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Tabuthema Angst : Fürchte dich nicht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jeder hat sie mal. Einige werden sie nicht wieder los. Angst steckt in unseren Genen. Wieso sie gut und schlecht zugleich ist und wir die falschen Dinge fürchten.

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 16:00 Uhr

Wären unsere Vorfahren frei von Ängsten gewesen, würden wir heute vielleicht nicht mehr existieren. Schließlich hatten es die Urzeitmenschen mit Bedrohungen wie wilden Tieren zu tun. Auf der Jagd nach ihnen musste Angst ein ständiger Begleiter sein, um Situationen richtig einzuschätzen und im Notfall die Flucht zu ergreifen.

Wilde Tiere stellen heute für die meisten Menschen zwar keine Bedrohung mehr dar, doch Angst ist allgegenwärtig. Michael Bauer, Schulleiter des Caduceus Lehrinstituts für Psychotherapie in Kiel: „Angst ist ein lebensnotwendiger Instinkt. Unsere Umwelt hat sich zwar rasant verändert, aber die Angst und die damit verbundenen Symptome sind geblieben.“ Bauer spricht von Reaktionen wie Herzklopfen und -rasen, Schweißausbrüchen, Zittern bis hin zur Atemnot oder gar Schmerzen in der Brust. Die Ursachen können banal sein: Ein vorbeifahrender Zug oder der Blick von einer Klippe in die Tiefe. Selbst der Gedanke daran, einen Schritt zu weit zu gehen und die Klippe hinunterzustürzen, löst etwas in uns aus.

Selbst der Gang in die Tiefgarage oder ein bellender Hund versetzen einige Menschen in Angst. Viele Berufstätige haben Angst vor ihrem Chef. Dennoch, die Angst ist meist nicht so stark, so dass man trotzdem in die Tiefgarage geht, den Hund streichelt oder ein Gespräch unter vier Augen mit dem Chef führt – wenn vielleicht auch mit weichen Knien.

Aber es geht auch anders: Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Von pathologischer Angst ist die Rede, wenn sie übertrieben lange anhält und sehr intensiv ist, so dass der Betroffene sein Verhalten ändert und sich im Alltag einschränkt. „Ein Ausmaß, das mich daran hindert, mein Leben so zu leben, wie ich es möchte, ist problematisch. Eine Psychotherapie ist dann notwendig“, sagt Michael Bauer.

Pathologische Angst beschränkt sich bei Vielen nicht nur auf einen Bereich wie etwa die Arbeitssituation. „Häufig treten auch generalisierte Angststörungen auf“, so Bauer. „Wir alle kennen die Angst davor, verlassen zu werden und sorgen uns um unsere Angehörigen, weil wir nicht wollen, dass sie erkranken oder ums Leben kommen. Jemand mit einer generalisierten Angststörung allerdings lebt mit einer ständigen Angst und weitet diese auf alltägliche Ereignisse aus, selbst wenn keine Gefahr besteht.“ So könne es passieren, dass ein Mensch mit einer generalisierten Angststörung befürchtet, er müsse sterben, weil er glaubt, sein Partner wolle sich trennen, auch wenn dies nicht der Fall sei. Diese Angst ist nicht kontrollierbar und nimmt einen starken Einfluss auf das Leben der Person, die darunter leidet.

Genetisch bedingte Neigung zu Ängsten

Ob und wie ängstlich ein Mensch ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, erklärt Dr. Tina Lonsdorf vom Institut für systemische Neurowissenschaften des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) in Hamburg. Einige Menschen tragen von Geburt an ein höheres genetisch bedingtes Risiko, ängstlich zu sein. „Hinzu kommen Umwelteinflüsse wie die Erziehung oder traumatische Erlebnisse, die unsere Anfälligkeit für Ängstlichkeit moderieren.“ Stark thematisiert wird die Terrorangst. Aufgrund der jüngsten Anschläge in Europa ist das Sicherheitsgefühl vieler Menschen erschüttert. Dies zeigen Studien wie die Umfrage des Versicherungskonzerns R+V, nach der sich die meisten Befragten vor Terrorismus (73 Prozent) fürchten. Der Anstieg (+21 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr ist enorm. Dem politischen Extremismus (68 Prozent), Zuzug von Ausländern (67 Prozent) und der Überforderung der Behörden (66 Prozent) sehen die Deutschen gleichermaßen sorgenvoll entgegen.

Das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) hat die „Generation Mitte“ (30 bis 59-Jährige) zum vierten Mal zu ihren Einstellungen und Einschätzungen gesellschaftlich relevanter Themen befragt. Die Ergebnisse aus 2016 machen deutlich, dass zwei Drittel den Eindruck haben, die Zahl der Verbrechen in Deutschland habe zugenommen. Und auch hier sind die Befürchtungen, Opfer eines Terroranschlags (65 Prozent) zu werden, gestiegen.

