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Frankreich : Fußball-Fieber? Im EM-Land Fehlanzeige!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In wenigen Wochen beginnt die Euro in Frankreich – doch während das Thema Sicherheit groß geschrieben wird, ist von sportlicher Begeisterung wenig spürbar

Auf den ersten Blick könnten sie Fußball-Fans sein, die ein Ziel vereint: die Hoffnung auf einen Sieg. Dutzende Menschen haben sich auf dem Pariser Platz der Republik versammelt. Das Publikum ist gemischt, wenn auch besonders viele Schüler und Studenten darunter sind. Doch die hitzigen Diskussionen drehen sich keineswegs um Länderteams oder die Spieler-Auswahl. „Fußball? Wir haben andere Sorgen!“, sagt Student Yann. Die Welt verbessern – nichts weniger wollen er und seine Kumpel. Sind sie Idealisten, Träumer, Querulanten? In jedem Fall bestimmen sie schon seit Wochen die Schlagzeilen, und nicht ein anderes Großereignis: die Europameisterschaft, die ab dem 10. Juni in Frankreich ausgetragen wird.

Mit „Nachts wach“ oder „Aufrecht durch die Nacht“ lässt sich ihre Bewegung „Nuit debout“ aus Globalisierungs- und Kapitalismuskritikern übersetzen, die sich seit Ende März jeden Abend auf Plätzen im ganzen Land zu Demonstrationen versammelt. Nicht immer geht es dabei friedlich zu. Der Bürger-Protest drückt eine allgemeine Unzufriedenheit aus. Die Stimmung kurz vor dem Anpfiff der Euro ist angespannt, Euphorie kaum spürbar und Yann fasst die Lage in die passenden Worte: Frankreich hat andere Sorgen.

Zu ihnen gehört nicht nur der Verdruss über die wirtschaftliche und soziale Lage, sondern auch die Angst um die Sicherheit, nachdem das Land mehrmals von Anschlägen erschüttert worden ist. Die Attacken brannten den Franzosen die bittere Gewissheit ein: Der Horror kann sich überall wiederholen – trotz höchster Sicherheitsstufe, auch und gerade während der Fußball-EM, wo innerhalb eines Monats 2,5 Millionen Besucher in den Stadien und sieben Millionen Fußballfans insgesamt erwartet werden. Wie lassen sie sich schützen – wissend, dass es kein Null-Risiko gibt? Da tritt die Frage in den Hintergrund, wer den Pokal holen wird.

Terroristen hatten sich am 13. November auch das Stadion Stade de France als Anschlagsziel ausgesucht, wo das EM-Auftaktspiel und das Finale stattfinden werden. Später erklärte Mohamed Abrini, der im Frühjahr als Mitglied des franko-belgischen Terror-Netzwerks gefasst wurde, dieses habe während der EM zuschlagen wollen – um Frankreich erneut ins Mark zu treffen. Doch die Festnahme von Salah Abdeslam, dem einzigen Überlebenden der Pariser Attentäter, änderte die Pläne abrupt. Kurz nach seiner Verhaftung verübten seine Komplizen Anschläge in der Metro und am Flughafen von Brüssel.

Zwar lässt sich im quirligen Pariser Alltag kaum eine Veränderung erkennen, abgesehen von der starken Präsenz von Polizei und Militär. Doch alle Tourismustreibenden leiden noch unter dem Rückgang von Buchungen in der meistbesuchten Stadt der Welt. Paris hat nicht mehr nur den Ruf als Stadt der Liebe – sondern nun eben auch des Terrors.

Politiker und Behörden bemühen sich um Beruhigung. Die EM werde „ein festlicher Moment“, versichert Antoine Boutonnet, zuständiger Polizeikommissar. Der im November erlassene Ausnahmezustand gilt noch bis 26. Juli, damit er die EM sowie die Tour de France abdeckt. Um Polizei, Notärzte und Feuerwehr auf den Katastrophenfall vorzubereiten, werden seit Wochen Simulationen von Terror-Angriffen organisiert. 10 000 Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen sind für die Überwachung der Stadien, der 24 Team-Basislager, Hotels und Medienzentren zuständig. In und vor den Stadien wird die Videoüberwachung ausgebaut und Zuschauer müssen durch drei Kontroll-Etappen.

Umstritten war lange, ob es bei „Fan-Zonen“ in den zehn Austragungsstädten bleibt. Zehntausende Menschen werden in diesen abgegrenzten Bereichen zum Public Viewing erwartet – lückenlose Kontrolle fast unmöglich.

Kurz vor dem Start fehlt es an echtem Enthusiasmus, Fußball ist im Alltag und in den Medien kaum ein Thema. Gute Laune und etwas Leichtigkeit kann Frankreich brauchen. Sollte das Turnier zumindest gewaltfrei über die Bühne gehen, ist schon viel gewonnen. Egal, wer letztlich gewinnt.

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