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Fastenzeit : Fatale Fleischeslust

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ab heute verzichten viele Menschen auf Fleisch – ein Gewinn nicht nur für die eigene Gesundheit, sondern auch für den Klimaschutz

svz.de von
erstellt am 10.Feb.2016 | 06:30 Uhr

Der Fleischverbrauch in Deutschland übersteigt den weltweiten Durchschnitt um das Doppelte. In der Fastenzeit ab heute verzichten viele Menschen traditionell auf Fleisch. Was viele nicht wissen: Das nützt nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern auch dem Klimaschutz.

Wie viel Fleisch essen wir überhaupt?
Der Fleischverbrauch beträgt pro Kopf und Jahr 88,3 Kilogramm. Zieht man den Knochenanteil ab, verzehrt jeder Bürger in Deutschland 60,3 Kilo Fleisch – zu zwei Dritteln vom Schwein. Der Pro-Kopf-Verbrauch übersteigt den weltweiten Durchschnitt um das Doppelte – und den Indiens sogar um das 20-fache. In Deutschland wird sogar ein Fünftel mehr Fleisch produziert als verbraucht wird. Jährlich werden etwa 59 Millionen Schweine geschlachtet.

Ist das zu viel?
Ja. Die Ernährungskampagne „In Form“ der Bundesregierung rät: „Im Rahmen einer vollwertigen Ernährung sollten Sie nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche essen.“ Das entspricht einer Jahresmenge zwischen 15 und 31 Kilogramm. Gesundheitsfördernd und nachhaltig ernährt sich demnach, wer überwiegend pflanzliche Lebensmittel isst. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Ende Oktober gewarnt, Würstchen, Schinken und anderes verarbeitetes Fleisch erhöhe das Darmkrebsrisiko. Bei rotem Fleisch – dem Muskelfleisch von Säugetieren – ist dies den Forschern zufolge zumindest wahrscheinlich.

Was ist mit der Umwelt?
Unser hoher Fleischkonsum und der dafür nötige Einsatz von Soja in der Tierfütterung vergrößern den Ausstoß an Treibhausgasen und befördern den Flächenverbrauch weltweit, etwa für Sojaanbau in Südamerika. Die FAO, die Lebensmittel- und Ernährungsorganisation der Uno, kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass die Viehhaltung global für 14,5 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich ist – das ist ähnlich viel wie der gesamte Transportsektor, also alle Autos, Lkw, Flugzeuge, Traktoren zusammen.

Wie ist das zu erklären?

Wälder werden in Land- und Weideflächen umgewandelt, beim Futteranbau wird Stickstoffdünger eingesetzt, Rinder stoßen sehr viel Methan aus. Der Umweltverband WWF rechnet vor: Wenn jeder Bundesbürger nur einmal pro Woche auf Fleisch verzichten würde, könnte das zu einer jährlichen Einsparung von rund neun Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen führen. Das entspreche 75 Milliarden Kilometern mit dem Pkw.

Was könnte der Gesetzgeber tun?
Umweltschützer rügen, dass Fleisch zu billig produziert und verkauft wird. Dies befördert intensive Massentierhaltung – mit unguten Folgen wie Grundwasserverschmutzung und Antibiotikaeinsatz. Eine Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2013 zeigt u.a., dass ein „Gülle-Euro“, eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, positive ökologische Lenkungswirkung in den Betrieben hätte. Es würde dann weniger Stickstoff auf die Felder ausgebracht. In der Folge würde sich ein Kilo Rindfleisch um knapp sieben Prozent und Schweinefleisch um etwa 2,5 Prozent verteuern.

Wirkungsvoll wäre auch die Abschaffung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für Fleischprodukte. Derzeit werden Fleischerzeugnisse – wie alle Lebensmittel – mit einem ermäßigten Satz von 7 statt 19 Prozent besteuert. Damit werde der übermäßige Fleischkonsum subventioniert, moniert Greenpeace in der Studie.

Aber welchen Hintergrund hat die Fastenzeit eigentlich? Wieso dauert sie ausgerechnet 40 Tage? Und worauf verzichten die Deutschen während dieser Zeit? Wir haben die wichtigsten Infos für Sie zusammengefasst:

Wo hat die Fastenzeit ihren Ursprung?

Die 40-tägige Fastenzeit wurde von der Kirche im 4. Jahrhundert eingeführt. Während der rund sechswöchigen Bußzeit sollen sich Christen auf das Osterfest vorbereiten, das wichtigste Fest des Christentums.

Doch schon im 2. Jahrhundert haben sich Christen durch ein zweitägiges Fasten auf die Feier der Osternacht vobereitet. „Altchristlich bedeutete Fasten die Beschränkung auf eine tägliche Mahlzeit und Verzicht auf Fleisch und Wein - außer am Sonntag“, sagt Manfred Nielen vom Erzbistum Hamburg. „Die Fastengebote wurden im Lauf der Jahrhunderte immer mehr gelockert und heute sind in der katholischen Kirche nur noch Aschermittwoch und Karfreitag strenge Fast- und Abstinenztage.“

Warum dauert die Fastenzeit 40 Tage?