In diesem Zusammenhang sollte man allerdings nicht von pathologischer Angst sprechen, sagt Lonsdorf. „Wenn es um Terrorismus und Anschläge geht, würde ich eher sagen, dass die Menschen mit Sorge reagieren. Natürlich kann diese Besorgnis auch in eine richtige Angst münden, doch meist sind die Symptome auch ganz anders, wenn man nur besorgt ist. So fehlen etwa körperliche Symptome wie erhöhter Herzschlag oder Schwitzen.“

Menschen schätzen Gefahren oft höher ein

Doch wie begründet ist die Sorge um Terror? Die Vorfälle in Berlin, Brüssel oder Paris waren furchtbare Ereignisse mit zahlreichen Todesopfern. Die Taten an sich erfüllen die Menschen mit Trauer, Wut und Sorge. Hinzu kommt die Agenda der Medien – man hört, sieht und liest Terrormeldungen. Es sei kein Wunder, dass sich die Menschen sorgen, so Lonsdorf. „Menschen bewerten Risiken ständig, allerdings sind sie darin nicht besonders gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Opfer eines Anschlags werden, ist rational gesehen sehr gering, dennoch wird die oft falsch eingeschätzt.“ Der Grund dafür seien kognitive Verzerrungen.

Es sind nicht nur Erwachsene, die unter Angststörungen leiden. Prof. Dr. Christina Schwenck vom Institut für Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ist auf Kinder und Jugendliche spezialisiert: „Die Häufigkeit für Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen ist sehr hoch, und die Mehrzahl aller Angststörungen beginnt in dieser Altersgruppe. Allerdings kommen nicht alle Kinder und Jugendlichen mit behandlungsbedürftigen Angststörungen in Kliniken und psychotherapeutische Praxen.“ Das habe unterschiedliche Gründe. Zum einen seien psychische Störungen noch immer sehr stigmatisiert und tabuisiert. Die Eltern müssen zudem erst erkennen, dass ihr Kind ein psychisches Problem hat. Dies sei ein großer Schritt für viele. Zudem können jüngere Kinder ihre Ängste nicht immer als solche äußern und schieben meist andere Beschwerden vor. „Wenn mein Kind ständig über Kopf- oder Bauchschmerzen klagt und körperliche Ursachen durch den Arzt ausgeschlossen wurden, sollte ich als Elternteil darauf achten, wann die Beschwerden auftreten, ob es ein Muster oder einen Zusammenhang mit bestimmten Aktivitäten gibt. Auffällig wäre es zum Beispiel, wenn die Bauchschmerzen immer vor der Schule auftreten, in den Ferien oder am Wochenende aber nicht.“

Schon im frühen Kindesalter gibt das Verhalten Hinweise darauf, wie ängstlich ein Mensch ist. Schwenck gibt das Konzept der Verhaltenshemmung als Beispiel an. Der amerikanische Entwicklungspsychologe Jerome Kagan stellte 1984 die Hypothese auf, dass verhaltensgehemmte Kinder im Laufe ihres Lebens anfälliger sind für psychische Erkrankungen wie Angststörungen. In einer Studie versuchte er zu belegen, dass sich dieses Temperamentsmerkmal im späteren Leben in Schüchternheit, emotionaler Zurückhaltung und Vermeidungsverhalten gegenüber unbekannten Menschen manifestiert. „Das ist sehr interessant. Man kann ja bereits bei Babys beobachten, wie stark verhaltensgehemmt sie sind. Nehmen sie alles in den Mund, oder wann krabbeln sie auf fremde Personen, Tiere oder Gegenstände zu? Aus solchen Verhaltensweisen lassen sich Rückschlüsse auf das Temperament der Kinder ziehen“, sagt Schwenck.

Ängste sind an sich normal und wichtig. Wenn sie die Betroffenen aber beeinträchtigen und Leiden verursachen, sind sie behandlungsbedürftig. Christina Schwenck erklärt das Prinzip von Angststörungen und ihrer Therapie mit der sogenannten Angstkurve. Angstauslösende Situationen lassen Angst und Anspannung schnell ansteigen. Betroffene gehen davon aus, dass dieser Anstieg bis ins Unermessliche geht und nicht zu kontrollieren ist. Deshalb vermeiden sie die angstauslösende Situation von vorne herein oder brechen eine Konfrontation vorzeitig ab.

Tatsächlich aber ist es so, dass der Körper die Anspannung nur eine gewisse Zeit aufrechterhalten kann, und sie dann zusammen mit dem Angstgefühl abfällt. Dieser Umstand wird in der Therapie genutzt. Wichtig ist dabei, dass die Betroffenen lang genug in der Situation bleiben, um den Abfall der Angst zu erleben. Oder: Wenn man die Angst aushält, wird sie irgendwann weniger.

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