Streitbar : Frechheit siegt

Der Screenshot aus der ARD-Sendung „Günther Jauch“ vom 15. März zeigt Günther Jauch; hinter ihm ist auf zwei Monitoren der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis zu sehen, links live und rechts in einem Video von 2013 den Stinkefinger zeigend. Um die Echtheit der Aufnahme gab es viel Aufregung.
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Der Screenshot aus der ARD-Sendung „Günther Jauch“ vom 15. März zeigt Günther Jauch; hinter ihm ist auf zwei Monitoren der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis zu sehen, links live und rechts in einem Video von 2013 den Stinkefinger zeigend. Um die Echtheit der Aufnahme gab es viel Aufregung.

Moskau und Athen sind die neuen Brandherde der Provokation. Sie zeigen denen den Stinkefinger, die auf anständiges Regieren vertrauen. Mit Erfolg.

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28. März 2015, 16:00 Uhr

Griechenland unmittelbar vor der Pleite? Ach was! Es handelt sich allenfalls um ein kurzfristiges „Liquiditätsproblem“. Den Deutschen den Stinkefinger gezeigt? Das ist nur die bösartige Manipulation einer Geste, die in Wahrheit als Respektbezeugung zu deuten ist. Und die Drohung seiner Kabinettskollegen, islamische Terroristen nach Berlin durchzuwinken oder deutsches Eigentum zu pfänden, um von Berlin Reparationszahlungen zu erpressen? Alles nicht so gemeint! Nur ein Denkanstoß, um das solidarische Europa nach vorn zu bringen.

So redet Giannis Varoufakis. Heute so, morgen so. Der neue griechische Finanzminister versteht sich als akademischer Spieletheoretiker, dessen Strategie darauf ausgerichtet ist, den Gegner durch geschicktes Taktieren und Manövrieren ins Abseits zu drängen. Chaos gehört dazu. Ihn als blauäugigen Kaffeehaus-Revolutionär abzutun, der lieber provokante Interviews in Serie gibt, anstatt Reformgesetze auszuarbeiten, ist Teil seines Kalküls. So bleibt der politische Ego-Shooter nicht nur unberechenbar, sondern für seine Gegner auch unkalkulierbar. Und immer geheimnisvoll - mit einem diabolischem Plan im Hinterkopf?

„Wie kann eine konzeptfreie Mischung aus Vulgär-Keynesianismus und Pop-Marxismus so eine Strahlkraft entfalten?“, fragt leicht erschüttert die „WirtschaftsWoche“, die in der „Varoufakis-Show“ bereits den Herd eines neuen Populismus’ sieht, der Europas Linke von einem antikapitalistischen Kontinent träumen lässt. Das ersehnte Latein-Europa ist das Gegenmodell zum Merkel-Europa. Hier zählt nicht protestantische Sparsamkeit sondern südliche Lebensfreude. Hörbar brandet der Beifall von Frankreich über Spanien bis Italien auf.

Wer dagegen mit ökonomischen Daten anargumentiert, ist ein kaltherziger Austeritätspolitiker. Wie Wolfgang Schäuble. Noch hat der deutsche Kassenwart die Unterstützung seiner Kollegen im Euro-Raum. Doch wie lange? Selbst die Bundeskanzlerin fällt ihrem Finanzminister indirekt in den Rücken, indem für Varoufakis’ Chef Alexis Tsipras in Berlin den roten Teppich ausbreitet, um die Wogen zu glätten. Opposition und Teile der SPD sehen die Schuld am vergifteten Klima ohnehin „auf beiden Seiten“. Das ist ein klarer Punktsieg für Athen: Die Gläubiger und Geldgeber sind schon zufrieden, wenn der Tischgeselle nicht mehr randaliert – und zahlen brav das Trinkgelage des ewigen Raufbolds, der sich an keine Regeln hält und sich um die versprochenen Gegenleistungen drückt. Irgendwie mögen die Anzug-Träger und Kostüm-Trägerinnen das Wilde und Ungehobelte. Varoufakis, der „Latin Lover“ mit politischer Agenda. Wow!

