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Schlafwandeln : Gespenstisches Nachtleben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schlafwandeln kann die Betroffenen in skurrile, mitunter aber auch gefährliche Situationen bringen – der Wissenschaft geben sie immer noch Rätsel auf.

svz.de von
erstellt am 17.Jun.2017 | 16:00 Uhr

Ist das wirklich möglich? Der kanadische Student Kenneth Parks soll im Mai des Jahres 1987 mitten in der Nacht ganze 23 Kilometer weit mit dem Auto durch Toronto von Pickering nach Scarborough gefahren sein und dort seine Schwiegermutter ermordet haben – während er schlief.

Das Gericht wollte das nicht glauben und holte ein schlafmedizinisches Gutachten ein. Verschiedene Experten wurden befragt. Das Ergebnis: Kenneth Parks wurde am 27. August des Jahres 1992 für unschuldig erklärt, obwohl fest stand, dass er den Mord begangen hatte.

Die Fachleute streiten bis heute darüber, ob Parks denn nun wirklich als Schlafwandler gehandelt hat oder nicht. Einfach zu sagen ist das nicht, denn das Phänomen des Schlafwandelns ist bis heute nicht vollends erklärbar und gibt den Wissenschaftlern immer noch Rätsel auf.

„Früher machte man die Anziehungskraft des Mondes für das Schlafwandeln verantwortlich“, meint Prof. Dr. Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. „Heute nimmt man an, dass das Gehirn nach einen Weckreiz nicht vollständig erwacht und deshalb komplexe Verhaltensweisen mit fehlender Erinnerung an das Ereignis auftreten.“ Demzufolge handelt sich also eigentlich weniger um eine Schlaf- als vielmehr um eine Aufwachstörung.

Orientierungslos mit offenen Augen

Auf Computertomographien zeigt sich, dass vor allem diejenigen Bereiche des Gehirns besonders gut durchblutet werden, die für Bewegungsabläufe zuständig sind (Kleinhirn), wohingegen der Thalamus, das „Tor zum Bewusstsein“, und der vordere cinguläre Cortex, der Aufmerksamkeitsprozesse steuert, keine gesteigerte Durchblutungsaktivität aufweisen. Das erklärt auch, warum die Bewegungen oft so hölzern sind, die Stimme undeutlich, und die Orientierungsfähigkeit trotz geöffneter Augen zu wünschen übrig lässt – schließlich befindet sich der Schlafwandler ja immer noch im Tiefschlaf.

Die Betroffenen machen dann auch vor allem das, was sie im wahrsten Sinne des Wortes im Schlaf beherrschen. Einige setzen sich plötzlich im Bett auf und zupfen das Bettlaken zurecht oder schütteln ihr Kopfkissen auf. Andere wiederum verlassen das Bett mit offenen Augen und starrem Gesichtsausdruck, um scheinbar unsinnige Dinge zu tun – was durchaus gefährlich werden kann. Sie steuern dabei gerne helle Lichtquellen an, was zu der früheren Annahme führte, Schlafwandler könnten „mondsüchtig“ sein, und dem Schlafwandeln die alte Bezeichnung „Lunatismus“ (von lat. luna für Mond) einbrachte. Manche plündern aber auch den Kühlschrank und stopfen alles Greifbare in sich hinein. Das können durchaus auch ungekochte Kartoffeln oder Pralinen mitsamt Verpackung sein.

Andere wiederum stolpern durch die Wohnung, stoßen sich an Möbelstücken oder fallen sogar der Länge nach hin. Noch gefährlicher wird es für die Betroffenen, wenn sie den Herd zum Kochen anschalten, das Haus verlassen, vielleicht aus dem Fenster klettern oder sogar mit dem Auto fahren. Erst im April des Jahres 2006 sorgte der Tennisspieler Peter Polansky für Schlagzeilen, als er schlafend aus seinem Hotelzimmerfenster in Mexiko City stieg und dabei in die Tiefe stürzte.

Die Experten sind sich dann in dieser Beziehung auch einig: Die sprichwörtliche „schlafwandlerische Sicherheit“ gibt es nicht. Somit ist auch klar, dass der Schlafende, der mit ausgestreckten Armen und vor allem mit geschlossenen Augen über den Dachfirst balanciert, ins Reich der Märchen und Mythen gehört, und in der Realität nicht besonders weit kommen würde. Türen und Fenster sollten also möglichst verschlossen bleiben, störende Möbelstücke aus dem Weg geräumt werden. Ein Nachtlicht kann die Orientierung erleichtern.

„Besorgte Zurufe sollten unterbleiben“, empfiehlt der Ravensburger Psychiater und Neurologe Prof. Dr. Volker Faust, „denn sie könnten den Schlafwandler abrupt aufwecken. Der Betroffene wird dann plötzlich wach, sieht sich in ungewohnter Umgebung und reagiert erschreckt und meist falsch“. Wichtig sei es vielmehr, „den Schlafwandler während des Wandelns in gefährlicher Umgebung so behutsam zu steuern, dass er wieder alleine ins Bett findet, auch wenn er sein Bewusstsein und die völlige Orientierung noch nicht erlangt hat“.

Wem das Ganze übrigens ein bisschen unheimlich vorkommt, der sollte unbedingt einen Fachmann aufsuchen, der derartige Bedenken zerstreuen kann. Spätestens der Gang ins Schlaflabor bringt Sicherheit. Studien haben gezeigt, dass immerhin 10 bis 30 Prozent aller Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren Episoden des Schlafwandelns durchmachen.

Hirnreifung nicht abgeschlossen

Viele Mediziner sind davon überzeugt, dass bei dieser Gruppe das noch nicht ausgereifte Gehirn dafür verantwortlich zu machen ist. Abschließend geklärt ist das allerdings noch nicht. Während der Somnambulismus, wie das Schlafwandeln auch genannt wird, bei den jungen Menschen in der Regel spätestens mit der Pubertät wieder verschwindet, so sind immerhin noch ein bis drei Prozent aller Erwachsenen davon betroffen. Ja, manchmal setzt der Somnambulismus sogar erst im fortgeschrittenen Alter erstmalig ein. Doch was dieses Schlafwandeln im konkreten Fall auslöst, konnten die Wissenschaftler bisher noch nicht herausfinden. Vererbung scheint aber wohl eine Rolle zu spielen. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen hat nämlich in der Verwandtschaft wenigstens einen weiteren Schlafwandler. Welchen Einfluss Schlafmangel, Stress, Medikamente und Alkoholkonsum haben, wird zur Zeit kontrovers diskutiert. Das Schlafwandeln dürfte die Wissenschaftler also wohl noch eine ganze Zeit lang nicht zur Ruhe kommen lassen.

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