen von Alex Jones, Amerikas wohl bekanntestem Verschwörungstheoretiker.

Jones wähnt die US-Regierung hinter dem Angriff auf das World Trade Center im Jahr 2001. Er sieht eine geheime Machtelite die totalitäre „Neue Weltordnung“ anstreben. Und Jones unterstützt Rand Paul. Für den republikanischen Senator aus Kentucky war der Traum, Barack Obama zu beerben, am 3. Februar vorbei – Paul gab das Rennen mangels Chancen auf. Jones indes träumt weiter: Sein Nachrichtenportal „Infowars“ präsentiert Berichte, nach denen der Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Newton (2012) mit 26 Toten in Wirklichkeit nicht stattfand. „Infowars“ zufolge steckten US-Agenten hinter dem Bombenattentat auf eine Bundesbehörde in Oklahoma City (1995), und der Mondspaziergang der Apollo-11-Astronauten (1969) wurde nicht auf dem Erdtrabanten gefilmt, sondern in einem Studio.


Beachtliche Gefolgschaft In den Augen seiner Kritiker ist Jones ein Spinner und Scharlatan, aber seine Fans verehren ihn. Verschwörungstheoretiker, die hinter Anschlägen und Attentaten eine US-Regierung vermuten, die Vorwände produziert, um den Amerikanern den Waffenbesitz zu verbieten, finden im rechten politischen Spektrum beachtliche Gefolgschaft.

Sind Amerikaner besonders anfällig für Verschwörungstheorien? Schwer zu sagen, meint der Politikwissenschaftler Joseph Uscinski, denn es gebe keine ländervergleichenden Studien. „Unser endloser Nachrichtenstrom über das Thema legt den Gedanken nahe, dass die USA voller Verschwörungstheoretiker sind“, sagt der Professor, der das Thema an der Universität Miami erforscht. In westlichen Ländern gebe es zwar eine „gesunde Skepsis“ gegenüber Regierungen und Machtinteressen. „Aber die meisten Menschen glauben nicht, dass die Welt von einer Verschwörung beherrscht wird“, so der Autor des Buches „American Conspiracy Theories“ im Gespräch mit unserer Redaktion.

Gilt das für Europa? In Deutschland fällt auf, dass in linksradikalen, aber auch in den erstarkenden rechtspopulistischen und rechtsradikalen Kreisen oft die USA für die Übel der Welt verantwortlich gemacht werden – nicht selten im Verbund mit Israel oder den Juden weltweit. In den Reihen der antisemitisch-antiamerikanischen Verschwörungstheoretiker in Europa finden sich auch Menschen mit arabischem Migrationshintergrund.

„Neue Weltordnung“ Unterstellt wird beispielsweise, es gebe ein amerikanisches „Finanzjudentum“, das mithilfe der US-Notenbank (Fed) die Kontrolle der internationalen Finanzwirtschaft anstrebe oder bereits erlangt habe. Die Fed steht auch im Mittelpunkt einer der vielen Theorien zur Ermordung John F. Kennedys. Demnach musste der US-Präsident 1963 sterben, weil er mit einem Erlass zur Ausstellung staatlicher Silberzertifikate das Geldmonopol der privatwirtschaftlich organisierten Fed habe brechen wollen. Verschwörungstheorien haben Konjunktur – offenbar besonders jene, in denen die USA die Hauptrolle spielen, etwa in der „Neuen Weltordnung“. Als einen Beleg führen Verfechter gern das Siegel der Vereinigten Staaten auf der Rückseite der von der Fed ausgegebenen Ein-Dollar-Note an. Unter einer Pyramide, über der ein leuchtendes „Auge der Vorsehung“ schwebt, stehen dort die lateinischen Worte „Novus Ordo Seclorum.“ Übersetzt bedeuten sie: „Neue Ordnung der Zeitalter“ (siehe Logo dieser Serie). In Deutschland überschneidet sich das Erblühen antiamerikanischer Verschwörungstheorien mit einer wachsenden Popularität des autoritären russischen Präsidenten Wladimir Putin. Putin gilt vielen als Bollwerk gegen einen Weltherrschaftsanspruch der USA – als rettende Lichtgestalt, die sich dem großen Bösewicht Amerika nicht beugt.

Die USA machen es Verschwörungstheoretikern aber auch leicht. Tatsächliche Täuschungen – oder zumindest eklatante Irrtümer – haben die Vertrauenswürdigkeit Washingtons untergraben. So stellte sich heraus, dass der vom US-Präsidenten George W. Bush angeführte Grund für den Einmarsch im Irak im Jahr 2003 gar nicht existierte: Weder stand der Irak kurz davor, chemische Massenvernichtungswaffen einzusetzen, noch kooperierte er mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida.

Auch vor dem ersten Golfkrieg mit US-Beteiligung im Jahr 1990 wirkten Falschinformationen auf die Meinungsbildung der amerikanischen Öffentlichkeit ein: Die Horror-Story von irakischen Soldaten, die in einem kuwaitischen Krankenhaus Säuglinge aus ihren Brutkästen genommen und zum Sterben auf den kalten Steinboden gelegt hatten, erwies sich als Erfindung einer amerikanischen PR-Agentur in kuwaitischen Diensten. Glaubwürdigkeitsprobleme plagen US-Regierungen vor allem im eigenen Land: Allerorten wittern Verschwörungstheoretiker „False Flag“-Aktionen – Täuschungsmanöver staatlicher Stellen. Die Obama-Regierung habe die Förderplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko sabotiert, um mithilfe der folgenden Ölpest Stimmung für erneuerbare Energien zu machen, heißt es beispielsweise. Und der Terrorist Osama bin Laden sei nicht erst 2011 in Pakistan erschossen worden, sondern bereits lange vorher tot gewesen.

Kissen auf dem Kopf Anders als etwa die Geschichte über die angeblich von den USA selbst ausgeführten Terroranschläge vom 11. September (siehe Kasten) hielten sich die vielen Verschwörungstheorien nicht lange, sagt der Politologe Joseph Uscinski: „Die meisten kommen und gehen, ohne viele Anhänger zu gewinnen.“ Eines der jüngsten Beispiele sei die angebliche Ermordung des konservativen Bundesrichters Antonin Scalia durch die Obama-Regierung – Scalia war tot im Bett mit einem Kissen auf dem Kopf gefunden worden.

Für die Regierung oder gegen die Regierung? Die seit Langem erkennbare Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft sei besonders in den Obama-Jahren fortgeschritten, meinte kürzlich der Politologe Christian Lammert vom John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien in einem Interview des WDR. Können Verschwörungstheorien den USA in einem solchen Klima gefährlich werden? Joseph Uscinski winkt ab: Nur die wenigsten Menschen begingen Gewaltakte auf Basis von Verschwörungstheorien. Uscinski kann Verschwörungstheorien sogar Gutes abgewinnen: „Sie können als gesundes Korrektiv auf die Mächtigen wirken.“

Am kommenden Samstag lesen Sie: Absonderliche Beispiele für Verschwörungstheorien.

zur Startseite

von
erstellt am 15.Mai.2016 | 23:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen