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Mordfall Anneli : „Grässlicher geht es nicht“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach zehn Monaten treffen Eltern und Schwester der ermordeten Anneli-Marie erstmals auf die Entführer

Als der Vater von Anneli-Marie im Landgericht Dresden das Leben seiner Familie schildern soll, versagt ihm die Stimme. „Das eigene Kind durch so entsetzliche Umstände zu verlieren, zu Grabe tragen und den Verlust dauerhaft und lebenslang ertragen zu müssen, ist für mich...“ Der Satz bricht ab.

Der gestandene Unternehmer, dessen 17-jährige Tochter am 13. August 2015 in der Nähe ihres Elternhauses in Robschütz in Sachsen entführt und später getötet wurde, spricht gestern zum Prozessauftakt vom „Funktionieren“ im Job. Seine Frau sei nicht mehr arbeitsfähig. Die ältere Tochter sagt: „Grässlicher geht es nicht.“

Die wegen erpresserischen Menschenraubes angeklagten 40 und 62 Jahre alten Männer zeigen sich zumindest äußerlich ungerührt. Trotz des Anblicks der sichtlich gefassten, aber mit dem Gehörten ringenden Mutter, des um Worte ringenden Vaters, der mit den Tränen kämpfenden Schwester – und trotz der Schilderung des Verbrechens durch die Staatsanwaltschaft.

Der Jüngere, der die Tat über Wochen geplant und vorbereitet haben soll, will nicht einmal seinen Beruf nennen. Markus B., der aus Pforzheim in Baden-Württemberg stammt und selbst Vater ist, steht neben dem Vorwurf des erpresserischen Menschenraubes auch unter Mordverdacht.

Den Gerichtssaal betritt der Hauptangeklagte vermummt mit Basecap, Jacke und Aktenordner. Reglos und stumm sitzt er zwischen seinen beiden Anwälten, die Hände vor sich gefaltet, den Kopf gesenkt. Er wohnte bis Mitte Juli 2015 mit seiner Familie auf dem Dreiseithof in Lampersdorf, wo Anneli-Marie Wochen später „zur Verdeckung einer anderen Straftat“ grausam sterben musste.

Der Hartz-IV-Empfänger hatte Investitionen für das Anwesen ausgelöst, sie aber ebenso wie die Kaufsumme für ein neues Haus in Bayern nicht beglichen. „Rede!“, schleudert ihm Anneli-Maries Vater entgegen, trotz Ermahnung der Kammervorsitzenden. Zuvor hatte er sich fast bittend an den Komplizen gewandt: „Reden Sie, sagen Sie die Wahrheit!“

Anneli-Marie musste sterben, weil sie ihren Entführer hätte wiedererkennen können, sagte Oberstaatsanwältin Karin Dietze. Den Entschluss, sie zu töten, habe Markus B. gefasst. Der gelernte Koch wollte seine Finanzen durch Erpressung aufbessern. Laut Dietze recherchierte er dazu im Internet, kaufte Kabelbinder und besorgte sich Äther zur Betäubung. Er informierte sich über die Familie von Anneli-Marie, kundschaftete deren Leben aus – und heuerte seinen ebenfalls verschuldeten Freund Norbert K. mit der Aussicht auf ein Drittel der erhofften 1,2 Millionen Euro an.

Der 62-jährige Norbert K. gab vor Gericht zumindest Auskunft über sein Leben. Er stammt aus Berlin, ist Förster und hatte Blumenläden in verschiedenen Orten. Er war dreimal verheiratet und lebte zuletzt von Hartz IV in Dresden. Sein Verteidiger beantragte, dass der Inhalt der zweiten Vernehmung seines Mandanten nach der Festnahme nicht im Prozess verwendet wird. Dort hatte er den Fundort der Leiche genannt und ein Teilgeständnis abgelegt.

Der Prozess, für den bis Ende August 15 Verhandlungstage vorgesehen sind, wird am Freitag fortgesetzt.

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erstellt am 30.Mai.2016 | 21:00 Uhr

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