Interview Joschka Fischer : „Gemetzel bis zur Erschöpfung“

„Viele, viele Tote und furchtbare Gräueltaten“: Joschka Fischer
„Viele, viele Tote und furchtbare Gräueltaten“: Joschka Fischer

Der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer sieht Parallelen zwischen dem Syrien-Konflikt und dem Dreißigjährigen Krieg

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24. Mai 2018, 20:45 Uhr

Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) sieht die Vermischung mehrerer Kriege als eine Parallele zwischen Dreißigjährigem Krieg und Syrien-Konflikt. Im Interview mit Christoph Driessen erläutert der 70-Jährige, dass sich die Verwüstung Magdeburgs 1631 mit der Zerstörung Aleppos zwischen 2012 und 2016 vergleichen lasse. Die syrische Stadt war zeitweise ein zentraler Schauplatz der Kämpfe zwischen den Truppen von Präsident Baschar al-Assad und seiner Verbündeten gegen Oppositionsmilizen.

Viele Historiker sehen auffällige Parallelen zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Krieg in Syrien. Sie auch?

Fischer: Vergleichen Sie Syrien mit einer Geschichte des Dreißigjährigen Krieges: Es trifft fast eins zu eins zu.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

Erstens: Es ist nicht ein Krieg, sondern es sind mittlerweile mehrere Kriege, die man unterscheiden kann. Es begann als Aufstand für Demokratisierung, es wurde dann zu einem Krieg gegen den Islamischen Staat. Mittlerweile haben wir einen türkisch-kurdischen Krieg, und es droht ein israelisch-iranischer Krieg, da waren wir neulich kurz davor. Wir haben auch die Konfrontation der Weltmächte, das darf man nicht ausschließen. Die ursprüngliche Ursache ist mittlerweile in den Hintergrund getreten, und das Gemetzel geht weiter, ich vermute bis zur Erschöpfung aller Beteiligten.

Und wie im Dreißigjährigen Krieg geht es auch um Religion?

Die Parallele, dass die Religion für machtpolitische Zwecke missbraucht wird, ist auch gegeben. Der innerislamische Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten wird sowohl vom Iran als auch von sunnitischen Mächten wie Saudi-Arabien und anderen benutzt. Es gibt da sehr, sehr viele Gemeinsamkeiten. Das geht so weit, dass Sie Magdeburg mit Aleppo vergleichen können. Es ist furchtbar.

Wie kann der Krieg beendet werden?

Ich sehe nicht, dass eine westliche Militärintervention machbar ist, oder dass sie Positives bringen würde. Insofern wird es das nicht geben. Und ich meine auch, dass Russland leicht da reingekommen ist, aber ich glaube, es wird schwer, wieder rauszukommen.

Könnte man sich einen Westfälischen Frieden für Syrien vorstellen?

Es ist furchtbar, wie die Menschen dort zu leiden haben, das darf man nicht vergessen. Am Ende wird es nach vielen, vielen Toten und furchtbaren Gräueltaten einen Kompromiss aller Beteiligten brauchen. Ob der mit Assad erreichbar ist, das wage ich zu bezweifeln. Dazu hat der zu viele auf dem Gewissen. Wir werden es sehen.

Hintergrund:  Viele Schlachten, aber kein eindeutiger Sieger

Der Dreißigjährige Krieg war ein Konflikt ohne eindeutige Sieger und Verlierer. Als Auslöser des Krieges gilt der Prager Fenstersturz am 23. Mai vor 400 Jahren. Hier ein Überblick über die wichtigsten Schlachten:

 8. November 1620: Erste große Entscheidungsschlacht am Weißen Berg bei Prag. Die böhmischen Stände unterliegen unter ihrem König Friedrich V. von der Pfalz den wesentlich stärkeren Truppen der Katholischen Liga unter Graf Tilly.

6. August 1623: Bei Stadtlohn erleiden die Truppen des protestantischen Feldherrn Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel eine schwere Niederlage gegen ein Heer unter Tilly. 

27. August 1626: Bei Lutter am Barenberg, zehn Kilometer südwestlich von Salzgitter, besiegen die Truppen des Kaisers und der Katholischen Liga ein Heer des dänischen Königs Christian IV. 

17. September 1631: Die Schlacht bei Breitenfeld nördlich von Leipzig endet mit einem glanzvollen Sieg eines schwedisch-sächsischen Heeres unter König Gustav Adolf. 

16. November 1632: Gustav Adolf fällt in der Schlacht bei Lützen. Ein protestantisches, überwiegend schwedisches Heer kämpfte dort gegen katholische kaiserliche Truppen unter Wallenstein. 

5./6. September 1634: Schwere Niederlage der Schweden in der Schlacht bei Nördlingen.

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