Reiseführerin für die Arktis : Forschen am Limit

 
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Frigga Kruse ist Polarforscherin und Reiseführerin für die Arktis. Ein ungewöhnliches Leben zwischen norddeutscher Dorfidylle, Eisschollen und dem Rest der Welt.

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07. November 2015, 08:00 Uhr

Frigga Kruse ist schon als kleines Mädchen anders. Mit Puppen spielen, hübsche Kleidchen anziehen und sich von Mama Zöpfe flechten lassen, nein, damit kann sie so gar nichts anfangen. Sie will raus, hinein in die Wälder, auf die Wiesen und Felder, die es in ihrem kleinen Heimatort Mörel in Schleswig-Holstein reichlich gibt. Die Haare lässt sich Frigga Kruse auf ein Minimum schneiden, und bis heute hat sie ihren Igelschnitt behalten. Der Vater ist Schiffsbauingenieur, muss ständig verreisen und die Familie verbringt viel Zeit im Ausland. Eine Station ist Papua-Neuguinea, und die Tochter macht dort auch ihr Abitur.

Während ihre Schwester Gesa Kriminologie in England und ihr Bruder Niels „irgendwas mit IT“ in Kanada studieren, setzt sich Frigga Kruse in den Kopf, Meeresforscherin zu werden. Dass ausgerechnet die kalte Arktis ihr Hauptthema werden sollte und sie sogar als Reiseführerin für Touristen angeheuert wird, hätte sie sich damals nicht vorstellen können.

Sie schreibt sich an einer Uni in Schottland ein und belegt die Fächer Archäologie und Geologie. Die Auswahl ist eher zufällig. „Ich bin an diesen Fächern hängen geblieben, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Das war wie ein Rubbellos und das Beste, was mir passieren konnte“, erinnert sich die 37-Jährige. Ihre Magisterarbeit macht sie in forensischer Archäologie, forscht dafür in Russland. Zwölf Jahre verbringt sie in Großbritannien und wechselt von Nord bis nach Süd öfter ihre Adresse. Irgendwann liest sie in einer Fachzeitschrift eine Stellenausschreibung: Für Feldarbeiten auf Spitzbergen, eine norwegische Inselgruppe im Nordatlantik und Arktischen Ozean, werden Wissenschaftler gesucht. Frigga Kruse bewirbt sich und wird angenommen. Ihr Thema trägt den Titel „400 Jahre Ausbeutungsgeschichte auf Spitzbergen“. Was hat der Mensch damals gemacht? Welche Spuren haben der Walfang, die Walrossjagd, der Bergbau und der Pelzhandel hinterlassen und vor allem: Welcher Druck lastet deswegen bis heute auf den Ökosystemen? Doch Frigga Kruse will nicht darüber urteilen, nur feststellen und dokumentieren. „Ich bin nicht da, um abzustempeln, dann wäre ich eine schlechte Archäologin. Die Gesellschaft brauchte eben Öle und Fette, da gibt es starke Parallelen zu heute.“ Für sie ist es immer wieder der gleiche Teufelskreis: „Die Menschen möchten etwas haben und unsere Geschichte zeigt, dass wir uns das nicht nachhaltig beschaffen. Vieles wiederholt sich, die Frage ist, ob wir diesen Kreis unterbrechen können.“

Warum in der Stellenausschreibung stand „Muss körperlich fit sein und mit einer Waffe umgehen können“ hat die Schleswig-Holsteinerin schnell verstanden. „Wir mussten auf Spitzbergen in Zelten schlafen und Eisbären können ständig irgendwo in der Nähe sein.“ So hat sie auf ihren Erkundungstouren vorschriftsmäßig ein Gewehr dabei, hat es bisher aber nur „zum Üben“ genutzt. Mulmig ist ihr noch nie gewesen. „Einmal haben wir einen schlafenden Eisbären geweckt, das war schon kritisch. Wir hatten ihn für einen Schneeberg gehalten. Aber der Eisbär hat sich zum Glück nicht für uns interessiert.“

Zurzeit lebt und arbeitet sie im niederländischen Groningen, hier hat sie nach einer Arbeitszeit von fünfeinhalb Jahren auch ihre Doktorarbeit abgegeben und sie als Buch unter dem Titel „Frozen Assets“ herausgebracht. Die Arbeit bekommt die höchste niederländische Auszeichnung. „Es ist eine Art Katalog geworden, der die Ausbeutung der Insel durch Großbritannien dokumentiert und beleuchtet. Ich versuche, die Vergangenheit anzuwenden. Es geht hier auch um Weltpolitik, den britischen Bergbau und vor allem um die Menschen dahinter.“

Das Projekt auf Spitzbergen findet Frigga Kruse „hoch motivierend“. „Es ist spannend zu sehen, welche Veränderungen in den Ökosystemen herrschen. Ich möchte dazu beitragen, dass wir unsere Geschichte verstehen und dass wir aus ihr lernen.“ Was hätte man anders machen können und was kann man in Zukunft anders machen? Das sind für sie die entscheidenden Fragen. Dafür beleuchtet sie archäologische Quellen aus allen Ecken, wertet Tagebücher aus und steckt Quartiere ab, um ein klein wenig mehr über dieses Stück der Arktis zu erfahren.