Nach diesem Muster verfährt auch Wladimir Putin. Schon streitet der Westen, ob die Sanktionen gegen Russland nicht gelockert werden sollten. Die Krim wird genauso verloren gegeben wie die griechische Schuldentilgung. Autoren wie Gabriele Krone-Schmalz sprechen all denen aus dem Herzen, die Russland als Opfer des US-Imperialismus’ sehen, der üble Faschisten aufhetzt. Muss man da nicht Verständnis haben, wenn „versehentlich“ ein ziviles Flugzeug vom Himmel geschossen und für fast 300 unschuldige Menschen zum Sarg wird? Wer den russischen Bären reizt, muss auch seine Krallen ertragen. Wo gehobelt wird, fallen eben Späne, sagen selbst jene, denen sonst Demokratie, Umweltschutz und Minderheitenrechte heilig sind. Doch dem neuen Zar im Kreml sieht man jede Lüge nach. So gewinnt die Legende durch stete Wiederholung an Realität: Die Krim hat sich freiwillig Russland angeschlossen. Die russischen Milizionäre machen in der Ostukraine nur Urlaub. Und ihre Brandschatzungen sind reiner Freizeitvertreib im Dienste der Freiheit. So triumphiert auch hier die Gewalt über das Recht. Der regeltreue Westen ist schon froh, wenn sich Putin an das Abkommen von Minsk hält und die Krallen nicht über Kiew ausfährt. Oder das Baltikum nicht zurück ins Neu-Russland holt. Die Atommacht ist auf der Weltenbühne eine zu wichtige Größe, um sie internationalen Regeln zu unterwerfen. Da muss man eben etwas flexibler sein bei der Auslegung. Das nennt man dann Realpolitik. Wir hängen die Latte der Maßstäbe so hoch, dass auch der Okkupator erhobenen Hauptes darunter durchmarschieren. kann. Frechheit siegt. Hauptsache, die Feinstaub-Grenzwerte und die Frauenquote in Aufsichtsräten werden peinlichst genau eingehalten.

Auch für Baschir al Assad scheint die Rechnung aufzugehen. Der Schlächter von Syrien wird neuerdings von den USA wieder als Verhandlungspartner akzeptiert. Man braucht den mutmaßlichen Volksvergifter, um die noch skrupellosen Mörder des „Islamischen Staates“ unter Kontrolle zu bringen. Auch das ist Realpolitik: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Für Assad, den lange Geächteten, zahlt sich damit Sturheit aus. Er bleibt mit seinem Clan an der Macht. Wie so viele Autokraten und Diktatoren ist auch er das kleinere Übel. Der liberale Westen sieht sich genötigt, die eignen Grundsätze hintanzustellen. Also gilt auch hier: Frechheit siegt.

Das verbindet Griechenland mit Russland und Syrien. Nicht dass die demokratisch legitimierte Regierung aus Links- und Rechtsradikalen in Athen mit dem Militaristen Putin oder dem Giftgasmörder Assad auf eine Stufe gestellt werden soll. Dazwischen liegen viele Tote. Doch gemeinsam ist ihnen, dass sich der Regelbruch lohnt. Die politischen Ego-Shooter in Athen, Moskau oder Damaskus überreizen ihr Blatt – und gewinnen letztlich doch. Weil die Gegenspieler das Risiko der Niederlage nicht eingehen wollen. Sie zeigen Nerven und passen lieber, anstatt den Einsatz zu erhöhen und die Provokateure zu zwingen, ihr Blatt offen zu legen.

Es ist leicht auszurechnen, dass der Spieletheoretiker Varoufakis mit seiner Konfrontationsstrategie auch in der Praxis Siege erringen wird. Plötzlich hält sogar die Regierungspartei SPD die rechtlich abgeschlossenen Reparationsforderungen aus der Nazi-Zeit für „moralisch legitim“. Immer ganz vorne dabei, wenn es gilt, das Geld anderer Leute zu verteilen: Ralf Stegner. Der linke Genossen-Zampano aus Schleswig-Holstein spielt damit dem Penthaus-Marxisten aus Athen in die Karten, der im Wahlkampf versprochen hat: „Was auch immer Deutschland macht oder sagt, es wird sowieso zahlen.“ Zu groß ist die Angst davor, Griechenland könnte vollends ins Chaos stürzen und das Kartenhaus EU gleich mit. Der deutsche Steuerzahler bürgt unendlich und zahlt dafür noch mit dem Schmelzen seiner Ersparnisse.

Auch Putin gilt als Grant für Stabilität. Ein Zuchtmeister, der das Riesenreich ebenso zusammenhält, wie die kommunistischen Kapitalisten in Peking ihr China. Im Nahen Osten sorgen die saudischen Menschenrechtsverächter für Stabilität, in Syrien darf sich Assad auf das alte Rollenspiel freuen. Allesamt pfeifen sie frech auf den westlichen Wertekanon von Freiheit, Gleichheit und Rechtstaatlichkeit. Überraschend daran ist eigentlich nur, dass der Westen immer wieder aufs Neue über seine eigene Machtlosigkeit überrascht ist. Aber wer aus dem moralischen Hochsitz fällt, schlägt auf dem Boden der Wirklichkeit eben hart auf.





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