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Der Traum vom ewigen leben : Endlich unsterblich

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Es gilt als ein Menschheitstraum, unbegrenzt zu leben. Doch wäre es überhaupt erstrebenswert, keinen natürlichen Tod mehr fürchten zu müssen? Eine – zugegeben – ziemlich wilde Spekulation.

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erstellt am 13.Nov.2016 | 08:00 Uhr

Methusalem, im Alten Testament einer der Urväter aus den Zeiten vor der Sintflut, wurde angeblich 969 Jahre alt und gilt als ältester Mensch, den die Bibel erwähnt. Sein Enkel Noah war auch kein Frischling mehr, als er die Arche zimmerte. Die große Flut schwoll in seinem 600. Lebensjahr an, was nicht verhindern konnte, dass Noah noch weitere 350 Jahre auf Erden weilte. Sollten wir noch Sterbliche uns ein derart langes Leben wünschen, notfalls auch nur schnöde hundert oder zweihundert Jahre mehr – ermöglicht vom medizinisch-technischen Fortschritt?

Vergreisung Dann jedoch würden nicht nur die Menschen immer betagter werden, sondern auch die Gesellschaften noch stärker vergreisen als heute schon. Allein wirtschaftlich wirft dieser Trend schon jetzt Risiken auf – freilich auch Chancen. Alt zu werden, heißt ja nicht gleich, auch hinfällig zu sein, und immer mehr Unternehmen erkennen, wie wichtig erfahrene Mitarbeiter sein können. Könnten uns Medizin, Technik und Genetik zu einem viel längeren oder potenziell unendlichen Leben verhelfen, stünde die Menschheit noch vor ganz anderen Problemen: Nicht das geringste wäre, wie sich der stete Zuwachs an Erdenbürgern ernähren ließe, wo sie leben sollten und von welchen Rohstoffen sie ihr Leben bestreiten könnten. Doch weitaus weniger diskutiert worden sind bisher andere Fragen.

Lebensangst Es war der Mediziner und Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth (1921 –1989), der in einer seiner TV-Sendungen aus der Reihe „Querschnitte“ darüber spekulierte, welche Folgen Unsterblichkeit auf unser Verhalten und unsere Einstellung zum Leben haben könnte. Sinngemäß vertrat Ditfurth die Ansicht, wer nicht mehr durch eine Krankheit oder das Altern sterben könne, sehr wohl aber noch durch einen Unfall, im Krieg oder beim Bergsteigen, der werde kaum noch körperliche Risiken eingehen und am liebsten in seiner Wohnung hocken bleiben. Die Begründung des Neurologen und Psychiaters: Während ein heute lebender, risikofreudiger 35-Jähriger allenfalls etwa vierzig weitere Lebensjahre aufs Spiel setzte, wenn er unvorsichtig eine Straße überquerte oder einen Achttausender bestiege, würde einem Unsterblichen der Verlust einer halben Ewigkeit drohen. Und das wöge enorm schwer.

Genauso sehen es die die US-Sozialpsychologen Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski. In ihrem Sachbuch „Der Wurm in unserem Herzen – Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst“, urteilen sie: „Bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, ist schon heute tragisch, weil einem womöglich Jahrzehnte verloren gehen. Aber weit übler wäre es für Wesen, vor denen eine unabsehbare, womöglich unendliche Lebenspanne liegt.“ Es entbehre nicht der Ironie, „dass in einer Welt, in der der Tod nicht unausweichlich ist, die Angst vor dem Tod nicht ab-, sondern zunehmen würde.“

Kriegsgefahren Das hätte immerhin ein Gutes: Wahrscheinlich wäre es dann auch für Kriegstreiber viel schwerer, genügend Soldaten oder Söldner für seine Allmacht- oder Rachephantasien anzuwerben – auch wenn man da nicht überoptimistisch sein sollte. Denn in einer Welt der Uralten oder Unsterblichen würde es vermutlich noch sehr viel mehr Hunger sowie Zwist um Rohstoffe und Lebensraum geben als heute – und mehr verzweifelte Hungerleider, die Leib und Leben für ein paar Kröten zu verkaufen bereit wären, ganz gleich wie viele Lebensjahre sie dafür riskieren. Denn Hunger plagt jetzt, nicht erst in 1000 Jahren. Doch in allen anderen Fällen würde unser vor allem in Deutschland gewaltiges Sicherheitsbedürfnis wohl dazu führen, dass wir uns kaum noch auf die Straße trauten. Welcher Vater ließe seine zehnjährige Tochter noch auf einen Baum klettern; welche Mutter ihren halbwüchsigen Sohn am Bungee-Seil in die Tiefe springen oder in feuchtkalten Winternächten auf dem Moped zur Disko fahren? Es stimmt: Auch womöglich 70 Jahre zu verlieren, ist eine persönliche Katastrophe. Doch um wie viel schwerer müsste ein verlorenes Jahrtausend wiegen? Je länger unser Leben währen kann, umso eher dürften wir uns daran festklammern. Mutig macht Unsterblichkeit nicht. Eher würde ein Volk von Angsthasen aus uns – oder zumindest ein noch schlimmeres, als wir es in unserer Vollkasko-Mentalität jetzt schon sind. Doch das wäre noch längst nicht alles.

