Verhafteter Serienmörder : Golden State Killer: Überführte tote Autorin den Täter?

Michelle McNamara mit ihrem Mann, dem Schauspieler Patton Oswalt.

Michelle McNamara mit ihrem Mann, dem Schauspieler Patton Oswalt.

Michelle McNamara recherchierte jahrelang zum Fall des Golden State Killers - gefasst wurde er erst nach ihrem Tod.

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27. April 2018, 17:36 Uhr

Seine Nachbarn bezeichnen ihn als still, als wahren Einsiedler. Als die Polizei abends an seiner Tür klingelte, soll er gerade dabei gewesen sein, sein Abendessen zuzubereiten. Wenn es nach dem Willen der Polizei geht, waren das für Joseph James DeAngelo die letzten Momente in Freiheit. Der 72-Jährige, der bis zu dieser Woche ruhig und unauffällig in einem Vorort von Sacramento lebte, ist laut der amerikanischen Polizei ein seit über 40 Jahren gesuchter Serienkiller.

Zwischen 1976 und 1986 soll DeAngelo in Kalifornien mehr als 45 Frauen vergewaltigt und mindestens zwölf Menschen getötet haben. Der Golden State Killer, wie er später genannt wurde, brach in die Häuser seiner Opfer ein, fesselte die Männer, vergewaltigte die Frauen. In späteren Jahren endeten seine Überfälle oft damit, dass er beide umbrachte.

Er brachte die Dunkelheit in ihre Leben

Den Namen Golden State Killer prägte die Autorin Michelle McNamara, die über Jahre hinweg in dem Fall recherchierte. Im Februar dieses Jahres erschien ihr Buch über den Serienkiller, das auf Fakten zu dem Fall basiert. Ihr Ehemann Patton Oswalt, bekannt aus der Sitcom „King of Queens“, ist davon überzeugt, dass die Recherchen seiner Frau zur Verhaftung beigetragen haben, wie er auf Instagram betonte. Die Polizei bestreitet das. McNamara selbst erlebt die Entlarvung des Mannes, der Jahre ihres Lebens bestimmte, nicht mehr. Sie starb im April 2016.

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Die Beschäftigung mit den grausamen Taten hatte ihr Leben verdunkelt, wie ihr Mann später sagte. Sie hatte mit vielen seiner Opfer gesprochen und die Dunkelheit seiner Taten in ihr Leben gelassen. Auch die an dem Fall beteiligten Polizisten, die sich jetzt in der amerikanischen Presse zu Wort melden und den Erfolg ihrer Kollegen feiern, geben an, den Fall niemals vergessen zu haben. Weil die Geschehnisse so grausam und brutal waren. Und weil sie den Täter nie fassen konnten, auch wenn sie immer wieder nah dran waren.

Jahre der Angst

Bei einem Treffen im Rathaus, das die Polizei Ende der 70er Jahre in Sacramento veranstaltete, stand ein Mann auf und erklärte, er habe keine Angst. Er glaube nicht, dass es möglich sei, eine Frau zu vergewaltigen, so lange ihr Mann anwesend ist. Kurz danach brach der Killer bei dem Mann ein und vergewaltigte seine Ehefrau. Er war dem Paar nach Hause gefolgt.

Diese Geschichte erzählte eine der damaligen Ermittlerinnen der lokalen Tageszeitung „Sacramento Bee“. Es ist nicht das einzige grausame Detail, das inzwischen ans Licht gekommen ist. Der maskierte Täter hatte seine eigene Handschrift: Er weckte seine Opfer nachts mit Taschenlampen auf, er kam mit Messern, Pistolen, Seilen und Schnürsenkeln. Häufig verweilte er länger an den Tatorten, bediente sich am Kühlschrank und ließ Gegenstände aus den Häusern mitgehen, hieß es in Polizeiberichten. Er vergewaltigte die Frauen über Stunden, einmal unterbrach er seine Tat, um ein Stück Apfelkuchen zu essen. Sein jüngstes Opfer war erst 13 Jahre alt. Die Mutter des Mädchens hielt er in einem Nebenraum gefangen und drohte ihr, ihre Tochter zu ermorden, wenn sie nicht still ist.

Joseph James DeAngelo, der mutmaßliche Serienmörder.
Imago/Zuma Press

Joseph James DeAngelo, der mutmaßliche Serienmörder.

 

Auch nach den Taten versuchte er den Frauen nah zu bleiben. Es sind mehrere Fälle dokumentiert, in denen er seine Opfer Monate oder Jahre nach dem Übergriff anrief und von seiner damaligen Tat erzählte.

Bundesweite Suche – ohne Erfolg

Der Golden State Killer beobachtete seine Opfer oft monatelang, kundschaftete die Umgebung aus, brach in ihre Häuser ein und bereite sich akribisch auf seine Taten vor. Er öffnete Kellertüren, durch die er später ungesehen entkommen konnte, und nahm die Munition aus möglichen Waffen. Erst dann schlug er zu.

Doch obwohl bundesweit nach dem Mann gesucht wurde, konnte er immer wieder entkommen. Schon damals hatte der Verdacht bestanden, dass es sich bei dem Täter um jemanden handeln könnte, der Erfahrung mit polizeilichen Ermittlungen hat. DeAngelo arbeitete in den 70er Jahren als Polizist, bevor er 1979 wegen eines Ladendiebstahls entlassen wurde.

Laut amerikanischen Medien hat er danach ein nach außen ruhiges Leben geführt. Er arbeitete als Mechaniker, hat nach Informationen von „CNN“ drei Töchter und setzte sich im vergangenen Jahr zu Ruhe. Die letzte Tat, die ihm zugeschrieben wird, ereignete sich 1986 im kalifornischen Irvine. Damals wurde eine 18-Jährige vergewaltigt und erschlagen aufgefunden. Warum er danach aufhörte, zu quälen und zu morden, dafür gibt es bisher keine Erklärung.

Späte Erlösung für die Opfer

Es sollten 42 Jahre vergehen bis ein Verdächtiger festgenommen werden konnte. Dass es sich bei dem 72-jährigen um den so lange gesuchten Täter handelt, da ist sich die Polizei sehr sicher. DNA-Spuren, die an den Tatorten genommen wurden, brachten sie am Ende zu DiAngelo.

Die Ermittler hatten Webseiten durchforstet, bei denen man mittels DNA-Proben mehr über seinen Stammbaum herausfinden kann. In den USA ist Ahnenforschung ein weit verbreitetes Hobby. Die Polizei von Sacramento wertete die Stammbäume von Familien aus, deren Erbgut Ähnlichkeiten mit der am Tatort gesicherten DNA-Probe hatte. Dadurch geriet DeAngelo in den Fokus der Polizei, zumal sein Alter passte und er in einer Gegend lebte, in der viele der Taten verübt worden waren. Bei einer Überwachung des 72-Jährigen konnten die Ermittler von einem weggeworfenen Objekt eine DNA-Probe des Verdächtigen sichern und mit der alten Spur vergleichen. Nur wenige Stunden nachdem eine Übereinstimmung gemeldet wurde, nahmen sie DeAngelo fest.

Für seine Opfer und ihre Hinterbliebenen ist es eine späte Genugtuung. „Heute Nacht kann ich endlich wieder schlafen“, sagte eine von ihnen.

(mit dpa)

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