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Geschichte des Staubsaugers : Es saugt und bläst der Heinzelmann

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ohne ihn läuft beim Frühjahrsputz gar nichts: Was heute der vollautomatische Saugroboter so ganz nebenbei erledigt, war früher eine echte Tortur, denn die ersten Staubsauger waren große und schwere Ungetüme, die oft nur zu zweit bedient werden konnten. Ein Überblick über den rasanten Aufstieg des Haushaltshelfers.

svz.de von
erstellt am 11.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Der Frühjahrsputz steht vor der Tür: Was heute der vollautomatische Saugroboter so ganz nebenbei erledigt, war früher eine echte Tortur. Der gute alte Besen wurde nämlich im Laufe der Industrialisierung immer öfter vor eine ernstzunehmende Herausforderung gestellt: den Teppich. Dieser erwies sich zwar als wahrer Staubmagnet, aber leider ließ sich der Staub nicht mal eben so wegfegen, da er tief in das Gewebe eindrang. Teppichklopfer waren da nur bedingt eine Lösung, denn wer kein Hausmädchen hatte, musste den beim Klopfen reichlich freigesetzten Staub selber einatmen. Etwas anderes musste also her.

Teppich-Renovierer mit Zugpferd

Die Zeit schien reif für John S. Thurmans „pneumatischen Teppich-Renovierer“, für den er 1899 ein Patent erhielt. Leider erwies sich der verwendete Benzinmotor als derart schwer, dass sich der monströse Apparat nur mit einem Pferd über größere Distanzen bewegen ließ. Für den dritten Stock war das Ganze dann doch ein wenig zu unhandlich. Allerdings hatte der geniale Erfinder auch schon eine Lösung für dieses Problem parat. Er versah seinen „pneumatischen Teppich-Renovierer“ kurzerhand mit meterlangen Schläuchen, die nun ganz leicht von der Straße aus durch das geöffnete Fenster ins Innere der Gebäude verlegt werden konnten.

Dummerweise saugten diese Schläuche den Staub nicht einfach auf. Thurman setzte im Gegenteil vielmehr auf Druckluft, die er durch die Schläuche in die Häuser blasen ließ. Dort angekommen wurde der Luftstrom auf den Teppich losgelassen und versuchte in einem Handteil, das schon sehr an heutige Staubsauger erinnerte, ein Vakuum zu erzeugen. Der Erfolg war, nun ja, durchwachsen, könnte man sagen. So richtig ausgereift schien diese Idee also noch nicht zu sein, meinte zumindest Herbert Cecil Booth, der Augenzeuge einer Vorführung des Gerätes in London wurde. Seiner Meinung nach wäre es effektiver, den Staub direkt aufzusaugen, anstatt ihn erst einmal durch die Gegend zu pusten.

Booth setzte bei seiner Erfindung also von Anfang an auf das Vakuum, das den Staub direkt durch die Schläuche saugen sollte. Das war an sich auch gar keine schlechte Idee, nur der ebenfalls verwendete knatternde und qualmende Benzinmotor und natürlich das zum Transport notwendige Pferdefuhrwerk sorgten auf den Straßen für lange Schlangen von Schaulustigen und verursachten ein Verkehrschaos nach dem anderen. Das nahm bald derart Überhand, dass Booth einem geplanten Gesetz, das derartige Höllenmaschinen verbieten sollte, 1906 zuvor kam, indem er seinen Staubsauger kurzerhand fest in die Gebäude installierte. Der Motor fand nun im Keller Platz, während die Schläuche tief in die Wände eingelassen wurden.

In den USA hat sich diese Idee bis heute gehalten, allerdings nicht für Otto Normalstaubsauger. Für den kleinen Frühjahrsputz zwischendurch gab es längst bessere Erfindungen. Schon 1860 hatte sich Daniel Hess seinen „Teppichkehrer“ mit dem US-Patent 29,077 schützen lassen. Dieser setzte zwar schon erfolgreich auf den Unterdruck zum Aufsaugen des Staubes, musste jenen allerdings noch mit einem Blasebalg erzeugen, weil ihm schlicht und einfach der Motor fehlte.

Da zu dieser Zeit die Elektrizität noch kein Thema war und erst recht nicht die Elektrifizierung der Städte und Häuser, war das gar nicht einmal so eine schlechte Idee. Bei Ives W. McGaffeys Modell „Wirbelwind“ von 1869 konnte der Unterdruck schon mit einer schicken Handkurbel fabriziert werden, was allerdings den Nachteil hatte, dass das Ganze dadurch etwas unhandlich wurde.

Ein Job für Zwei

Kein Wunder also, dass für Harveys „pneumatische Staub-Maschine“ von 1893 und viele andere Modelle der Zeit die Zwei-Personen-Bedienung empfohlen wurde, was allerdings bei einem Gewicht von mehreren Dutzend Kilogramm ohnehin ratsam erschien. Für ihr beachtlich hohes Gewicht legten viele der frühen Reinigungsgeräte übrigens eine erstaunliche Ineffektivität an den Tag.

