Schleswig-Holstein : Frau überfallen – Polizei kritisiert privaten Zeugenaufruf

Eine 57-Jährige wird in der Silvesternacht angegriffen. Die Familie sucht auf Facebook nach dem Täter. Der Beitrag wird tausendfach geteilt.

svz.de von
02. Januar 2018, 20:45 Uhr

„Wer im raum Lübeck jemanden sieht der auf die beschreibung passt bitte ein foto machen und mir schicken mama erkennt ihn wieder!!!“ (sic!) Mit diesem wütenden Aufruf sorgt ein Facebooknutzer seit Montag bundesweit für Aufsehen und Reaktionen. Zu sehen ist in dem Post das Foto einer Frau mit großflächigen Verletzungen im Gesicht.

Dazu schreibt der Mann, dass es sich um seine Mutter handelt. Diese sei in der Silvesternacht in Sereetz (Kreis Ostholstein) überfallen und zusammengeschlagen worden. Auch eine Täterbeschreibung gibt er heraus, verbunden mit der Aufforderung, Fotos von Personen zu machen, auf die die Beschreibung zutrifft und ihm diese anschließend zuzusenden. Weiter heißt es, der Täter sei „syrischer arabischer“ Herkunft.

Woher der Urheber des Beitrags diese Erkenntnis nimmt, bleibt offen. Auch in den Kommentaren taucht die Fragen auf: „Hat der Täter sich als „Syrer“ ausgewiesen oder wie kommt man zu der Täterbeschreibung?“ Auf Nachrage von shz.de hieß es vom Urheber des Beitrags, dass es sich dabei um eine Einschätzung seiner Mutter anhand des Aussehens handele.

 

Innerhalb von nicht einmal 24 Stunden wurde der Beitrag auf Facebook mehr als 31.000-mal geteilt, sammelte mehr als 7000 Reaktionen und über 200 Kommentare. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch noch keine Polizeimeldung zu dem Vorfall und damit keine gesicherten Erkenntnisse dazu.

Dennoch werden im Kommentarbereich offen Gewaltphantasien und Selbstjustiz ausgebreitet. Man solle das „drecks kanakenvolk verbrennen“ schreibt ein Nutzer und eine andere Nutzerin schreibt: „Dieser Staat ruft förmlich nach Selbstjustiz auf!!!!!!“

Laut Polizei keine Hinweise auf eine bestimmte Nationalität

Erst am Dienstagnachmittag gab die Polizeidirektion Lübeck eine Pressemitteilung zu dem Vorfall heraus. Darin heißt es, dass eine 57-jährige Frau in Sereetz von einem unbekannten Mann ins Gesicht geschlagen worden sei. „Der Tatverdächtige ist flüchtig, die Polizei sucht Zeugen“, so Polizeisprecher Ulli Fritz Gerlach. Den Tathergang beschreibt die Polizei wie folgt: Gegen 1.10 Uhr sei eine Zeugin in Sereetz in der Berliner Straße auf die verletzte 57-Jährige aufmerksam geworden und habe die Polizei alarmiert. Sie habe „großflächige Verletzungen“ im Gesicht aufgewiesen und sie in Krankenhaus gebracht worden.

Nach ersten Erkenntnissen sei die Frau gegen 1 Uhr auf dem Nachhauseweg gewesen. „Beim Aufschließen der Haustür des Mehrfamilienhauses habe plötzlich ein Mann hinter ihr gestanden. Dieser soll sie anschließend mehrfach ins Gesicht geschlagen haben“, so Gerlach. Der Tatverdächtige sei in unbekannte Richtung geflohen.

Zudem sei anfänglich bei der Polizei die Meldung eingegangen, dass es sich um einen Raub handele. Dies habe sich nicht bestätigt. „Hinweise auf eine Raubstraftat liegen der Polizei aktuell nicht vor. Es wird wegen des Verdachts der Körperverletzung ermittelt“, heißt es in der Pressemitteilung.

Die Ermittlungen zu den Hintergründen und dem Motiv der Tat, dauern an. Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich laut Polizei um einen 1,70 bis 1,80 Meter großen, schlanken Mann, der einen gelben Pullover trug. Hinweise auf eine bestimmte Nationalität des Tatverdächtigen lägen der Polizei der aktuellen Beschreibung nach nicht vor. Sachdienliche Zeugenhinweise nimmt die Polizei unter der Telefonnummer 0451/ 1310 entgegen.

Private Zeugenaufrufe können Ermittlungen kaputt machen

Von dem privaten Aufruf distanziert sich die Polizei und schreibt dazu: „Dies ist natürlich mit dem Prinzip des Rechtsstaats nicht vereinbar.“ Hinweise auf den Tatablauf oder einen Täter seien nur an die Polizei weiterzugeben. Der private Aufruf stelle dennoch keinen strafrechtlichen Verstoß dar, so Ulli Fritz Gerlach von der Polizei Lübeck. Dennoch seien private Fahndungsaufrufe prinzipiell problematisch. Werden etwa Fotos von Menschen veröffentlicht, könne dies ein Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild sein. Nutzer würden sich so strafbar machen. „Wenn wir eine Öffentlichkeitsfahndung herausgeben, muss uns dazu die Staatsanwaltschaft berechtigen“, erklärt Gerlach das Verfahren. Private Fahndungsaufrufe könnten dazu führen, dass so gewonnene Erkenntnisse nicht mehr beweiskräftig sind. „Das kann die Ermittlungsarbeit kaputt machen“, sagte Gerlach.

In dem konkreten Fall habe die unfundierte Täterbeschreibung auf Verdacht die Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe zur Folge. Hinzu komme, dass die Polizei in Lübeck durch die enorme Resonanz nun mit Presseanfragen aus ganz Deutschland konfrontiert sei.

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