Fortschritt Während man heute als 35- bis 45-Jähriger schon Mühe hat, die elektronisch aufgerüstete Lebenswirklichkeit seiner Neffen und Nichten – und jene seiner Kinder – zu verstehen, gelingt dies vielen Großeltern noch weniger. Und diese Kluft würde sich gewaltig verschärfen, müsste ein 170-Jähriger sich Gedanken machen, was er seiner 13-jährigen Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin schenken könnte. An 1000 Jahre Lebenserfahrung, die es zu überbrücken gälte, wollen wir gar nicht denken.

Selbst wenn uns der medizinisch-technische Fortschritt rüstige und gedanklich fixe 360-Jährige bescheren könnte: Einfacher dürfte das Verständnis der Generationen untereinander in einer Welt der Unsterblichen wohl kaum werden. Und aus dem Verständnis füreinander leitet sich das Verhältnis zueinander ab. Zwar wird aller Voraussicht nach der ebenso alberne wie wirtschaftlich törichte Jugendwahn unserer Tage bald der Vergangenheit angehören. Aber den Respekt der vergleichsweise noch Jüngeren für die Ur-Uralten der hier einmal angenommenen Welt von übermorgen würde das nicht steigern – im Gegenteil. Auch ein 250-Jähriger könnte ja im Rollstuhl sitzen oder zumindest langsam umherschlurfen müssen, weil er zwar nicht sterben beziehungsweise ans Bett gefesselt dahinsiechen müsste. Doch springfidel und geistig auf Zack braucht man sich die Greise in einer Welt, die den Tod besiegt hat, nicht vorzustellen.

Und selbst wenn es so wäre – vielleicht ja dank eines vollautomatisch bewegten, stützenden Außenskeletts –, und selbst wenn das degenerative Altern des Gehirns gestoppt werden könnte: Wenn heute schon so manche Zwanzigjährige ihre 80 Jahre alten Großeltern links liegen lassen (oder diese ihre Enkel!), dann liegt die Lösung für dieses soziale Problem sicher nicht in einem kolossalen Altersunterschied. Denn es dürften sich kaum genug Arbeitsplätze finden lassen für Menschen, die vor Jahrhunderten geboren wurden – weshalb auf einem Planeten mit unsterblichen Menschen die Lebenswelt der sehr Alten mit der Arbeitswelt der recht Jungen eher noch weniger miteinander zu tun haben dürften als heute schon. Falls in so einer Welt überhaupt noch im heutigen Sinne für den Broterwerb gearbeitet würde.

Vorsorge Zumindest würde sich die Frage stellen, für welches Alter man durch Erwerbsarbeit noch vorsorgen sollte. Ein typisches Rentenalter von etwa 65 bis 80 Jahren gäbe es dann ja nicht mehr. Wozu also noch „fürs Alter“ sparen? Und wozu noch Lebensversicherungen abschließen, die man sich später auszahlen lassen kann? Ganz abgesehen davon, dass sich solche ohnehin niemand mehr aufbürden würde, weil die Jahresprämien geradezu brutal hoch wären, wo Hinterbliebene quasi ewig zu versorgen wären.

Nein, es käme anders: Da es keinen planbaren – und schon gar keinen von der Allgemeinheit finanzierbaren – Ruhestand mehr gäbe, müssten alle Bundesbürger fortwährend Geld verdienen. Allmählich das angesparte Geld auf Kinder und Enkel umzuschichten, wird nicht mehr möglich sein. Man könnte es ja in 300 Jahren selber benötigen. Wo keine eines natürlichen Todes Gestorbenen zu beklagen sind, wird es auch weder reiche Erbtanten geben, noch gierige Erben – oder nur wenige. Man müsste auf einen Unfall des älteren Verwandten hoffen oder – nun ja – selber nachhelfen. Doch auch das stünde als kriminelle Variante des Vermögenszuwachses nur der nächstjüngeren Generation als Chance offen: Ein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel hätte lange zu warten, bis er als Erbe an der Reihe wäre. Oder sähe sich gezwungen, zum Serienmörder zu werden und müsste hoffen, dass sich die Kripo der Zukunft beim Ermitteln sehr viel dümmer anstellt, als es die Polizei erlaubt. Vielleicht also sollten wir lieber sterblich bleiben – und obendrein nicht zu alt werden. Sonst weint uns am Ende gar keiner mehr nach.

 

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