Erst Anna und Melville Bissell gelang es 1876, mit ihrem „Teppichkehrer“ ein Modell vorzustellen, dass Zeitzeugen zufolge erstmals mehr Staub aufnahm, als es aufwirbelte. Das sollte sich für die beiden auszahlen, verkauften sie ihren „Teppichkehrer“ doch bald so gut, dass „bisselling“ im englischsprachigen Raum bis heute synonym für das Staubsaugen an sich steht.

Leichter wurde der Frühjahrsputz aber erst mit der Einführung des Elektromotors um die Jahrhundertwende herum – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. 1905 machte der mit seinen 20 Kilogramm für damalige Verhältnisse federleichte elektromotorgetriebene „unschlagbare Renovierer“ von Dr. William Noe von sich Reden. Die zunehmende Elektrifizierung der Städte und Häuser sorgte dafür, dass den Erfindern und Herstellern ein Licht aufging und so etwas wie eine Art Goldgräberstimmung ausbrach, denn wer wollte schließlich von dieser Zukunftstechnologie angehängt werden?

Bald war so ziemlich alles erfunden, was auch heute noch im Staubsauger steckt: 1906 setzte James B. Kirby auf relativ effiziente Wasserfilter, 1908 erhielt James Murray Spangler ein Patent für sein besonders leichtes Modell mit rotierenden Bürsten für festsitzenden Schmutz. Ja, sogar die Ratenzahlung war für die teuren Gerätschaften entdeckt, ebenso wie der schöne Beruf des Staubsaugervertreters.

Die Werbeindustrie kümmerte sich nun auch immer öfter um eine professionelle Vermarktung, wobei so wunderhübsche Namen wie „Puffing Billy“ („Schnaufender Billy“), „Filter Queen“ („Filter-Königin“) oder „Vampyr“ („Vampir“) herauskamen, später auch „Commander“ („Kommandant“) und „Rocket Tank Cleaner“, wobei letzter laut Eigenwerbung gar „so modern wie eine Rakete“ sein sollte. Und mal ganz ehrlich: Wer gerät bei der schönen Bezeichnung „Vakuum Entstaubungsmaschine System Borsig“ nicht augenblicklich ins Schwärmen?

Ein Problem gab es dann aber doch noch zu lösen: Wohin mit all dem Staub? Klassische Staubsaugerbeutel hatten den großen Nachteil, dass sie die Saugkraft immer mehr einschränkten, je voller sie wurden, da die Luft praktisch durch sie hindurchgesaugt wurde. Die Stunde des Zyklon-Staubsaugers war gekommen. Schon Kirby hatte die Nutzung der Zentrifugalkraft angestoßen, John W. Newcombe (1922), Rexair (1936) und fast fünfzig Jahre später auch James Dyson griffen die Idee wieder auf. Versetzte man die einströmende Luft nämlich in eine Drehbewegung, so schleuderte die Fliehkraft die relativ schwereren Staubpartikel quasi aus dem Saugstrom heraus nach außen in einen Auffangbehälter hinein, der so ganz ohne Staubbeutel auskam.

Den Erfindern gefiel diese Idee nun allerdings sehr viel besser als den Herstellern von Staubsaugerbeuteln, die dabei selber ganz schön ins Rotieren kamen, sahen sie doch ihren schönen Markt bedroht. Auch ein anderes Staubsaugermodell wurde nicht von jedem gleich so euphorisch willkommen geheißen, wie von dem amerikanischen Erfinder, Alex Lewyt, der 1955 voller Zuversicht ankündigte, schon „in zehn Jahren könnte der nukleargetriebene Staubsauger Realität sein“.

Für Asthmatiker und Tierfreunde

Der kam dann doch nicht, dafür aber die Globalisierung, die ab den 1970er Jahren immer häufiger die Preise purzeln ließ. Neue Materialien wie Plastik erleichterten das Staubsaugen im wahrsten Sinne des Wortes, aufladbare Akkumulatoren machten den Frühjahrsputz mobiler. In den 1980er und 90er Jahren optimierte der Computer zunehmend die Herstellungsprozesse, die letzten Marktlücken rund um Asthmatiker, Haustierbesitzer und andere Verbraucher mit speziellen Wünschen wurden nach und nach geschlossen.

In den 1990er Jahren begannen dann die Staubsaugerroboter wie der „Trilobite“ einen Trend zu setzen, der bis heute anhält. Aktuell wieseln die kleinen autonomen Saugroboter ja wie selbstverständlich durch die gute Stube. Die guten alten Heinzelmännchen scheint heute also niemand mehr zu brauchen, außer im Sketch vielleicht, bei Loriot: „Es saugt und bläst der Heinzelmann ...“

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