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Stalking : „Er wollte mir alles nehmen, was mir wichtig ist“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Er veröffentlichte intime Fotos von ihr, verleumdete und bedrohte sie: Eine Internet-Bekanntschaft machte Melanie H. das Leben zur Hölle. Unterstützung bekam die junge Frau vom Weißen Ring

svz.de von
erstellt am 25.Sep.2016 | 08:00 Uhr

Langsam lässt sie nach. Fällt von ihr ab, löst sich auf. Die Angst, die Melanie H.* noch bis vor kurzem ständig begleitet hat. Irgendwann wird dieses Gefühl ganz verschwunden sein, hofft die junge Frau. Doch noch ist es nicht soweit. „Manchmal, wenn ich draußen unterwegs bin oder auf mein Handy gucke, kriege ich immer noch dieses mulmige Gefühl. Ob er da vielleicht irgendwo ist, oder ob er wieder was online gestellt hat.“ Er, das ist der Mann, den sie bei ihrer ersten Begegnung „super sympathisch“ fand. Und der ihr anschließend über Wochen und Monate demonstrierte, wie es sich anfühlt, nicht mehr zu Hause zu sein im eigenen Leben.

Kennengelernt hatte Melanie H. ihn über eine Dating-App, nach einem halben Jahr als Single. Sie ist 28, eine hübsche Frau mit dunklen Haaren und blauen Augen. Mit ihrem dreijährigen Sohn lebt sie in einem kleinen Dorf am Nord-Ostsee-Kanal. Der Mann stellt sich ihr als Krankenpfleger vor, 38 Jahre alt, Motorradfahrer. Die beiden kommunizieren über Whatsapp und Facebook. Nett sei er rübergekommen. Selbstbewusst, solide. Beim ersten Treffen bestätigt sich der positive Eindruck. Die beiden verabreden sich häufiger, Melanie H. lädt Frank M.* in ihre Wohnung ein.

Aber schon bald schlägt ihre Sympathie in Befremden um. Er habe eine schicke Wohnung, Konten in der Schweiz, sei Eigentümer eines Ladens – und „Präsident“ bei den Hells Angels, erzählt er. Wohnung und Laden bekommt Melanie H. nicht zu sehen. Genauso wenig sein Motorrad, das ihr neuer Bekannter auf seiner Facebook-Seite präsentiert: eine italienische Maschine, die mehrere 100  000 Euro kostet. „Ich hatte ziemlich schnell das Gefühl, dass er nur lügt.“

Frank M. wird ihr unheimlich. Als er Sex möchte, weist sie ihn ab. Er bricht in Tränen aus. Und klingelt nachts Sturm an ihrer Tür. Beim nächsten missglückten Annäherungsversuch packt er sie am Genick, stößt sie gegen ihren Küchentresen. Auf seiner Facebook-Seite bezeichnet er Melanie H. als „meine große Liebe“, postet Lieder, in denen es um Selbstmord aus verschmähter Liebe geht. Sie beendet die Bekanntschaft, drei Wochen nach der ersten Begegnung.

Aus der großen „Liebe“ wird Hass – innerhalb von Stunden. Einem früheren Partner hatte Melanie H. erlaubt, Nacktfotos von ihr zu machen. Die Beziehung endete im Streit. M. besorgt sich die Bilder vom Ex – und veröffentlicht sie auf Facebook. Flankiert von Hass-Texten. „Jetzt kann jeder sehen, was Du für eine Schlampe bist“, schreibt er.

„Ich war total geschockt und konnte das zuerst gar nicht glauben“, erzählt sie. „Der Gedanke, dass Tausende von Leuten das jetzt sehen können – ich fühlte mich wie an den Pranger gestellt. Missbraucht. Entwürdigt.“ Parallel terrorisiert M. sie mit Anrufen und Handy-Nachrichten. Melanie H. ist das Opfer eines Stalkers geworden.

Stalking (englisch für „sich anschleichen, anpirschen“) – davon sind fast zwölf Prozent aller Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens mindestens einmal betroffen, besagt eine Studie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim. 80 Prozent der Opfer sind Frauen, die Täter meistens männlich. 2015 wurden bundesweit 19  704 Fälle in der Kriminalstatistik der Polizei registriert. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 394. Die Dunkelziffer ist viel höher, sind Experten von Beratungsstellen und Verbänden überzeugt.

„Beim Stalking geht es fast immer um Macht, um Rache oder Liebessehnsüchte“, sagt Uwe Rath, Mitglied im Bundesvorstand des „Weißen Rings“ und pensionierter Kriminalhauptkommissar. Stalker haben häufig eine verzerrte Wahrnehmung, wollen Macht und Kontrolle über ihr Opfer. In vielen Fällen wird der Terror vom ehemaligen Lebenspartner ausgeübt, der seinem Opfer durch ständiges Anrufen, Auflauern und Bedrohungen das Leben zur Hölle macht. Oft sind Stalker narzisstisch gestörte Persönlichkeiten, die ihre Selbstunsicherheit zu überspielen versuchen. Sie präsentieren sich als stark und mächtig – und genießen es, wenn ihr Opfer sich fürchtet.

Die virtuelle Variante – das Belästigen, Bedrohen, Verfolgen eines Menschen mittels elektronischer Medien – bezeichnen Fachleute als Cyberstalking oder Cybermobbing. Smartphones und Tablets ermöglichen Terror rund um die Uhr; die Anonymität im Netz verringert das Entdeckungsrisiko, die Hemmschwelle sinkt. Genaue Zahlen seien zwar schwer zu benennen. Fest stehe jedoch, dass die Zahl der Fälle zunimmt: Internetmobbing habe sich in den vergangenen Jahren „wie ein Virus verbreitet“, sagt Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender beim Bündnis gegen Cybermobbing. Und längst seien nicht mehr nur Jugendliche, sondern immer häufiger auch Erwachsene betroffen.

