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Streitbar : ESC: Niemand hat uns lieb!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der ESC hat es wieder Mal gezeigt: Null Punkte für Deutschland. Obwohl wir uns doch so um den Titel der „humanen Großmacht“ bemühen, werden wir allenfalls respektiert. „Was läuft da schief in der deutschen Außenpolitik?“, fragt sich Wolfgang Bok.

svz.de von
erstellt am 30.Mai.2015 | 16:00 Uhr

Angela Merkel und Walter Steinmeier haben den vorletzten Samstagabend wohl kaum geopfert, um die Schmach für der deutschen Kandidatin beim Eurovision Song Contest (ESC) mitzuerleben. Schade eigentlich. Zumindest die Punktevergabe um Mitternacht wäre für die Kanzlerin und ihren Außenminister lehrreich gewesen: Kein einziges der immerhin 40 stimmberechtigten Länder vergab an Deutschland auch nur einen einzigen Punkt. Anne Sophie kehrt mit leeren Händen von Wien nach Hamburg zurück. Zero Points. Letzter Platz. Auf Augenhöhe mit Gastgeber Österreich! So eine Blamage musste die Bundesrepublik zuletzt in den 60er Jahren einstecken. Auch wer fest daran glaubt, beim ESC handele es sich um einen bedeutsamen Gesangswettbewerb, der nichts mit Politik zu tun hat, reibt sich verwundert die Augen. „Ein solches Desaster hat Ann Sophie nicht verdient,“, urteilen selbst jene Experten, die musikalischen Anspruch und Erfolg für vereinbar halten. Die Hamburgerin hat einen professionell durchkomponierten Popsong abgeliefert und brav auf Englisch gesungen. Doch selbst das seltsam deplatzierte Duo Electro Velvet aus England schnitt mit fünf mageren Punkten besser ab.

Dass beim ESC nationale Befindlichkeiten eine gewichtige Rolle spielen, zeigen die gegenseitigen Sympathiebekundungen der ehemaligen Sowjetrepubliken oder aus dem zerfallenen Jugoslawien. Man überhäuft die „Verwandten“ mit hohen Punktwerten. So errang die banale Ballade der Russin Polina Gagarina mit fünf Mal Gold (12 Punkte) und zehn Mal Silber (10 Punkte) 303 Punkte und musste sich erst im Schlussspurt mit Platz zwei geschlagen geben.

Wie aber ist zu erklären, dass dieses kriegerische, national-chauvinistische Russland fast das nächste ESC-Fest hätte austragen und weltweit für sich werben dürfen? Derweil das stets so hilfsbereite, verständnisvolle und friedliebende Deutschland nicht einen einzigen der möglichen 480 Punkte erhalten hat? Null Punkte für Deutschland: Das heißt, nicht einmal die Zuschauer aus jenen Ländern, die uns normalerweise wohlgewogen sind, spendeten uns ein Anstandspünktchen. Nein, nichts! Nicht einmal Mitleidskrümel für die vorbildliche Flüchtlingshochburg!

Und deshalb ist dieser Abstimmung eben doch ein politisches Gewicht beizumessen. Die historische Blamage einfach zu ignorieren oder gar als „Nuller-Erfolg“ zu karikieren, ist eben auch arrogant. Immerhin wächst die Zuschauerzahl von Jahr zu Jahr. Mit Australien ist mittlerweile ein neuer Kontinent dabei. Sogar das Riesenreich China hat sich mit der Übertragung eingeklinkt. Dass ein miserables Ergebnis einem Land, das sein Image als Marke pflegt, nicht gleichgültig ist, zeigt Frankreich: Weil das Erster-Weltkrieg-Gedenklied von Lisa Agnell nur magere vier Punkte einbrachte, fordert deren Produzent eine „ESC-Abstinenz“ für das Land. In Deutschland schiebt man die Pleite hingegen auf den Stimmenmodus, wonach jede Kleinstrepublik aus dem einstigen Sowjetreich genauso viele Stimmen hat wie das 82 Millionen Einwohner starke Deutschland.

