Höhlen : Ein Ausflug in die Unterwelt

Höhlenforscher Peter Forster klettert durch den Herz-Canyon in der Wendelsteinhöhle.
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Höhlenforscher Peter Forster klettert durch den Herz-Canyon in der Wendelsteinhöhle.

Seit Zehntausenden von Jahren zieht es Menschen in Höhlen. Ging es am Anfang der Menschheit um Schutz und Überleben, dominiert heute der Entdeckergeist

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21. September 2017, 21:00 Uhr

Sand bedeckt den Höhlenboden. Wasser tropft von oben herab, es hat kleine Kuhlen und an manchen Stellen winzige Tropfsteine gebildet. Einer aus der Gruppe setzt den Fuß in den Sand - sein Abdruck ist der wohl allererste hier unten: ein komisches Gefühl, erhebend und traurig zugleich. Denn der über Jahrtausende gewachsene, unberührte Zustand ist damit zerstört.

Ein halbes Dutzend erfahrene Bergführer sind mit Seilen, Klettergurten, Helmen und Haken losgezogen, um diese noch namenlose, bisher unbekannte Höhle am Fuße des Vulkans Lanin in den chilenischen Anden zu erkunden. Sie liegt an der Grenze zu Argentinien. Nun stehen sie nach nur einer halben Stunde einfachen Fußmarsches am Ende der Lavaröhre.

ENTDECKERGEIST

Höhlen locken Menschen seit jeher an. Suchten unsere Vorfahren dort Schutz, so treiben Höhlenforscher heute Neugier, Abenteuerlust und Entdeckergeist. Bergsteiger wetteifern um die Erstbesteigung der höchsten Berge und schwierigsten Wände. Dabei ist heute auf der Erdoberfläche fast jeder Berg erklommen. In der Tiefe jedoch existieren weiter Gegenden und Landschaften, die noch nie ein Mensch gesehen hat.

Erstbegehungen von Höhlen faszinieren Neugierige rund um den Globus. „Immer wieder neue Hallen, neue Gänge finden. Die Unberührtheit in einer Höhle, das Ungewisse – was erwartet uns hinter dem Schein der Lampe oder nach der nächsten Stufe? Das ist die Faszination“, sagt der Münchner Höhlenforscher Peter Forster. „Das ist der Motor für unsere Leidenschaft.“

VIELE HÖHLEN SIND BIS HEUTE UNERFORSCHT

Höhlen gibt es schließlich weltweit. Manche sind durch Gesteinsbewegungen oder Erosion entstanden. Andere haben sich zeitgleich mit dem Gestein, das sie umgibt, gebildet – wie die Lavahöhle am Lanin. Die meisten der Gewölbe und Gangsysteme entstehen durch die Kraft des Wassers im löslichen Untergrund.

Alleine in den Alpen sind Tausende von Höhlen bekannt. Und viele liegen noch in den Bergmassiven verborgen. Manchmal sehen Entdecker nur ein unscheinbares, zugewuchertes Loch. Und lediglich das geübte Auge erkennt, dass sich dahinter womöglich ein riesiges unterirdisches Labyrinth versteckt.

Nicht zuletzt der Klimawandel öffnet neue Zugänge, die bisher mit Eis verschlossen waren. Zugleich lassen sich Höhlen als Klimaarchive lesen, wie Bärbel Vogel, Vorsitzende des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher, erzählt. Denn Tropfsteine und Höhleneis konservieren die Spuren des Klimageschehens der vergangenen Jahrtausende.

„DIE HÖHLE LEBT“

Für Bärbel Vogel sind die unterirdischen Hallen und Tunnel deshalb nichts Statisches. Sie verändern sich ständig. Wasser sucht sich neue Wege –- und bildet damit neue Gänge. Eis wächst oder schwindet. „Die Höhle lebt. Sie bildet sich ständig - und vergeht“, schwärmt Vogel.

Vor einiger Zeit drang Höhlenfan Peter Forster mit Freunden tiefer als je zuvor in ein Gewölbe im Lattengebirge in den Berchtesgadener Alpen vor. Das Eis hatte sich zurückgezogen und einen Zugang geöffnet. Zwischen Eissäulen schlängelten sich die Forscher durch, seilten sich über einen Eisfall hinunter – und standen plötzlich in einer bläulich schimmernden, mit Eis noch immer weit zugewachsenen Halle.

Sie sahen: Danach folgt eine weitere Halle. Doch sie ist noch voll Eis. Endstation. Vorerst. „Kann sein, dass die Halle mit der Klimaerwärmung irgendwann aufgeht“, sagt Forster. Klar, dass der 51-Jährige zurückkehren wird – um ein Stück tiefer vorzustoßen ins Unbekannte.