Die Zahl „40“ hat in der Bibel mehrfach symbolische Wirkung, vergleichbar mit der „7“ in Märchen: So soll Jesus laut dem Neuen Testament nach seiner Taufe 40 Tage allein in einer Wüste gefastet haben und widerstand dabei den Versuchungen des Teufels. Ebenfalls 40 Tage soll Mose auf dem Berg Sinai gefastet haben, genauso lange wie der Prophet Elija auf seinem Weg zum Berg Horeb.

Das Volk Israel soll 40 Jahre durch die Wüste gezogen sein auf dem Weg ins Gelobte Land. Und 40 Tage nach der Auferstehung an Ostern feiert die Kirche Christi Himmelfahrt.

Die Sonntage sind als kirchliche Festtage von der Fastenzeit ausgenommen, ansonsten würde die Fastenzeit 46 Tage dauern.

Welchen Zweck hat die Fastenzeit?

Die knapp siebenwöchige Vorbereitung auf Ostern umfasst mehr als nur das Fasten. „Gebet, Zeichen der Nächstenliebe und Versöhnung sind weitere wesentliche Elemente“, sagt Manfred Nielen vom Erzbistum Hamburg. An Aschermittwoch und Karfreitag gilt das Fastengebot, kein Fleisch zu essen.

Heute steht beim Fasten bei vielen Menschen auch die individuelle Gesundheit im Vordergrund.

Worauf verzichten die Deutschen am häufigsten?

Bei einer repräsentativen Forsa-Umfrage für die DAK-Gesundheit gaben 67 Prozent an, am ehesten auf Alkohol und 66 Prozent auf Süßigkeiten verzichten zu können.

Kein Fleisch zu essen, kommt für 38 Prozent in Frage. Den Fernseher abschalten oder das Rauchen vorübergehend sein lassen würde jeder Dritte (33 bzw. 32 Prozent). Ein Verzicht auf Computer und Internet ist nur für 21 Prozent vorstellbar. Das Auto würden lediglich 15 Prozent stehen lassen.

„Auch wenn das Fasten nicht aus religiösen Gründen geschieht, kann es trotzdem sinnvoll sein“, sagt Manfred Nielen vom Erzbistum Hamburg. Die evangelische Kirche sieht dies genauso und animiert mit ihrer Aktion „Sieben Wochen Ohne“ jährlich Millionen Menschen zum Fasten.

Wie fasten die Christen?

Ursprünglich sahen die Fastenregeln nur eine volle Mahlzeit täglich vor, in der Regel am Abend. Fleisch, Milchprodukte, Eier und Genussmittel wie Süßigkeiten waren während der Fastenzeit streng verboten. Erst im 15. Jahrhundert wurde diese Regel von der Kirche gelockert, sodass Milchprodukte, aber auch Öl und Eier fortan verzehrt werden durften.

Heute werden die Fastenregeln von Gläubigen eher so ausgelegt, dass auf liebgewonnene Dinge und Gewohnheiten verzichtet werden soll. Ob es der Fleisch-, Alkohol- oder Süßigkeitenkonsum oder das Fernsehen ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Beim Fasten geht es darum, sich zu besinnen. Die Menschen sollen sich in der Fastenzeit auf das Wesentliche beschränken. Sie sollen nachdenken, ob sie richtig handeln und planen und versuchen, Gottes Willen zu erkennen.
 

In der evangelischen Kirche kommt der Fastenzeit eine geringere Bedeutung zu. Martin Luther stand dem Fasten kritisch gegenüber und betonte, dass nicht Gott die Fastenzeit vorschrieb. Dennoch empfahl er den Protestanten, sich in der Zeit vor Ostern mehr ihrem Glauben zuwenden und gute Taten zu vollbringen.

Wieso wechselt jährlich das Osterdatum und damit auch der Zeitraum der Fastenzeit?

„Ostern wird im Westen am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert“, sagt Manfred Nielen vom Erzbistum Hamburg.

Der Grund: Laut dem Neuen Testament war die Auferstehung Christi in den Tagen des vom Frühlingsvollmond abhängigen jüdischen Pessachfestes. Daher wurde im Jahr 325 festgelegt, dass Ostern am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling ist. Der früheste Ostersonntagstermin fällt damit auf den 22. März, der späteste auf den 25. April. 

Gibt es auch in anderen Religionen eine Fastenzeit?

Alle Religionen kennen Fastenzeiten. Im Islam gibt es den Fastenmonat Ramadan. Juden haben den Fastentag Jom Kippur.

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