Frank M. beschränkt sich nicht auf das Digitale. Er nimmt persönlichen Kontakt auf: zu Melanie H.s Ex-Freunden, zu Verwandten. Er besucht den Vater ihres Sohnes und ihren zukünftigen Arbeitgeber, bei dem sie in diesem Herbst eine Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin beginnen wird. Dort verleumdet er die alleinerziehende Mutter als Alkoholikerin, Drogensüchtige und Prostituierte. Fremde Männer melden sich bei ihr, wollen sie „buchen“: Ihr Stalker hat die Nacktfotos auf einem Sex-Portal im Internet veröffentlicht – und den Link dorthin auf Facebook gepostet.

Gleichzeitig hält er sein Opfer über seine Aktivitäten auf dem Laufenden: Beim Jugendamt bezichtigt M. die junge Mutter, ihren Sohn zu misshandeln – und schickt ihr ein Foto von sich vor dem Eingang der Behörde, mit ausgestrecktem Mittelfinger. „In dem Moment bin ich total zusammengebrochen“, erzählt die 28-Jährige. „Er wollte mir alles nehmen, was mir wichtig ist. Er wollte mich kaputtmachen.“

Todesdrohungen markieren schließlich den Gipfel der verbalen Gewalt. M. postet ein Foto von sich, mit einer Waffe in der Hand. „Ich komme mit einigen Leuten vorbei“, schreibt er dazu. „Ich mache Dich platt.“

Melanie H. geht zur Polizei, erstattet Anzeige. Bei Gericht erwirkt sie eine einstweilige Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz: H. darf sich ihr bis auf 50 Meter nicht mehr nähern und keinerlei Kontakt zu ihr aufnehmen; die kompromittierenden Fotos müssen gelöscht werden. Die hat ihr Peiniger jedoch längst weitergeleitet, in den folgenden Wochen tauchen die Bilder immer wieder im Internet auf. Angebliche Freunde springen auf den Mobbing-Zug auf – zu verlockend ist die Gelegenheit, im Schutz der Netz-Anonymität nachzutreten.

Melanie H. ist seelisch „am Ende“. Sie weint viel und schläft kaum noch, nachts lässt sie das Licht brennen, um sich sicherer zu fühlen. Gleichzeitig versucht sie stark zu sein, sich zusammenzureißen: Ihr kleiner Sohn soll nicht merken, wie schlecht es seiner Mutter geht. Die Wohnung verlässt sie nur noch, um mit ihm auf den Spielplatz oder zum Einkaufen zu gehen.

Zur Seite stehen Melanie H. in dieser „schlimmsten Zeit“ ihres Lebens ihre Familie und gute Freunde. Und der Weiße Ring: Eine Anwältin stellt den Kontakt zu Angelika Leitzbach her, ehrenamtliche Opferbetreuerin des Vereins. „Sie ist immer für mich da, persönlich oder auch am Telefon“, erzählt Melanie H. Sie ist dankbar für die Gespräche, in denen sie von ihrem Horror erzählen kann, ohne damit ihr nahestehende Menschen noch weiter zu belasten.

„Einfach da zu sein für die Opfer, das ist das Wichtigste an unserer Arbeit“, sagt Angelika Leitzbach. Denn viele hätten niemanden, mit dem sie das Erlebte verarbeiten oder konkrete Schritte planen könnten. „Wir begleiten sie so lange, wie sie uns brauchen“, betont Angelika Leitzbach. „Zeit – Zuhören – Zuwendung“ laute das Motto ihrer ehrenamtlichen Arbeit, ergänzt Uwe Rath (76). Er engagiert sich seit 16 Jahren beim Weißen Ring. Dem Opfer einer Gewalttat das Gefühl zu vermitteln, nicht mehr allein zu sein mit seinem Schicksal, darum gehe es. Eine Aufgabe, die Rath als „erfüllend“ empfindet – und die heute noch genauso wichtig sei wie zu Zeiten der Gründung des Weißen Rings vor 40 Jahren.

Mit Melanie H. bespricht Leitzbach den voraussichtlichen Ablauf der Anhörung bei Gericht, die bereits terminiert ist. Melanie H. hat Angst, ihrem Stalker dort gegenübertreten zu müssen. Doch dazu kommt es nicht: Inzwischen hat es bereits eine Gerichtsverhandlung gegeben – gegen Frank M. waren gleich mehrere Strafverfahren anhängig, wegen verschiedener Delikte. Melanie H. ist nicht sein einziges Stalking-Opfer gewesen, erfährt sie. Eine der Frauen hatte er sogar mit einer Schere attackiert. Ob ihr eigener Fall überhaupt noch zur Verhandlung kommen wird, weiß Melanie H. nicht. Doch sie weiß: Ihre Internet-Bekanntschaft wird knapp sechs Jahre im Gefängnis bleiben. Vor wenigen Wochen hat er seine Haftstrafe angetreten.

„Ich bin einfach nur froh, dass er weg ist“, sagt Melanie H. heute. Statt Angst und Ohnmacht fühlt sie seitdem vor allem Erleichterung. Doch sie weiß auch: „Die Bilder bleiben immer da. Die im Internet vielleicht, die in meinem Kopf auf jeden Fall. Das, was mir passiert ist, wünsche ich niemandem.“

*Namen geändert


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