TOUREN IN SCHAUHÖHLEN SIND BELIEBT

Einen Beruf „Höhlenforscher“ gibt es allerdings gar nicht. Vielmehr versuchen begeisterte Hydrogeologen, Biologen, Paläontologen, Geologen und Archäologen, den Geheimnissen unter der Erde auf die Spur zu kommen. An Universitäten fristet der Bereich in den Fakultäten oft ein Randdasein. Vielfach haben sich so Hobbyforscher als Experten etabliert.

Geforscht wird in Deutschland etwa in der Wendelsteinhöhle bei Bayrischzell. Das Labyrinth der Gänge des 1836 Meter hohen Berges ist schon lange bekannt. 573 Meter weit und 106 Meter tief sind die Experten darin schon vorgedrungen. Außerdem führen Forster und seine Kollegen auch völlige Neulinge in die Höhle in Oberbayern. Denn Teile des Gangsystems sind als Schauhöhle ausgebaut. Diese Touren sind auf Wochen vorher ausgebucht.

INTERESSE FÜR HÖHLEN STEIGT

Seit der spektakulären Rettung des Forschers Johann Westhauser im Sommer 2014 aus der Riesendinghöhle bei Berchtesgaden ist in der Öffentlichkeit das Interesse an Höhlen gestiegen. In 1000 Metern Tiefe hatte ein Stein Westhauser am Kopf getroffen, er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Elf Tage mühten sich Retter aus fünf Ländern, ihn aus Deutschlands tiefster Höhle nach oben zu holen.

„Auf einem Boden stehen, auf dem noch kein anderer stand“, so beschrieben Kollegen Westhausers, die bei der Bergung halfen, ihre Begeisterung. Die Welt unter der Erde bietet neue Blicke: Seen, Tropfsteine in fantastischen Formen, tiefe Schächte, im Schein der Stirnlampe schillerndes Eis. Und Dimensionen, die kaum zu fassen sind. Wie groß mag die Felsfigur am Ende des Saales sein? Wenn Vergleiche wie Bäume und Autos fehlen, ist eine schnelle Schätzung fast unmöglich.

TIERE OHNE AUGEN UND OHNE PIGMENT

Mit Fallen sammelten die Experten in den vergangenen zwei Jahren aus der Wendelsteinhöhle und sechs anderen Gewölben 13 000 Tiere ein. Dabei zählten sie mehr als 200 Arten. Bei einer Höhlenwasserassel und einem Höhlenflohkrebs aus der Wendelsteinhöhle könnte es sich um bisher unbekannte Wesen handeln, berichtet der Fuldaer Höhlentierspezialist Stefan Zaenker, der die Untersuchung leitete.

Von beiden Tieren werden zusammen mit der Zoologischen Staatssammlung in München die Erbanlagen bestimmt. Sie sollen mit einer weltweiten DNA-Datenbank abgeglichen werden. „Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass das Arten sind, die wir bisher nicht kannten. Ich bin ganz gespannt“, sagt Zaenker (51), der im Alltag Finanzbeamter ist.

Die Arten im Halbdunkeln der Eingänge und tief drin in der ewigen Nacht bilden ein eigenes Ökosystem. Sie besitzen besondere Lebensweisen. Viele Bewohner der Dauer-Dunkelheit haben weder Pigment als Farbstoff noch Augen. Etwa der Grottenolm, eine den Salamandern verwandte Art. Weil das Nahrungsangebot so gering ist, bleiben die meisten echten Höhlenbewohner nur einige Millimeter klein.

„EINE SEHR GUTE LUFT IST HIER DRIN“

Wer mit Peter Forster unterwegs ist, darf noch weiter vordringen. Er führt seine Gruppe tiefer hinein, über glitschigen Fels und enge Schächte klettern seine Begleiter vorwärts. Sie ducken sich unter Felsen durch. Metalltritte erleichtern an schwierigen Stellen den Weg durch den schluchtartigen Herz-Canyon bis in die Herzkammer.

„Eine sehr gute Luft ist hier drin“, stellen die Tour-Teilnehmer fest. Die hohe Luftfeuchtigkeit kondensiert Wasser an Partikeln, die zu Boden sinken. Die Luft ist reizarm. Der hohe Kohlendioxid-Gehalt hat zudem beruhigende Wirkung.

Die Höhlenkletterer bewegen nach ihrem Ausflug in Bayern zunächst ganz andere Gefühle: „Ein Abenteuer“, schwärmen die Teilnehmer.

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