DDR-Volksaufstand : Gerät der 17. Juni in Vergessenheit?

Roland Jahn wünscht sich, dass der 17. Juni wieder Feiertag wird.
Roland Jahn wünscht sich, dass der 17. Juni wieder Feiertag wird.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, zum DDR-Volksaufstand und zur Debatte über die Zukunft der Akten

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17. Juni 2015, 08:00 Uhr

Heute vor 62 Jahren schlug die Rote Armee den Aufstand der DDR-Bevölkerung gegen die SED-Führung blutig nieder. In der Bundesrepublik feierte man den 17. Juni bis 1990 als „Tag der deutschen Einheit“. Seit der Wiedervereinigung spielt das Datum im öffentlichen Bewusstsein keine so große Rolle mehr. Julian Heißler sprach darüber mit Roland Jahn, dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen

Welche Bedeutung hat der 17. Juni heute noch?
Jahn: Der 17. Juni ist ein Tag, der uns deutlich macht, dass Freiheit und Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeiten sind. Deshalb ist es wichtig, an den Volksaufstand und seine Niederschlagung zu erinnern.

Bei aller Freude über friedliche Revolution und Wiedervereinigung vor 25 Jahren: Droht der 17. Juni in Vergessenheit zu geraten?
Diese Gefahr ist immer vorhanden. Deshalb ist es wichtig, dass wir alle Möglichkeiten nutzen, um auf diesen Tag aufmerksam zu machen. Es geht vor allem darum, an die Menschen zu erinnern, die damals ins Gefängnis geworfen wurden oder sogar ihr Leben verloren, weil sie eine bessere Gesellschaft erkämpfen wollten. Das ist stete Mahnung und Ermutigung für uns.

Gerade Jüngere verbinden nicht mehr viel mit dem 17. Juni. Was muss man tun, um ihnen das Thema näher zu bringen?
Es hängt an der Vermittlung. Es geht darum Erzählweisen zu finden, die Schüler interessieren. Gerade die Nutzung historischer Orte und Darstellung von Schicksalen kann dabei helfen. Wir spüren immer wieder, dass wir Jugendliche auch erreichen können, wenn wir historische Ereignisse zu aktuellen Entwicklungen in Beziehung setzen. Dafür bietet sich auch der 17. Juni an.

Bis 1990 war der 17. Juni in der Bundesrepublik ein gesetzlicher Feiertag. War es falsch, ihn abzuschaffen?
Ja. Der 17. Juni steht für das Volk und seinen Freiheitswillen. Das, was an diesem Tag auf den Weg gebracht wurde – nämlich, dass die Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung leben wollen – fand in der Friedlichen Revolution 1989 seine Vollendung. Deshalb wünsche ich mir, dass der 17. Juni wieder zum Feiertag erklärt wird.

Die Zukunft Ihrer Behörde ist unsicher. Eine Expertenkommission erarbeitet derzeit Vorschläge, wie es nach 2019 weitergehen soll. Was wünschen Sie sich?
Veränderung darf keinen Schlussstrich bedeuten. Ich wünsche mir bestmögliche Bedingungen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und einen bestmöglichen Zugang zu den Akten des Stasi-Unterlagenarchivs. Es geht darum, die Opfer zu würdigen, Ursachen und Wirkung des Unrechts aufzuklären und das Demokratiebewusstsein zu stärken. Wenn diese drei Punkte beachtet werden, mache ich mir um die Zukunft keine Sorgen.

Wie entwickeln sich die Antragszahlen derzeit?
Jeden Monat stellen über 5000 Menschen Anträge, um in ihre Akten Einsicht zu nehmen. Hinzu kommen Anfragen von Medien, aus der Forschung und von öffentlichen Stellen. Zwei Drittel der Bürgeranträge sind Neuanträge, darunter etwa zehn Prozent von Angehörigen von Verstorbenen. Und etwa ein Drittel der Anträge kommt von Menschen, die vor einigen Jahren bereits ihre Akte eingesehen haben und nun wissen wollen, ob es etwas Neues gibt, zum Beispiel aus rekonstruierten Unterlagen.

Der Begriff „Unrechtsstaat“ ist bei manchen nach wie vor umstritten. Wird die DDR verklärt?
Das ist etwas pauschal, einige tun das sicherlich, andere sind realistisch. Mir ist wichtig, dass wir mehr den Alltag betrachten. Die Diktatur hat ja nicht jeden Tag ihr hässliches Gesicht gezeigt. Wir sollten die Menschen bei ihren eigenen Erlebnissen abholen und gleichzeitig deutlich machen, dass das Herrschaftssystem natürlich ein Unrechtsstaat war, auch wenn man selber kein unrechtes Leben gelebt hat.


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