Ist ein Projekt beendet, muss sich Frigga Kruse wieder eine neue Arbeit suchen – irgendwo auf dieser Welt. Auch war sie einmal über eineinhalb Jahre arbeitslos. „Das ist das Unschöne an der Akademie, man arbeitet an den Projekten und steht danach auf der Straße.“ Im Moment denkt sie über ein Lehramtsstudium in Kiel oder Hamburg nach. „Gerade habe ich wieder den Drang, in meinem Elternhaus zu wohnen.“

Frigga Kruse ist mittlerweile nicht nur Polarforscherin, sondern arbeitet auch als Reiseleiterin in der Arktis. Während die meisten Menschen den warmen Süden für ihren Urlaub ansteuern, konnte man in diesem Sommer für neun Tage und etwas über 5000 Euro Ferien in Eis und Schnee buchen. An die 55 Touristen und gut noch mal so viele Archäologen, Biologen, Meteorologen, Journalisten und Klimaforscher nahmen an der SEES Expedition nach Edgeoy auf Spitzbergen teil und überquerten mit einem Forschungsschiff den 80. Breitengrad. Warum man das freiwillig tut? „Es sind unglaubliche Landschaften und Bilder auf und um Spitzbergen. Viele wollen einfach einmal einen Eisbären in seiner Umgebung und die beeindruckende Mitternachtssonne sehen“, beantwortet die Reiseführerin. „Doch vor allem ist es der Wunsch, die Natur verstehen zu wollen und natürlich die Faszination, die von diesem Ort ausgeht.“ Frigga Kruse bezeichnet die Reisenden nicht gern als Touristen, sondern mehr als „Sponsoren“. Auch wenn die Niederländische Organisation für Wissenschaftliche Forschung (NWO) viel Geld für das Projekt auf Spitzbergen beisteuert, ließe sich die Reise ohne die Hilfe der Mitreisenden nicht finanzieren.

Frigga Kruse stellt kleine Gruppen zusammen, und wer denkt, er kann einfach mal Urlaub machen, hat nicht mit der robusten Deutschen gerechnet. Da die Tage in der Arktis lange hell sind, könne man auch lange arbeiten. Die eine Gruppe wird zum Moos sammeln abbestellt, andere wiederum rutschen den ganzen Tag auf ihren Knien über den Erdboden, um nach Knochen zu suchen und Erdproben zu nehmen. Einige laufen in diesen Tagen einen Marathon, um die Gegend mit Kameras zu erkunden.

14 Stunden an der arktischen Luft, das ist selbst für Frigga Kruse noch eine Herausforderung. „Es ist schon anstrengend, doch die Luft ist unglaublich sauber und man atmet ganz anders durch. Es ist auf der Insel unheimlich still, es sein denn, man stößt auf eine Vogelkolonie, oder ein Walross taucht neben dem Boot auf, dann sind die Laute umso intensiver zu hören.“ Nur an einem Tag hat die Gruppe knappe 14 Grad Außentemperatur, ansonsten bewegt sich das Thermometer um den Gefrierpunkt.

Stundenlang wird jeder Quadratmeter der Insel untersucht und wenn es sein muss, dann watet man auch mal durch Eiswasser. „Wir haben keine wasserfeste Kleidung mit, aber man läuft die Nässe dann schon irgendwann wieder raus“, sagt Frigga Kruse gelassen. Das Programm gestaltet sie flexibel und achtet darauf, dass ihre Schützlinge immer warm bleiben. Thermoskannen mit heißem Tee gehören in jeden Rucksack.

Trotz aller Routine und Erfahrung empfindet die Schleswig-Holsteinerin immer wieder Demut und Dankbarkeit. „Für mich ist es ein unheimliches Glück, nach Spitzbergen fahren zu dürfen. Daher möchte ich mein Wissen nach außen transportieren und vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen, dass wir lernen, bewusster mit unserer Umwelt umzugehen.“

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