Nur: Warum haben wir von diesen neuen Demokratien keinen Punkt bekommen, obwohl Deutschland doch zu deren maßgeblichen Förderern zählt, sei es über die EU oder durch direkte Finanzhilfe? Warum gelingt es der deutschen Politik nicht, diese Leistungen in Sympathie umzuwandeln? Was ist geblieben von den Fußball-Sommermärchen von 2006 und 2014, als die Welt angeblich anerkennend die neue deutsche Leichtigkeit bejubelt hat? Was hat sich seit 2010 verändert, als Lena Meyer-Landrut noch den ESC-Titel nach Hause brachte? War das Lied „Satelite“ wirklich um so viel überzeugender als „Black Smoke“ von Ann Sophie?

Wohl kaum. Gedreht hat sich die (politische) Stimmung. Deutschland ist nicht mehr „nur noch von Freunden umgeben“, wie wir uns nach dem Fall der Mauer selbstzufrieden eingeredet haben. Vielmehr schlagen uns heute wieder verstärkt Missgunst, Neid und Ablehnung entgegen. Was auf politischer Ebene noch diplomatisch austariert werden kann, bricht sich bei den direkten Befragungen Bahn. Das zeigt auch der Unterschied zu den Voten der Jurys: Die Fachgremien aus Frankreich, Tschechien, Belgien, Großbritannien, Israel und Finnland sahen den deutschen Beitrag immerhin noch unter den Top Ten. Nicht so die jeweilige Bevölkerung, deren Urteil mit jeweils 50 Prozent gewichtet wird. Insgesamt fällt Volkes Stimme in Europa für Deutschland ausgesprochen negativ aus. Daran gibt es nichts zu deuteln: Niemand hat uns wirklich lieb, um Guildo Horn zu bemühen, der 1998 immerhin noch ESC-Platz 7 holte.

Man darf dies durchaus auch als diplomatisches Versagen werten. Es gelingt der deutschen Politik nicht, die guten Taten entsprechend zu vermarkten. Stattdessen erteilt ein knorriger Finanzminister Lehrstunden, wie andere Länder gefälligst ihre Etats in Ordnung zu bringen haben, um wenig später dann doch neue Hilfskredite zu gewähren. Andere Länder verfahren gerade umgekehrt: Sie geben sich solidarisch – und sind beim Zahlen knausrig. Angela Merkel hat sich zwar den Ruf erworben, die Bestimmerin Europas zu sein. Dass es ihr aber nicht um Macht, sondern um das friedliche Miteinander und den Zusammenhalt der EU geht, ist der deutschen Regierungschefin zu vermitteln bislang nicht gelungen. Außenminister Steinmeier tritt allenfalls als rastloser Diplomat in Osteuropa oder anderen Krisenregionen in Erscheinung. Die Früchte ernten in der Regel andere. Der SPD-Mann ist dafür zu bescheiden. Von Nord bis Süd, von Ost bis West: überall herrscht Misstrauen gegenüber der deutschen Politik. Österreicher, Tschechen und Niederländer verübeln uns die neue Pkw-Maut; Franzosen, Spanier, Italiener und Griechen leiden unter dem „deutschen Spardiktat“; in Polen, Ungarn oder Tschechien gewinnt man mit antideutschen Parolen. Selbst zu den Konservativen Torys in London findet die CDU-Vorsitzende Merkel keinen Draht. Die Beziehungen zu Russland und den USA sind gleichermaßen auf einem Tiefpunkt. Überall wird ihr zwar die deutsche Wirtschaftskraft respektiert. Aber Freundschaft erwächst daraus nicht.

Den Wettbewerb um den Titel „Humanitäre Großmacht“ gewinnen hingegen haushoch die Schweden. ESC-Sieger Måns Zelmerlöw ist dafür der geeignete Repräsentant. Die sentimentale Strichmännchen-Performance des Frauenschwarms eckt so wenig an wie die vermeintlich neutrale Stockholmer Außenpolitik, die gerne auf dem moralischen Hochsitz Platz nimmt. Nur kann sich die Mittelmacht Deutschland so viel Geschmeidigkeit nicht erlauben. Von Berlin wird Führung, ja, mitunter auch robuste Interessenvertretung erwartet. Das wird nicht mit Sympathie gedankt. Aber mit Respekt. Zumindest, wenn diese Geradlinigkeit nicht als Bevormundung – mal öko-sozial wie bei der eigenmächtigen Energiewende, mal streng ökonomisch wie bei der Euro-Rettungspolitik – daherkommt. Sollte der ESC 2015 für die deutsche Politik Anstoß sein, sich endlich ehrlich zu machen, wären sogar null Punkte ein großer Gewinn.

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