Plastikverpackungen : EU geht gegen Müllflut vor

Müllsortierer in Shenyang: Ein Großteil europäischen Plastikmülls landete bislang in China. Damit ist nun Schluss.
Müllsortierer in Shenyang: Ein Großteil europäischen Plastikmülls landete bislang in China. Damit ist nun Schluss.

Weil China den Import einstellt, muss Europa gegensteuern. Jährlich 26 Millionen Tonnen Plastik-Abfall

von
17. Januar 2018, 12:00 Uhr

Frans Timmermans ist begeistert vom Lernerfolg seiner vier Kinder. Nur ein einziges Mal habe er ihnen erklärt, wie schädlich Plastikstrohhalme für die Umwelt sind. „Jetzt halten sie nach Papierstrohhalmen Ausschau oder nutzen gar keine“, sagte der Vizechef der EU-Kommission – und wünscht sich solchen Erfolg auch für seine gestern vorgestellte Strategie gegen Plastikmüll in Europa. Denn Timmermans ist sich sicher: „Wir werden im Plastik ersticken, wenn wir nichts dagegen tun.“

Den Zahlen der EU-Kommission zufolge fallen in Europa jährlich 26 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Nur knapp 30 Prozent davon werden zur Wiederverwertung gesammelt. Mit 37,4 Kilo pro Einwohner produziert Deutschland sechs Kilo mehr Plastikmüll als der EU-Durchschnitt.

Bislang exportieren die Mitgliedstaaten rund die Hälfte des eingesammelten und sortierten Plastikmülls ins Ausland, 85 Prozent davon nach China. Die Volksrepublik hat den Import von Plastikmüll zum Jahresanfang nun jedoch fast vollständig eingestellt. Die EU bleibt also auf einem Großteil ihres Abfalls sitzen.

In ihrer nun vorgestellten Anti-Plastik-Strategie setzt die EU-Kommission auf einen Mix aus wirtschaftlichen, freiwilligen und unterstützenden Maßnahmen. Brüssel hat bereits 250 Millionen Euro gegeben und verspricht bis 2020 weitere 100 Millionen für die Forschung. Abfallannahmestellen in Häfen sollen verhindern, dass der Müll über Bord gekippt wird. An Land will die Kommission EU-weit eine sortenreinere Sammlung von Kunststoffen voranbringen, denn damit wird die Verwertung einfacher und billiger.

Die Behörde schätzt, dass sich die Recyclingkosten um rund 100 Euro pro Tonne senken lassen. Das soll die Pläne auch der Plastikbranche schmackhaft machen, die europaweit 1,5 Millionen Menschen beschäftigt und 2015 rund 340 Milliarden Euro umsetzte. Das Beimengen von Mikroplastikpartikeln in Kosmetika und Waschmitteln soll künftig unterbunden werden. Zudem will die Kommission noch 2018 neue Regeln zur Vermeidung von Einmalgegenständen aus Plastik vorschlagen, also zum Beispiel Strohhalme, Einwegbesteck oder Deckel für Kaffeebecher. Von einer Plastiksteuer, wie sie jüngst EU-Finanzkommissar Günther Oettinger ins Spiel gebracht hatte, ist im jetzt vorgelegten Aktionsplan keine Rede.

Detlef Drewes

Kommentar: Kaufverhalten dringend ändern

Der Slogan „Jute statt Plastik“ samt Beutel ist noch in Erinnerung. Aus dem Vokabular politisierter Jugendlicher und Dritte-Welt-bewegter Christen war er in den 80er-Jahren nicht wegzudenken. Dennoch, trotz aller Konsumkritik verstärkte sich die Lust an der Wegwerfgesellschaft. Allein der private Verbrauch von Plastiktüten und -folien hat sich seit Anfang der 90er bis heute verdoppelt.

Unsere auf Wachstum fixierte Gesellschaft konsumiert nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. Tatsächlich ist die längst da – in Form von Plastikmüll, der Meere und Müllkippen überschwemmt. Dass Problem ist so drängend, das der Eingriff Brüssels gerechtfertigt ist. Wann, wenn nicht jetzt? Plastikmüll gefährdet Grundlagen unserer Existenz – zum Beispiel durch Mikropartikel im Nahrungskreislauf. Richtig gesetzte Anreize können Handel und Industrie helfen, Müll zu vermeiden.

Wo Selbstverpflichtung lahmt, muss die Politik nachhelfen. Am Ende aber hat es der Verbraucher in der Hand.

Thomas

Ludwig

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen